An diesem Samstag existieren in Gießen zwei Orte, die miteinander verbunden sind und doch kaum zueinander finden: Draußen laufen Menschen über Bundesstraßen, springen Clowns durch Polizeiketten, krachen Wasserwerfer gegen menschliche Barrikaden. Drinnen, im Inneren der Hessenhalle, setzt sich eine junge Frau auf einen königsblauen Stuhl und erzählt ihrem Sitznachbarn, wie sie von Demonstranten eingekesselt wurde.
Während die einen noch vom Weg durch die Blockaden erzählen, wird auf der Bühne mit mehrstündiger Verspätung der Beginn einer „historischen Veranstaltung“ eingeläutet: die Gründung der neuen AfD-Jugendorganisation. Die Reihen füllen sich, Ordner weisen Plätze zu, Mikrofone werden getestet. Alles ruhig und harmonisch? Nicht ganz. Nach und nach wird deutlich, dass die Konflikte, die vor der Tür eskalieren, im Inneren der Hessenhalle ihre eigenen Formen finden.
„Staatlich finanzierte Zivilgesellschaft“
Rund 1.000 Delegierte, Mitglieder und Unterstützer sind nach Gießen gereist, um über das Statut, den Namen und den ersten Vorstand der Jugendorganisation abzustimmen. Die AfD verabschiedet sich damit endgültig von ihrer bisherigen Jugendorganisation, der Jungen Alternative. Der Verein war vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft und von der Partei im Frühjahr aufgelöst worden.
Als der brandenburgische AfD-Politiker Dennis Hohloch schließlich ans Rednerpult tritt und die Veranstaltung für eröffnet erklärt, ist die Halle fast vollständig gefüllt. Sein Ton ist scharf. Er spricht von „staatlich finanzierter Zivilgesellschaft“, die gewaltbereit sei, und von einem Land, in dem Friedrich Merz linke Gruppen unterstütze.
Hohloch zeichnet das Bild eines politischen Kampfes, den die neue Jugendorganisation führen solle, aus „Liebe zur Heimat“, wie er sagt. Er verurteilt das Vorgehen der Demonstranten als Beleg dafür, dass „dieser Staat an Legitimität verliert“. Seine Rede endet mit dem Satz: „Vor einem Jahr hätte niemand gedacht, dass wir heute hier stehen.“
Nach Hohloch tritt Hannes Gnaub auf, der frühere Chef der aufgelösten Jungen Alternative. Er spricht von Professionalisierung, von einem gereiften Selbstverständnis und von der Hoffnung, dass die neue Jugendorganisation die größte der Republik werden könne. Tosender Applaus bricht aus.

Tino Chrupalla betritt die Bühne. In seiner Rede verknüpft er die Gründung der Jugendorganisation mit gesellschaftspolitischen Fragen: der Rolle junger Männer, der Bundeswehr, der Rentenpolitik. Er mokiert sich über die Junge Union und vergleicht die CDU mit einer Struktur, die ihre eigenen Nachwuchspolitiker „mit Zuckerbrot und Peitsche auf Kurs“ bringe. Von der neuen AfD-Jugend fordert er das Gegenteil: Standhaftigkeit, Eigenständigkeit, keine Anpassung an den politischen Mainstream.
„Ihr dürft keine Grüne Jugend von rechts sein und keine glattgebügelte Junge Union“, sagt er. Chrupalla spricht von Fehlern, die in seiner Partei gemacht worden seien, von Übereifer, von „Kopf durch die Wand“-Mentalität. Die neue Jugendorganisation solle anders sein, strategischer, überlegter. Dann sagt er einen Satz, der in der Halle viel Zustimmung erfährt: „Die Nazi-Keule zieht nicht mehr.“
Alice Weidel will „Geschichte schreiben“
Co-Chefin Alice Weidel übernimmt und die Stimmung im Saal verändert sich schlagartig. Ihr Einstieg ist knapp, fast pragmatisch: „Ich werde keine politische Rede halten“, sagt sie, „weil wir hier heute fertig werden wollen.“ Doch dann folgt ein anderer Ton. Sie spricht über die Proteste, über Verletzungen, über einen Abgeordneten, der angeblich zusammengeschlagen worden sei. Der Saal hört still zu. Weidel spricht von Angst, von Gewalt, von einem Klima, das sie als „zutiefst undemokratisch“ bezeichnet.
Dann wendet sie sich abrupt den Medien zu, insbesondere dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. „Sie haben einen Anteil am Klima in diesem Land“, ruft sie den Journalistinnen und Journalisten im Presseblock zu und zeigt mit ausgestrecktem Finger auf die letzte Reihe in der Halle. „Lassen Sie uns dieses Wochenende nutzen, um Geschichte zu schreiben“, sagt sie am Ende und verlässt die Bühne.

