Es gibt Getränke, die man halt so trinkt. Und dann gibt es Getränke, zu denen man eine Haltung einnimmt. Der Negroni gehört in die zweite Kategorie.
Er ist wahrlich kein Drink für Unentschlossene, kein gefälliger Crowd-Pleaser, der sich mit einem piefigen Schirmchen und Ananasscheiben anbiedert. Der Negroni ist eine bittere Angelegenheit, er ist direkt und kompromisslos hochprozentig – und genau deshalb ist er jetzt der richtige Cocktail für unsere Zeit.
Der Krabbencocktail ist auch zurück
Lange führte der Negroni ein Schattendasein. Er war der feuerrote Drink der späten Stunde, bestellt von Menschen, die bereits alles andere durchprobiert hatten und nun bei etwas Ehrlichem und natürlich Härterem angelangt waren.
In schummrigen Bars, irgendwann gen Morgen, wenn die Unterhaltung philosophisch wurde oder surreal und der Barkeeper wusste, dass man es ernst meinte mit dem – sagen wir, wie es ist – Saufen. Der Negroni war ein Eingeweihten-Drink, ein alkoholischer Handschlag unter Kennern, von vielen schon geschmäht wegen des Camparis, dem lange ein verstaubtes 80er-Jahre-Image anhaftete. Aber nun, der Krabbencocktail ist ja auch zurück.
Doch irgendwann hat er sich aus den Untiefen der Nacht hervorgearbeitet. Hinein in die goldene Stunde, ins weiche Licht des frühen Abends, in die magische Zeit gegen fünf, wenn der Tag sich neigt, aber die Nacht noch ein loses Versprechen ist. Der Negroni ist zum Drink der Aperitivo-Stunde geworden, zum Begleiter jenes kostbaren Moments, in dem man den Laptop zuklappt, das Telefon umdreht und beschließt, dass es erst mal reicht mit Leistung und Bereitschaft.
Aber warum ausgerechnet jetzt? Warum ausgerechnet dieser unnachgiebige, herbe Drink in einer Zeit, die ohnehin schon genug Bitteres hat? Vielleicht liegt die Antwort in der Binse, die jede Generation aufs Neue entdecken muss: In schlechten Zeiten feiert man die besten Feste. Nicht aus Ignoranz, nicht aus Verdrängung – sondern aus einer tiefen, fast trotzigen Lebenslust heraus. Wer hat hier Berlin in den 20igern gesagt? Wenn die Gewissheiten bröckeln und die Zukunft nicht mehr ganz so rosig scheint, dann wächst das Bedürfnis nach dem Echten und dem Unverstellten. Nach einem Drink eben, der einem nichts vormacht.
Der Negroni ist kein Schwätzer, kein Schönfärber. Er versteckt seine Power nicht hinter Säften und Sirupen. Er kaschiert nichts, er schmeichelt nicht. Beim ersten Schluck mag man sich kräuseln – diese Bitterkeit, so ungewohnt in einer Welt, die alles glasiert. Doch dann entfaltet er sich: die Kräuterwürze des Camparis, die samtige Tiefe des Wermuts, die wacholderne Klarheit des Gins. Drei gleichberechtigte Stimmen, die einen Akkord bilden, der komplexer ist als die Summe seiner Teile.
Graf Camillo Negroni, der den Drink der Legende nach um 1919 in einer Florentiner Bar erfand, indem er schlicht das Sodawasser in seinem Americano durch Gin ersetzen ließ, hätte vermutlich geschmunzelt über den Kult, der sich um seine beiläufige Bestellung rankt. Aber vielleicht hätte er auch verstanden, dass große Dinge oft beiläufig entstehen – und dass es manchmal nur eine einzige kleine Veränderung braucht, um aus dem Gewöhnlichen etwas Außergewöhnliches zu machen.
Heute steht der Negroni auf den Karten der besten Bars der Welt, aber auch auf den wackeligen Tischen sommerlicher Balkone, neben einer Schale Oliven. Er hat die Nacht verlassen, ohne seine Seele zu verlieren.
Und vielleicht ist das seine eigentliche Erkenntnis: dass das Bittere und das Schöne keine Gegensätze sind. Dass man beides aushalten kann, in einem Glas, an einem Abend, in einem Leben. In diesem Sinne: Cin cin.
Das Rezept: Klassischer Negroni
Zu gleichen Teilen, wie es sich gehört:
3 cl Gin (ein London Dry, etwa Tanqueray oder Beefeater, tut verlässlich seinen Dienst), 3 cl Campari, 3 cl roter Wermut (Carpano Antica Formula für Opulenz, Cocchi di Torino für Eleganz)
