Ist die Gen Z faul?

Generationenforscher: „Ich sehe, wie unreflektiert einige junge Menschen sind“

Der Psychologe Rüdiger Maas kritisiert im Interview Julian Kamps’ Video über die Gen-Z-Arbeitsmoral – und analysiert, worin der Konflikt zwischen Jung und Alt eigentlich besteht.

Rüdiger Maas erklärt, warum die Jugend ein Spiegel der Gesellschaft sei.
Rüdiger Maas erklärt, warum die Jugend ein Spiegel der Gesellschaft sei.Rüdiger Maas

In den letzten Wochen sorgte ein Video des Influencers Julian Kamps für Furore: Darin hatte er behauptet, dass das klassische Nine-to-Five „quatschig“ sei. Obwohl der 25-Jährige auf große positive Resonanz bei Gleichaltrigen gestoßen ist, häuften sich unter dem Beitrag ebenso zahlreich die wütenden Kommentare, in denen vor allem vermeintlich ältere Menschen die Arbeitsmoral der Gen Z kritisierten und die ihr Zugehörigen als faul abstempelten.

Der Psychologe und Vorstand des Augsburger Instituts für Generationenforschung, Rüdiger Maas, beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen den verschiedenen Alterskohorten und hat Bücher zum Thema veröffentlicht. Im Interview erklärt der Sozialforscher, woher die Konflikte in Bezug auf Arbeit kommen und warum er denkt, dass das Video von Julian Kamps von dessen Ignoranz zeugt.

Infobox image
Rüdiger Maas
Zur Person
Dr. Rüdiger Maas wurde 1979 in Schwabmünchen geboren und ist ein promovierter Diplom-Psychologe. 2017 gründete er in Augsburg zusammen mit Hartwin Maas das Institut für Generationenforschung und hat seitdem mehrere Bücher mit einem besonderen Fokus auf die Generation Z geschrieben. Unter anderem schaffte es „Generation lebensunfähig“ auf die Spiegel-Bestsellerliste. Nebenberuflich hat er außerdem Philosophie studiert und promoviert derzeit an der Philosophischen Hochschule in München zum Thema Generationengerechtigkeit.

Herr Maas, Sie setzen sich mit den Generationenverhältnissen auseinander. Welche Altersklassen streiten im Moment am lautesten über die Arbeitsbedingungen?  

Die Generation der Älteren, die in den nächsten zehn Jahren in Rente gehen, und die, die jetzt in den Arbeitsmarkt eintreten, haben den größten Konflikt, weil sie in ihrem Arbeitsleben einen vollkommen anderen Erlebnishorizont haben und hatten.

Für die Älteren war es gar nicht so leicht, eine Arbeit zu bekommen; auf gute Stellen haben sich bis zu 100 Leute beworben. Dann war man stolz, wenn man den Arbeitsplatz bekommen hat. Dadurch hat man sich schnell mit der Arbeit identifiziert und darüber definiert. Man war dann „Siemensianer“, Abteilungsleiter bei VW – und nicht mehr Max Mustermann.

Wie erleben die Jüngeren im Kontrast dazu Arbeit?

Die Nachwuchskräfte, die jetzt auf den Arbeitsmarkt kommen, erleben Arbeit völlig anders. Sie bekommen niedrigschwellige Angebote und relativ viele Zusagen. Es ist für alle leichter geworden: mehr Menschen, die Abitur schreiben, mehr Eins-Komma-Abiturienten und auch mehr Studierende. Dadurch haben wir mehr Leute mit höherem Abschluss – aber nicht unbedingt mit höherer Bildung. Viele rutschen einfach durch, weil man nicht mehr strikt genug ist.

Ich komme dann natürlich mit einem anderen Mindset in die Arbeitswelt. Ich habe drei Zusagen in der Tasche und denke mir: „Sei doch froh, dass ich bei dir anfange, und kümmere dich auch ein bisschen mehr um mich!“

Welche Auswirkungen hat das Aufeinandertreffen dieser beiden Positionen in der heutigen Arbeitswelt?

Die Jüngeren bestehen auf Privilegien, die sich die Älteren jahrelang erarbeitet haben. In Studien, die danach fragen, was einem in Bezug auf Arbeit wichtig ist, zeigen sich kaum Unterschiede zwischen den Generationen. Aber genau daran stören sich die Älteren: Sie fühlen sich entmachtet und vom Nachwuchs respektlos behandelt, weil dieser die gleichen Rechte einfordert, die früher nur durch langjähriges Arbeiten zugestanden wurden.

Kann man die junge Generation dafür kritisieren?

Ich kann niemandem vorwerfen, sich am Büfett zu nehmen, was einem schmeckt, wenn ich es bin, der dieses Büfett anbietet. Die Jugend ist ein Spiegel der Gesellschaft: An ihr wird das Erziehungsverhalten der vorherigen Generation sichtbar, die ihren Kindern nun mal eine Welt ermöglicht hat, in der man sich permanent um sie kümmert und man als Individuum dadurch einen höheren Stellenwert einnimmt. Die Älteren machen es sich zu leicht, wenn sie ein Verhalten angreifen, das sie selbst ermöglicht haben.

Gleichzeitig machen es sich die jungen Berufseinsteiger schwer, indem sie zu sehr auf ihre Bequemlichkeit achten. Sie haben eine niedrigere Frustrationstoleranz und brechen Aufgaben oft vorzeitig ab, wenn es unangenehm wird. Dabei wäre es wichtig, dranzubleiben, um überhaupt Erfolge erleben zu können.

