Kolumne

Trip nach Dresden: Was ich als Wessi in Sachsen gelernt habe

Keine Vorurteile, viel Herzlichkeit - meine Erfahrungen in Dresden haben mich mehr geprägt als man heute vermuten könnte. Was unterscheidet die Menschen dort von den Berlinern?

Bleibt schön, auch in der Erinnerung: Drtesden zur blauen Stunde
Bleibt schön, auch in der Erinnerung: Drtesden zur blauen StundeIMAGO/imageBROKER/Wolfgang Veeser

Ich bin ein Wessi und das erste Mal war ich 1994 in Dresden. Ich war mit einer Freundin dort, die mit ihrer Mutter über die Prager Botschaft in den Westen geflüchtet war und die ich auf einer Party in Bochum kennengelernt hatte.

Vieles war provisorisch, tastend, neugierig

Wir wohnten in der Dresdner Neustadt, die mir als das „Kreuzberg Dresdens" angepriesen wurde. Ich weiß noch, dass ich gerade den Ersten Mai erlebt hatte und nur dachte: Bitte, nicht!

Es war eine Zeit, in der noch viel im Provisorium war: Häuser eingerüstet, Straßen aufgerissen, Selbstverständlichkeiten neu verhandelt. Man konnte den Umbruch sehen. Aber man konnte ihn vor allem spüren. Die Gespräche waren tastend, neugierig, manchmal unbeholfen, beiderseits – aber selten ideologisch aufgeladen. Ich fand alles frisch, und auch ich als Westdeutscher war aufgeregt.

Ich bin damals ohne besonderes Programm gefahren. Ich fuhr auch nicht als „Wessi“, sondern als Besucher einer Stadt, die ich nicht kannte. Und ich wurde auch so behandelt. Man kam ins Gespräch, nicht weil man musste, sondern weil man wissen wollte: Wie war es bei euch? Wie ist es jetzt? Und umgekehrt genauso.

Was mir in Erinnerung geblieben ist: Es gab Unterschiede, ja. Aber sie standen nicht im Raum wie Vorwürfe. Es war eher ein gegenseitiges Vermessen einer neuen Wirklichkeit. Man sortierte sich neu ein; dass das zulasten der einen Seite ging, empfand man damals noch nicht so. Vielleicht empfand auch ich es einfach nicht. Klar, ich war ja auch im siegermächtigen Westen sozialisiert. Für mich passierte die friedliche Revolution im ÖRR.

Dresden selbst war natürlich eine Zumutung an jede einfache Erzählung. Zu viel Geschichte, zu viel Bruch, zu viel Schönheit auf engem Raum. Die Stadt widersetzte sich schnellen Urteilen. Vielleicht hat das geholfen. Vielleicht zwingt eine solche Kulisse zu einer gewissen Demut. In den frühen Neunzigern hatte ich nicht den Eindruck, dass sich Ost und West als Gegenüber mit festgefügten Rollen begriffen. Es war eher eine Phase des Ausprobierens. Sicher, es gab Arroganz, es gab Verletzungen. Aber sie waren nicht die dominierende Erzählung. Heute ist das anders.

Der Osten wird häufig als politisches Problemgebiet verhandelt. Wahlergebnisse werden zu Mentalitätsdiagnosen und regionale Besonderheiten zu Charakterfragen. Aus Differenzen werden quasi genetisch determinierte Wesenszüge. Und auf beiden Seiten mittlerweile die ewige Routine der Zuschreibung: hier die „Abgehängten", dort die „Besserwessis". Die Begriffe sind so abgenutzt, dass man ihre Grobheit kaum noch bemerkt.

Was mir heute fehlt

Ich kann diese pauschalen Bilder schwer mit meinen Erfahrungen in Einklang bringen. Nicht weil ich glaube, dass es keine Spannungen gibt. Sondern weil ich gelernt habe, dass Wirklichkeit widerspenstiger ist als ihre Schlagworte.

Dresden war für mich allerdings nie eine Chiffre für irgendetwas. Es war eine konkrete Stadt mit konkreten Menschen. Mit Skepsis, mit Humor. Wie überall. Und ich wurde vorurteilsfrei empfangen; ich wohnte in der Neustadt, die ich charmant fand; wir waren auf Technopartys in einer stillgelegten Fabrik.

Dass die Treuhand Schuld hatte an der Schließung, dass wir feierten, wo Menschen noch ein paar Jahre zuvor in Lohn und Brot waren, auf die Idee kam ich nicht. Es wurde mir als Westdeutschem aber auch nicht unter die Nase gerieben; ich hätte ohnehin nichts zu erwidern gewusst. Damals. Ich habe dort Freunde gefunden und wurde eigentlich immer gut aufgenommen. Das fehlt mir heute; ich habe Dresden als einen warmherzigen und wunderschönen Ort kennengelernt, der er sicherlich noch ist. Trotzdem fühlt es sich heute anders an, an die Elbe zu fahren.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Die Realität vor Ort ist meistens weniger spektakulär, weniger ideologisch und deutlich normaler, als es die großen Debatten suggerieren. Man muss nur hinfahren.