GPS

Elektronische Störfeuer: Der Kampf um die Hoheit im Weltraum

GPS ist der Kompass der Weltwirtschaft. Doch die Angriffe auf das Satellitennavigationssystem häufen sich. Die USA suchen daher nach Alternativen.

Ohne Satellitennavigationssystem ist auch die beste Drohne nichts wert.
Ohne Satellitennavigationssystem ist auch die beste Drohne nichts wert.dpa

Als die USA im Rahmen der „Operation Epic Fury“ ihren Angriff auf den Iran starteten, passierte im Persischen Golf etwas Merkwürdiges: Schiffe, die die gesperrte Straße von Hormus passieren wollten, hatten plötzlich Navigationsprobleme.

Das Automatic Identification System (AIS) – ein Funksystem, mit dem Schiffe automatisch GPS-Daten senden und empfangen – zeigte falsche Positionsangaben. Die Kapitäne fuhren auf Sicht.

Kernkraftwerk als Standort vorgegaukelt

Der Grund für die Störung: eine Jamming-Attacke. Dabei werden mithilfe eines elektronischen Geräts Störsignale ausgesendet, die auf derselben Frequenz wie GPS liegen und das schwache Satellitensignal überlagern bzw. blockieren. Die Folge: Navigationssysteme fallen aus. Häufig werden solche elektronischen Störfeuer mit Spoofing-Attacken kombiniert: Dabei werden manipulierte GPS-Daten ausgesendet, die eine falsche Position simulieren.

Laut einem aktuellen Bericht der Analysefirma Windward waren von der Störung über 1650 Schiffe am Persischen Golf betroffen. Die Analysten identifizierten mindestens 30 Jamming-Cluster in emiratischen, katarischen, omanischen sowie iranischen Gewässern. Mal wurde den Schiffen ein Kernkraftwerk als Standort vorgegaukelt, mal ein Flughafen. Wie die Navigationsdaten belegen, fuhren die irrlichternden Schiffe kreisförmige Muster.

Elektronische Störangriffe sind nicht ungefährlich: So kollidierten im Juni 2025 zwei Tanker vor der Küste Omans. Einen Monat zuvor war das Containerschiff „MSC Antonia“ im Roten Meer auf Grund gelaufen. Die mutmaßliche Ursache: GPS-Spoofing. Die Manipulation von Standortdaten birgt für die betreffenden Reedereien, Banken und Versicherungen zudem Compliance-Risiken, weil die Schiffe zu iranischen Häfen umgeleitet werden, die sie nach internationalem Recht gar nicht ansteuern dürften.

Wer hinter den Störangriffen steckt, ist unklar. Fakt ist: Kriege werden heute nicht nur mit Bomben und Raketen geführt, sondern auch mit elektromagnetischen Wellen. Auch in der Ostsee wird der Schiffs- und Flugverkehr im Rahmen Russlands hybrider Kriegsführung beeinträchtigt – Marineeinheiten, Fährbetriebe und Airlines berichten regelmäßig von Ausfällen.

Laut einem Bericht von Bloomberg hat Russland nahe seiner Grenze zu Estland zahlreiche Jammer postiert, um Radarsysteme und Satellitenkommunikation zu stören. Die Fluggesellschaft Finnair musste 2024 wegen der GPS-Störungen zeitweise Flüge von Helsinki ist estnische Tartu einstellen. Seit dem Beginn der russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022 ist die Zahl der Störfälle massiv gestiegen. Auch ein Flugzeug mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an Bord geriet im September 2025 ins Visier eines mutmaßlich russischen Jammers – nachdem das GPS-Signal gestört war, mussten die Piloten eine Stunde lang um den Zielflughafen Plovdiv in Bulgarien kreisen.

Auch im Ukraine-Krieg ist Spoofing fester Bestandteil der elektronischen Kriegsführung – wobei die Störangriffe Menschenleben nicht nur gefährden, sondern auch retten. So sendet die Ukraine im Rahmen ihres Luftverteidigungssystems Pokrova – eine Art unsichtbarer „Iron Dome“ – Fake-Satellitendaten aus, um aus Russland abgefeuerte Shahed-Drohnen vom Ziel abzulenken und kontrolliert auf Feldern zum Absturz zu bringen. Oder gleich nach Russland zurückzuschicken.

