Tech-Milliardär

Geheimvorträge über den Antichristen: Wie Peter Thiel im Vatikan für Aufruhr sorgt

Keine Handys, strikte Geheimhaltung: In Rom warnt der Palantir-Gründer vor dem Antichristen und dem Armageddon – und sorgt dabei für ein Regierungsbeben.

Der amerikanische Tech-Milliardär Peter Thiel spricht in Rom über den Antichristen.
Der amerikanische Tech-Milliardär Peter Thiel spricht in Rom über den Antichristen.ALEX WONG/GETTY IMAGES NORTH AMERICA/Getty Images via AFP

Für den amerikanischen Tech-Milliardär Peter Thiel steht fest: Die Menschheit steuert auf eine Apokalypse zu – und nur eine Macht kann sie aufhalten: der Katechon.

Der Begriff aus dem Zweiten Thessalonicherbrief beschreibt jene Instanz, die das Erscheinen des Antichristen verzögert. Genau darüber spricht der Palantir-Gründer seit Sonntag in Rom – hinter verschlossenen Türen. Die Treffen finden an einem geheim gehaltenen Ort statt. Mobiltelefone und Notizen sind verboten. Die Regierung gerät in Bedrängnis.

Warum spricht Thiel in Rom über den Antichristen?

Rund hundert Gäste wurden eingeladen. Nach Angaben der Veranstalter handelt es sich vor allem um Meinungsführer aus der italienischen katholischen Szene. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Associazione culturale Vincenzo Gioberti, einer konservativ-intellektuellen Kulturvereinigung.

In einer Mitteilung erklärt der Verein, Thema der Vorträge sei der Antichrist, ein „vergessenes und oft karikaturhaft dargestelltes Thema“, das jedoch „dramatische Bedeutung“ für das Verständnis der Gegenwart habe.

Die Beschäftigung damit sei keine mittelalterliche Spielerei, heißt es weiter. Vielmehr gehe es darum, anzuerkennen, dass Kräfte am Werk seien – offen oder verborgen –, die „das zerstören wollen, was vom Westen, wie wir ihn lieben, noch übrig ist“. Das „Herz der Finsternis des Silicon Valley“ – so wird Thiel in der Mitteilung bezeichnet – besitze den „Mut“ und die „intellektuelle Freiheit“, diese Gefahr beim Namen zu nennen.

Thiels Besuch sorgt in Italien politisch für Unruhe. Die Abgeordneten des sozialdemokratischen Partito Democratico (PD), Andrea Casu und Giuseppe Provenzano, stellten eine parlamentarische Anfrage zu möglichen Kontakten zwischen der italienischen Regierung und Thiels Unternehmen, insbesondere Palantir Technologies.

Casu bezeichnete Thiel als „König der Massenüberwachung“, der „nie verheimlicht habe, seinen Einfluss auch in europäischen Ländern ausweiten zu wollen“. Auch Elisabetta Piccolotti von der linken Alleanza Verdi e Sinistra fordert Klarheit über mögliche Treffen mit der italinischen Regierung: „In wenigen Tagen kommt Peter Thiel nach Italien, doch weder die Regierung noch Giorgia Meloni beantworten eine einfache Frage: Wird die Ministerpräsidentin oder ein anderer Minister ihn treffen – oder nicht?“

Nach Angaben der Zeitung Corriere della Sera wird ein Treffen mit Ministerpräsidentin Giorgia Meloni inzwischen aus Regierungskreisen dementiert. Innerhalb der Regierungspartei Fratelli d’Italia soll derzeit die Linie gelten, Abstand zum PayPal-Mitgründer zu halten. Dabei ist nicht zu vergessen: Die italienische Ministerpräsidentin pflegt ein enges Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump und dessen Vizepräsidenten JD Vance. Letzterer gilt als politischer Zögling von Peter Thiel, der Vance als Mentor maßgeblich den Weg an die Macht ebnete.

Konflikt mit dem Vatikan

Die Veranstaltung mit Thiel selbst unterliegt strengen Regeln. Nach Medienberichten gilt die sogenannte Chatham-House-Regel, nach der Inhalte zwar diskutiert, Quellen aber nicht öffentlich gemacht werden dürfen. Zudem sollen Teilnehmer eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterschrieben haben. Bei Verstößen droht demnach eine Vertragsstrafe von 10.000 Euro.

Thiels Positionen sorgen auch im Vatikan für Kritik. Der Unternehmer, der Trump finanziert und im Präsidentschaftswahlkampf 2016 unterstützt hat, warnt seit Jahren vor der Gefahr eines „einheitlichen totalitären Weltstaates“, der wissenschaftlichen Fortschritt bremsen könne. Befürworter strenger Technologie-Regulierung sieht er als mögliche Vorboten des Antichristen.

„Man spricht ständig über existenzielle Risiken, und daraus folgt dann: Das muss reguliert werden“, sagte Thiel im vergangenen Jahr der New York Times. Papst Leo XIV vertritt dagegen eine andere Linie. Er fordert stärkere Regeln für Künstliche Intelligenz, um Risiken zu begrenzen – nicht, um Innovation zu stoppen, sondern, um sie zu lenken.

Die katholische Zeitung Avvenire veröffentlichte im Vorfeld mehrere kritische Beiträge über Thiel. Darin heißt es, seine Sicht auf die Geschichte sei von tiefer Skepsis geprägt: Statt an Erlösung zu glauben, versuche er, den möglichen Zusammenbruch der Welt mit maximaler Macht zu steuern.

Auch der Theologe Wolfgang Palaver kritisiert Thiels Bibelauslegung. Eine von Thiel herangezogene Passage aus dem Ersten Thessalonicherbrief beziehe sich nicht auf den Antichristen, sondern sei eine Warnung vor falschen Sicherheitsversprechen. „Der biblische Text gibt das gar nicht her“, sagte Palaver laut einem Beitrag vom Januar auf Vatican News.

Palaver sieht Thiels Denken in der Tradition des Staatsrechtlers Carl Schmitt. Demnach werde der Antichrist als Chiffre für eine regulierte Weltordnung verstanden, die abgelehnt werde; an ihre Stelle trete das Konzept einer „Großraumordnung“. Der Theologe bezeichnet es als „besorgniserregend und beängstigend“, dass solche Vorstellungen heute wieder in der internationalen Politik auftauchen.

Schatten des Epstein-Skandals

Thiel ist zudem in den Skandal um den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein verstrickt. Laut Dokumenten stand er bis kurz vor Epsteins Tod mit diesem in Kontakt und machte Geschäfte mit ihm. Epstein investierte unter anderem mehr als 40 Millionen Dollar in Thiels Venture-Capital-Firma Valar Ventures.

Sicher ist nur: Wenn Thiel über den Antichristen, Technologie und die Weltordnung spricht, geht es am Ende immer um das profanste aller Themen: die Macht.