Nach diesen Auftritten beginnt der organisatorische Teil, der nüchtern, aber in Teilen konfliktreich verläuft. Die Versammlungsleitung ruft den Tagesordnungspunkt „Anträge“ auf. Auf dem Papier wirkt der Vorgang simpel: Es muss über den Namen der neuen Jugendorganisation, das Statut und mögliche Änderungen abgestimmt werden. Doch in der Praxis zeigt sich, wie heterogen die Gruppe der Delegierten ist.
Ein Antrag fordert, die Organisation solle nicht „Generation Deutschland“, sondern „Jugend Germania“ heißen. Ein Redner argumentiert, dieser Name repräsentiere die deutsche Geschichte umfassender. Applaus bricht aus. Doch Jean-Pascal Hohm, der zu diesem Zeitpunkt designierte Vorsitzende, meldet sich sofort zu Wort und beantragt die „Nichtbefassung“. Er wolle sich nicht mit historischen Debatten auseinandersetzen, die „schon geführt wurden“. Stattdessen solle man sich auf die „Kernaufgaben“ konzentrieren.
Eine Gegenrede folgt unmittelbar: Das Jugendstatut gleiche einem „Knebelvertrag“, die Jugend müsse frei und eigenständig bleiben. Der Redner wirkt angespannt, spricht von „zu viel Einfluss des Bundesvorstands“. Die Halle wirkt in diesen Minuten wie ein Spiegel der parteiinternen Debatten: Ein Kampf um Identität, Richtung, Kontrolle.
Immer wieder werden Anträge gestellt, die Debatte zu beenden. Dann wieder Anträge, die Debatte über das Ende der Debatte fortzusetzen. Es ist ein Hin und Her, das anstrengend wirkt und gleichzeitig zeigt, dass die neue Organisation keineswegs geschlossen ist. Einige Delegierte stehen mehrfach am Mikrofon, andere schütteln den Kopf, wieder andere diskutieren im Flüsterton.
Nur ein Kandidat für den Vorsitz der Jugendorganisation
Schließlich ergibt eine elektronische Abstimmung: 46 Prozent sind für eine Nichtbefassung, 53 Prozent dagegen. Damit wird über die Anträge gesprochen und die Namensänderung knapp abgelehnt. „Generation Deutschland“ ist damit offiziell beschlossen.
Am frühen Nachmittag folgt dann der wichtigste Tagespunkt: die Wahl des Vorsitzenden. Jean-Pascal Hohm, 28 Jahre alt, ist der einzige Kandidat. Die formalen Pflichtfragen beantwortet er knapp: Mitglied seit 2014, keine Vorstrafen, keiner anderen Partei je angehört.

Seine anschließende Rede ist kurz und präzise. Er sagt, er habe sich zunächst „nicht darum gerissen“, die Aufgabe zu übernehmen, doch die Lage im Land habe ihn überzeugt. Er spricht von inneren und äußeren Spaltungstendenzen, die man überwinden müsse.