GPS war ursprünglich eine Militärtechnologie, die vom US-Verteidigungsministerium entwickelt und erst 2000 unter Präsident Bill Clinton vollständig für die zivile Nutzung freigegeben wurde. Das Navigationssystem ist das Rückgrat der Weltwirtschaft. Ohne GPS würden Lieferketten, Börsen und Infrastrukturen zusammenbrechen. Das Problem: Das Navigationssystem ist – wie die jüngsten Ereignisse am Persischen Golf zeigen – manipulationsanfällig. Bis das Satellitensignal aus rund 20.000 Kilometer Höhe auf die Erde trifft, ist es so schwach, dass es leicht gestört und angegriffen werden kann. Jammer, die kaum größer als ein Smartphone sind, gibt es schon für 100 Dollar im Netz.

Das Pentagon sucht Alternativen

Lange Zeit haben die USA die technologische Infrastruktur dominiert – vom Internet über Zahlungsdienstleister bis hin zu Satellitenkommunikation. Doch mittlerweile haben auch China (BeiDou), Indien (IRNSS) und die EU (Galileo) eigene Satellitennavigationssysteme. Nach Pakistan ist auch der Iran im vergangenen Jahr von GPS auf BeiDou umgestiegen, um ballistische Raketen mit größerer Präzision zu lenken. Auch Logistiker navigieren in dem Mullah-Staat mit chinesischen Satelliten. Das schwächt die Vormachtstellung der USA. Das Pentagon sucht daher nach Alternativen zu GPS – und setzt dabei auf Quantentechnik.

So hat die Darpa, die Innovationsbehörde des US-Verteidigungsministeriums, einen Vertrag mit der australischen Firma Q-CTRL abgeschlossen, das einen speziellen Quantensensor entwickelt hat: Das Gerät richtet einen Laserstrahl auf Rubidium-Atome, die sich in gasförmigem Zustand wie eine kleine Kompassnadel verhalten, um anhand der Reaktionen die Stärke des Magnetfelds zu messen.

Gleicht man diese Daten mit einer Magnetfeldkarte ab, kann man daraus den Standort ableiten. Der Magnetometer, der bereits in einem Kleinflugzeug getestet wird, soll nicht nur präziser, sondern auch weniger störanfällig sein. Ob das Navigationssystem auch auf dem Schlachtfeld funktioniert, muss sich allerdings erst zeigen, denn das Magnetfeld auf der Erde ist unterschiedlich stark. In der Südatlantischen Anomalie, einem Gebiet über Südamerika, ist es zum Beispiel besonders schwach.

Die Suche nach einem GPS-Ersatz läuft daher weiter auf Hochtouren. So will das kalifornische Start-up Xona Space Systems 300 Satelliten in den Orbit schießen, die in rund 1000 Kilometern Höhe um die Erde kreisen sollen. Der Vorteil: Die Daten sind schneller auf der Erde und weniger angreifbar. Der Nachteil: Das Vorhaben ist teuer. In der erdnahen Umlaufbahn kreisen bereits Starlink-Satelliten von Elon Musks Firma SpaceX, die entlegene Gebiete auf der Welt mit Internet versorgen und bei der Kommunikation im Ukraine-Krieg eine zentrale Rolle spielen.

Das Starlink-Netzwerk aus mittlerweile über 10.000 Satelliten könnte einer Studie der University of Texas zufolge schon heute dazu genutzt werden, um die Position eines Empfängers auf der Erde bestimmen – in ersten Tests auf ungefähr 30 Meter genau. Würde SpaceX zusätzliche Daten über die exakte Position der Satelliten freigeben, könnte sich die Genauigkeit theoretisch auf unter einen Meter verbessern, so die Forscher.

Eine andere Low-Cost-Alternative zu GPS ist die KI-Technologie, die das US-Start-up Tern entwickelt hat: Das System, das in Echtzeit Sensordaten aus dem Auto mit Kartendaten abgleicht und auf dieser Basis den aktuellen Standort ermittelt, kommt gänzlich ohne Satelliten aus. Welche Technik sich am Ende durchsetzt, ist offen. Der Kampf um die Hoheit im Raum hat gerade erst begonnen.