Als ich Kind war, hatte der Ort so etwas wie Magie für mich. Goldene Fahrstühle, kitschiger Goldstuck und nicht zuletzt der Name selbst ließen vermuten, dass diese 2006 eröffnete Shoppingmall etwas ganz Besonderes sei.
Für mich als Zehnjährige – also vor genau zehn Jahren – war „Das Schloss“ zwar nicht das Highlight des Wochenendes, aber doch einen Besuch wert. Mit seiner Kudamm-Nähe hatte der Tauentzien mehr Urbanität, aber für Berlinerinnen und Berliner aus dem Süden galt die Schloßstraße als pragmatische Alternative dazu.
Konkret war der Deal: Erst in der über den Läden gelegenen Stadtbibliothek Steglitz-Zehlendorf die fälligen Bücher zurückgeben, sich etwas Neues aussuchen und anschließend mit einem Elternteil einen Karamell-Macchiato (eigentlich bloß mit Sirup aufgeschäumte Milch, hörte sich aber so viel besser an) im immer gleichen Café trinken.
Nebenbei die Projektionen von Meerestieren und Korallen an der 1200-Quadratmeter-Decke anstarren, bis das Zuckergetränk ausgeschlürft war. Anschließend hatte man wieder genug Energie, um brav hinterherzutrotten, während die Erwachsenen ihre Besorgungen machten.
Besagtes Stammlokal ist mittlerweile geschlossen, die bunten Animationen über den Köpfen sind erloschen und auch sonst stimmt der Anblick der Mall und der umliegenden Straße heute eher traurig. Während man selbst erwachsen geworden ist, blieb die Schloßstraße auf dem Stand von vor einem Jahrzehnt. Um nicht zu sagen: Sie hat sich zurückentwickelt.

Halbe Etagen sind wie leergefegt, sodass es sich anfühlt, als wäre man irgendwo, wo man nicht sein sollte. Nur noch vereinzelte Läden scheinen gegen das Unvermeidliche anzukämpfen. Wahrscheinlich könnten sich Das Schloss, der Boulevard Berlin und die übrigen Center Richtung Walther-Schreiber-Platz, die an ihren Fassaden mit Supermarkt- und Drogeriekettennamen werben statt mit Lifestyle, zu einem einzigen Center zusammenschließen, ohne dass jemand etwas vermissen würde.
Einkaufen zum Weglaufen
Verlässt man die Mall und tritt auf die Schloßstraße hinaus, geht es an einer Reihe von kleinen Läden vorbei. Ein Euroshop, ein altmodischer Hutladen, ein Juwelier mit viel zu grellem Licht und mehrere Schuhgeschäfte, die sich weder im Angebot noch in ihrer „Hier gibt es Schnäppchen im Schlussverkauf“-Aufmachung unterscheiden. Da kommt die Frage auf, wen genau die Schloßstraße ansprechen will. Irgendwie gibt es hier nämlich alles, was man rein alltagstheoretisch so braucht: Technik, Kleidung, Deko- und Bastelkram. Gleichzeitig gibt es nichts, was man unbedingt haben möchte.
Was bleibt, ist eine Meile des Pragmatismus ohne echten Pull-Faktor. Niemand kommt zur Schloßstraße, um seelenruhig ein bisschen zu stöbern. Um sich etwas zu gönnen, weil man sich mal wieder einbildet, es sich verdient zu haben. Um sich selbst zu belohnen, dafür fehlen hier passende Läden. Kein Shop, der eine spannende Kollektion für die kommende Saison bereithält. Keiner, den man betritt und dabei „Ich will nur mal schauen“ denkt – und dann doch etwas findet, dem schwer zu widerstehen ist.
Zur Schloßstraße kommt man mit einem festen Plan: Lebensmittel, Zahnpasta, vielleicht noch ein Set aus Duschschaum und Bodylotion für Geschenknotfälle. Hier wird nicht flaniert, hier geht es zackig von A nach B, um möglichst schnell alle Posten der To-do-Liste abzuhaken und dann wieder nach Hause zu fahren. Wenn zur Weihnachtszeit das Schaufenster einer der vielen Apotheken noch das spannendste war, dann stimmt etwas nicht mit einer Einkaufsstraße.



