Trinkkultur

Die klassische Kneipe stirbt aus und mit ihr ein Stück Berliner Kultur

Kippen, Bier und Keilereien – viele Jahrzehnte war die Eckkneipe Dreh- und Angelpunkt des Soziallebens. Was ihr Aus für diese Stadt bedeutet und welche Alternativen es gibt.

Viele Jahre beliebter Kieztreff: das mittlerweile geschlossene Watt in Prenzlauer Berg
Viele Jahre beliebter Kieztreff: das mittlerweile geschlossene Watt in Prenzlauer BergMarkus Wächter/Berliner Zeitung

Der amerikanische Soziologe und Stadtplaner Ray Oldenburg nannte sie „Dritte Orte“ und bezeichnete damit Räume jenseits der heimischen vier Wände und der Arbeitsstätte, in denen Menschen meist spontan zusammenkommen, ohne Anlass, ohne Einladung, ohne Schwelle.

Heimat ohne Besitzanspruch

Der britische Pub ist so ein Ort, ebenso wie das französische Bistro und eigentlich ganz Italien. In Berlin sind das seit der Industrialisierung die Kneipen, nach Rauch und Bier riechende Pinten, von denen es natürlich immer weniger gibt, der grassierede Gesundheitstrend, die Inflation und das Internet machen der klassischen Eckkneipe langsam, aber sicher den Garaus.

Seit den Mietskasernen der Gründerzeit gehören Kneipen mit Namen wie Bierstube, Bierpumpe, Zum hellen Eck oder Irgendwas-mit-Klause zu dieser Stadt wie der Exzess an sich. Die Kneipe war immer Raum für Zufallsbekanntschaften, für Gespräche, für Nachbarschaft – und oft das einzige Zimmer, das allen offenstand, ohne dass man eingeladen sein musste. Am Tresen spielte es zumeist keine Rolle, was jemand arbeitete, woher jemand kam, wie lange jemand blieb. Man kannte sich, oder man lernte sich kennen. Im Idealfall reichte das für einen gelungenen Abend. Ohne Kitsch ist die Kneipe ein Stück Heimat ohne Besitzsanspruch.

Doch die Zahl dieser Orte nimmt rapide ab. In den 90er-Jahren gab es in Berlin noch mehr als 4000 Kneipen. Heute sind es je nach Zählweise nur noch etwa 500 klassische Eckkneipen und rund 1000 Schankwirtschaften mit mehr oder weniger ausgeprägtem Kneipencharakter.

Zu den Kernproblemen der Pinten und Bierschwemmen gehören – wie überall, wo Raum benötigt wird – steigende Gewerbemieten und  Energiepreise sowie eine bis heute spürbare Konsumzurückhaltung: Daheim trinkt es sich zwar nicht so lustig, wohl aber geldbeutelfreundlicher. Die Wirtin Petra Bierwirth von der Teupitzer Klause in Neukölln erzählt, dass selbst moderate Preise – 2,80 Euro fürs kleine Bier, 6 Euro für den Aperol Spritz – inzwischen auf wenig Verständnis und Trinklust stoßen, während die Kosten in der Gastronomie geradezu explodieren.

Doch das Berliner Kneipensterben ist nicht nur ein wirtschaftliches Phänomen. Sozialwissenschaftler wie der Soziologe Rainald Manthe warnen vor einem schleichenden sozialen Rückzug. Wenn Orte verschwinden, an denen Nachbarn unterschiedlicher Herkunft selbstverständlich miteinander in Kontakt kämen, drohten Vereinzelung, Verödung ganzer Stadtteile und sogar ein wachsendes Misstrauen gegenüber demokratischen Strukturen. Genau das also, was passiert, wenn Dritte Orte aus dem öffentlichen Raum verschwinden.

Neue Generation von Kneipenbetreibern

Besonders deutlich zeigt sich der Wandel an Orten wie dem Watt in Prenzlauer Berg, das für Lesungen, Ausstellungen und spontane Debatten bekannt war und schließen musste, weil der Eigentümer den Mietvertrag nicht verlängert.

Gleichzeitig entstehen allerdings Alternativen. Besonders sichtbar im Berliner Straßenbild und für Anwohner oft Herausforderung und Bereicherung in einem: der Späti als neue Eckkneipe. Die Betreiber kennen ihre Kundschaft, bewahren Schlüssel auf, nehmen Pakete an. Auf Bierbänken vor der Tür sitzen Menschen aus dem Kiez, reden, lachen, diskutieren, oft für den Preis eines Kaltgetränks. Was im Ruhrgebiet seit vielen Jahrzehnten als „Bude“ oder „Büdchen“ die Schichtarbeiter (und alle anderen) mit dem Notwendigsten versorgte, ist in Berlin zum hippen Treffpunkt mutiert.

Parallel dazu wächst eine neue Generation von Kneipenbetreibern nach. In Tempelhof auf der recht ruhigen Manfred-von-Richthofen-Straße zum Beispiel führen zwei junge Schwestern das Traditionslokal „Alt-Berliner Bierstuben“ weiter und schaffen eine Atmosphäre, die bewusst an die Tradition der Eckkneipe anknüpft, irgendwo zwischen Ironie und Behaglichkeit, ohne sich jedoch über das klassische Kneipenmillieu lustig zu machen.

Andere Kiezkneipen experimentieren mit frischeren Konzepten fürs bierseelige Beisammensein: Im Brüsseler Eck in Wedding plant die Betreiberin Helena unter anderem Quizabende, Tischtennis und Weißwurstfrühstücke, eine recht behutsame Modernisierung, wohl auch mit dem Hintergedanken, die Stammgäste nicht zu verprellen, wie das Kiezmagazin Weddingweiser betont. Ein gutes Beispiel dafür, wie Tradition und neues Berlin zusammengehen können.

Darüber hinaus lässt sich beobachten, dass zunehmend hybride Modelle entstehen: Bars, die tagsüber Café und abends Kulturraum sind; queere oder migrantische Community-Orte; Nachbarschaftstreffs, die offener, aber weniger spontan sind als die klassische Eckkneipe.

Berlin verliert mit jeder geschlossenen Kneipe einen Dritten Raum, ein Stück Alltag und auch ein Stück Folklore, das nicht so leicht zu ersetzen ist. Die Alternativen indes zeigen, dass das Bedürfnis nach „offenen Begegnungsräumen“ ungebrochen und auch ein Wunsch vieler Großstädter ist. Es sucht sich nur andere Formen, und darin ist Berlin bekanntlich ganz gut.