Die Hölle in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli war nass und kalt. Menschen kletterten in den Dörfern am oberen Verlauf der Ahr am Abend des 14. Juli als letzte Rettung auf ihre Dächer, nachdem die Flut auch in die oberen Stockwerke ihrer Häuser geschwappt war. Sie harrten dort im Dunkeln ohne Strom und Kontakt zur Außenwelt aus. Handys blieben ohne Mobilfunknetz stumm. Das Ahrtal war für Stunden aus der Zivilisation verschwunden.
Die Menschen im Ahrtal und anderen Katastrophengebieten wie das von einem Hangrutsch halb weggerissene Erftstadt in Nordrhein-Westfalen haben in der Flutnacht eine Erfahrung gemacht, die sie von anderen Menschen in Deutschland unterscheidet. Sie wurden herausgerissen aus einem Leben, dem existenzielle Not fremd war. Psychologen verglichen die Traumata mit denen von Kriegsflüchtlingen. Niemand außerhalb der Katastrophengebiete kann verstehen, was das Wegspülen der Existenz und des sozialen Gefüges in den Kurorten und Weindörfern in den Menschen angerichtet hat.
Und doch haben die Bilder der Katastrophe auch weit über das Ahrtal hinaus Gewissheiten davon geschwemmt. Rheinland-Pfalz ist nicht Bangladesch. Und doch wirkte es so am Morgen des 15. Juli.
Die tief erschütterten Menschen in den Katastrophengebieten verlangten Antworten auf die Frage, wie das geschehen konnte. Wer hat sie im Stich gelassen? Wie konnte es sein, dass ihnen ihr Elend im reichen Deutschland nicht erspart blieb?
Europäische Flutwarnbehörde schickte Warnung
Die Antwort ist kompliziert. Der gerüchteumwobene Landrat Jürgen Pföhler (CDU) bietet sich an für eine Mythenbildung. Der Untersuchungsausschuss des Landes offenbarte die Peinlichkeiten aus seiner SMS-Kommunikation in der Flutnacht. Statt die Bevölkerung im unteren Ahrtal zu warnen, soll Pföhler laut Zeugenaussagen im Wissen um die drohende Flut einen trockenen Platz für seine Porsche gesucht haben. Doch Pföhlers Verfehlungen entlasten ein System nicht, das weit über den Landkreis Ahrweiler hinaus Hinweise ignorierte. Die Europäische Flutwarnbehörde EFAS schickte schon Tage zuvor eine Warnung nach Deutschland. Keine Behörde nahm sie ernst.
Versagt haben auch die etablierten Warnsysteme. Apps wie Katwarn oder Nina erwiesen sich vielerorts als nutzloser digitaler Firlefanz. Sie funktionierten ohne Strom und Mobilfunk nicht. Sirenen waren im Ahrtal und in anderen Flutgebieten so rar wie überall in Deutschland seit dem Ende des Kalten Krieges.
Es gab bereits Hochwasser im Ahrtal
Fluten mit Dutzenden von Toten gab es im Ahrtal schon 1804 und 1910. Wissenschaftler der Universität Bonn fanden heraus, dass die Wassermassen 2021 nicht größer waren als damals. Das Ahrtal wurde wie viele Täler in Deutschland dicht besiedelt. Es waren die Häuser und die bald mit Treibgut verstopften Brücken, die das Wasser der Ahr zu enormen Pegelständen anschwellen ließ.
Bedingungen wie im Ahrtal finden sich überall in Deutschland. Jeder begradigte Bach in einem dicht bebauten Tal hat das Potenzial, wie die Ahr zum Monster anzusteigen. Der Klimawandel begünstigt Starkregen. Der erlahmende Jetstream klebt immer öfter Tiefdruckgebiete wie am 14. Juli über Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen förmlich an einem Fleck fest.
Bund und Land wollen Kompetenzen bündeln
Der im Föderalismus auf verschiedene Ebenen aufgeteilte Katastrophenschutz ist nicht auf der Höhe der Zeit. Für das Ahrtal kommt diese Erkenntnis zu spät. Der Bund verspricht Besserung und hat ein Kompetenzzentrum mit den Ländern eingerichtet. Mehr Sirenen und Warnungen per SMS über das sogenannten Cell Broadcasting werden in Aussicht gestellt. Dabei hat sich das Handy als von den Netzen abhängiges Alarminstrument während der Flut im vergangenen Jahr als wenig nützlich herausgestellt.
Ralph Tiesler, der neue Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), lässt mit einer radikalen Forderung aufhorchen. Exponierte Flächen sollten aufgrund des Klimawandels aufgegeben werden. Ansonsten drohten deutsche Klimaflüchtlinge, warnte Tiesler in einem Interview.
Seine mahnenden Worte finden nicht einmal am Ort der Katastrophe Gehör. Die Einteilung der Hochwasserschutzzonen im Ahrtal erlaubt den Wiederaufbau in einer bis zu zwei Drittel der betroffenen Gemeinden umfassenden Überschwemmungszone unter Auflagen. Anders wären viele Ortschaften nicht zu retten. Kritiker werfen der Politik schon „Hochwasser-Demenz“ vor.
Auch in Überschwemmungsgebiet soll gebaut werden
Auch viele der Flutgeschädigten fühlen sich vergessen. Sie kämpfen mit ihren Versicherungen um Schadenersatz oder um Mittel aus den öffentlichen Fonds. Gutachter prüfen penibel, um Betrug zu verhindern. Bürokratische Hürden erweisen sich für Traumatisierte als unüberwindlich.
Experten bringen eine Pflichtversicherung gegen Klimaschäden ins Gespräch. Der Einzelne soll nicht alleine gelassen werden, mit den von der Gesellschaft verantworteten Folgen der Erderwärmung. Versicherungsunternehmen warnen aber schon, dass sich Menschen in Gebieten wie dem Ahrtal die Policen angesichts der Risiken niemals leisten könnten.
Krisen nehmen zu
Die Lehren aus der Flutnacht sind eine Aufgabe für das ganze Land. Die Vorstellung, wirklich Schreckliches geschehe hier nicht, müssen Bürger und Behörden in Zeiten multipler Krisen schnell überwinden. Die Vorstellung der Deutschen, in einem inhärent sicheren Land zu leben, hat sich im 21. Jahrhundert als Illusion erwiesen. Ebenso die Gewissheit, dass der tüchtige Staat jede Lage in den Griff bekomme. Die Blauäugigkeit, mit der nach dem Ende Kalten Krieges im Glauben an den ewigen Frieden Sirenen verschwanden, wurde den Deutschen mit dem russischen Überfall auf die Ukraine schmerzlich bewusst.