Durch einen zu intensiven Fokus auf die negativen Aspekte der Arbeit verfällt man in ein Minusdenken – die negativen Aspekte werden stärker wahrgenommen –, und das führt dazu, dass jede Überstunde noch belastender wirkt. Das konnten die Älteren besser, indem sie sich auf das große Ganze konzentriert und ihre Arbeit so als insgesamt positiver erlebt haben.

Wie könnte man den Generationskonflikt schlichten?

Eigentlich gibt es keinen großen Konflikt. Wann hat es das denn schon mal gegeben, dass sich ein 16-Jähriger und ein 70-Jähriger verstehen? Ich finde es gut, wenn der 16-Jährige den 70-Jährigen in seinen Ansichten herausfordert und kritisiert – und umgekehrt. Diese Spannung aufzulösen, käme einem unnatürlichen Harmoniestreben gleich.

Reibung kann auch zur Weiterentwicklung beitragen: Aus zwei gegensätzlichen Positionen entwickelt sich durch Konflikt etwas Neues. Das wird unmöglich gemacht, wenn ein künstlicher Konsens und eine Pseudoharmonie erzwungen werden. Was aber wichtig ist, ist, fair miteinander umzugehen. Und dazu gehört, nicht etwas vorzuwerfen, was man selbst zu verantworten hat.

Ein virales Video des Gen-Z-Influencers Julian Kamps polarisiert momentan die Generationen in Deutschland. Was sagen Sie dazu?

Die Älteren regen sich über ihn auf, aber gleichzeitig tun sie das in Räumen, die eigentlich der Jugend vorbehalten sind. Sie kolonisieren diese Jugendräume. Als sie selbst jung waren, hatten sie Jugendzentren und Punkclubs, zu denen die Älteren von damals gar keinen Zugang hatten – das gibt es heute nicht mal in der digitalen Welt, wie wir an diesem Beispiel gut sehen können.

Wenn wir uns aber ansehen, was Julian Kamps macht, ist es natürlich erst mal ein richtig unsoziales Verhalten gegenüber der Gesamtgesellschaft. Er regt sich mit einer Einkaufstasche in der Hand darüber auf, dass er so viel arbeiten muss, verlangt aber gleichzeitig, dass jemand in den Geschäften arbeitet, in denen er nach Feierabend einkauft. Als Mitte-20-Jähriger hat er wohl nie mitbekommen, dass alle Menschen um ihn herum oft mehr als acht Stunden arbeiten. Das hat er anscheinend immer ausgeblendet, was aus objektiver Sicht sehr ignorant ist.

Dann arbeitet er ja auch noch zusätzlich zu seinen acht Stunden als Influencer und teilt einem dann mit, dass es schlimm ist, so viel zu arbeiten. Ein absoluter Widerspruch für mich. Da hat ein Mensch so viel Reichweite, ohne Informationen zu vermitteln oder Lösungsvorschläge zu machen. Es ist einfach nur ein Zumüllen. Wie wirkt das denn auf Menschen, die dafür arbeiten, dass er die Zeit hat, so etwas zu posten und sich darüber aufzuregen, dass der Prinz jetzt auch mal was arbeiten muss?

Überspitzen Sie jetzt nicht ein wenig, was Julian Kamps gesagt hat? Könnte seine Kritik nicht auch eine Möglichkeit bieten, das System zu verändern?

Nein, es kam ja kein einziger Verbesserungsvorschlag. Das macht es intellektuell auch so unterirdisch. Für ihn gibt es einfach nur zu wenig Freizeit. Ich finde es interessant, dass es so viele gibt, die ihn in seinen Aussagen unterstützen. Da sehe ich sehr stark, wie unreflektiert einige junge Menschen sind.

Wie stehen Sie denn zu alternativen Arbeitsmodellen wie dem von Julian Kamps? Er wünscht sich zum Beispiel, zwei beruflichen Beschäftigungen zu je 50 Prozent nachzugehen.

Das sieht man viel bei jungen Menschen. 30 Prozent von denen, die die Vier-Tage-Woche wollen, haben einen Zweitjob – und zwar, um den Luxus zu finanzieren. Es geht um Ausgeben, Konsum, Leben, Feiern, Spaß haben, Dubai und so weiter. Das kann ich ihnen auch nicht vorwerfen. Das ist genau die Welt, in der sie groß geworden sind. Sie haben nie gelernt zu verzichten.

Welche Rolle spielt Social Media im Streit der Generationen?

Social Media verleitet zur Pauschalisierung: Die Aussagen von einzelnen Personen werden auf die ganze Generation übertragen. Das hat mit einem unterschiedlichen Zugang zu sozialen Medien zu tun. Ältere Menschen kommen aus einer Welt, in der man die Leute, mit denen man zu tun hatte, physisch kannte – in der Peergroup oder am Stammtisch. Diesen Habitus haben sie verinnerlicht.

Wenn sie jetzt etwas online sehen, das ihnen nicht gefällt, müssen sie das ganz dezidiert der Welt mitteilen. Das war früher in sozialen Gruppen sogar erwünscht und wird nun auf die Social-Media-Welt übertragen.

Die Jüngeren sind eher harmoniebedürftiger, aber auch oberflächlicher. Wenn ihnen etwas nicht gefällt, wischen sie einfach weiter und geben sich nicht damit ab – dafür ist das Netz mit seiner Auswahl einfach zu groß. Sie sind auch weniger dazu geneigt, Hasskommentare zu setzen. Das sind zwei völlig verschiedene Arten, mit Social Media umzugehen, und das führt dann zu gegenseitigen Missverständnissen, weil die eine Seite nicht nachvollziehen kann oder sogar fehldeutet, was die andere macht. Da ist ein Unverständnis vorprogrammiert.


Empfehlungen aus dem BLZ-Ticketshop: