Kürzlich hat sich Bettina Rust ganz schön aufgeregt. Die Moderatorin, die mit ihrer unverwechselbaren, warmen Stimme seit vielen Jahren die deutsche Radiolandschaft prägt, war zu Gast bei Constantin Schreiber.
In seiner Late-Night-Show befragte der frühere „Tagesschau“-Sprecher Bettina Rust auch zum Thema Berlin – und die 58-Jährige teilte mit Blick auf ihre langjährige Wahlheimat ordentlich aus.
Zu viel Müll, zu viel Testosteron, zu wenig Freundlichkeit – am Ende liebäugelte die Moderatorin gar mit einem Umzug nach München. Das wollten wir natürlich genauer wissen und haben mithilfe unseres Berlin-Fragebogens nachgehakt.
1. Frau Rust, Sie sind 1967 in Hannover zur Welt gekommen, wo Sie auch aufgewachsen sind. Wann führte Ihr Weg Sie nach Berlin?
Seit meiner ersten Klassenfahrt wusste ich: Das ist Liebe, hier ist Reibung und Inspiration (auch wenn ich es damals so nicht benannt hätte), hier werde ich mal leben. Jeder Kurzbesuch bei Freunden, jeder Job, der dann kam, verfestigte meinen Plan.
Nach zehn Jahren Hamburg fiel der Entschluss an einem warmen Samstagmorgen am Winterfeldtmarkt. Drei Wochen später zog ich her. Der Wohnungsmarkt war so dick wie die gesamte Wochenendausgabe der Berliner Zeitung, alles war bezahlbar, groß und leer. Irre. Wir sprechen von 1997/98.
2. In welchen Berliner Stadtteilen haben Sie seither gewohnt und wo sind Sie schließlich gelandet und geblieben?
Ich bin die mutmaßlich einzige Bürgerin der Stadt, die immer nur im Winterfeldtkiez lebte. Zwei großartige Wohnungen und sehr nette Leute im Umfeld sind schuld. Leider ist der Charme dieses Viertels heute nur noch sehr partiell zu spüren. Aber die Goltzstraße beispielsweise ist wie eine gute Freundin.
3. Für die RBB-Sendung „Stadt, Rad, Hund“ sind Sie einige Jahre lang mit Hund und Rad durch Berlin gezogen, haben sich von Prominenten ihren Kiez zeigen lassen. Welche dieser Begegnungen ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Viele. Mir hat’s gefallen, mit Anna Loos und unseren Hunden um den Schlachtensee zu gehen. Oder der Dreh mit Lars Eidinger: Wir fuhren nebeneinander auf dem Fahrrad die Kantstraße runter. Erster Drehtag, vor uns der Wagen mit den Kameras, meine Hündin im Fahrradkorb vorne war so happy und aufgekratzt, dass sie ständig bellte, und alle, an denen wir vorbeifuhren, dachten wahrscheinlich: Mannmannmann, watt is denn hier wieder los!
Auf dieses Format werde ich heute noch angesprochen. Schön dumm vom RBB, es nicht weitergemacht zu haben. Props gehen raus an Frau Schlesinger.

4. 2018 haben Sie in einem Interview gesagt, Berlin sei Ihre längste Liebesbeziehung. Doch als Sie neulich zu Gast bei Constantin Schreiber waren, schlugen Sie andere Töne an. Sie sprachen von einer bestimmten Art von Testosteron in der Stadt, von wachsender Aggressivität und Rücksichtslosigkeit. Was ist passiert, was genau stößt Ihnen sauer auf?
Es macht mich wütend zu sehen, wie nachlässig viele Leute mit der Stadt umgehen. Das ist nicht allein eine Altersfrage. Ich sehe den liebevollen Lokalpatriotismus in Hamburg, Köln oder München; die Leute lieben ihre Stadt und gehen viel netter mit ihr um. Berlin hätte alle Voraussetzungen, war immer schon so eigen und deshalb liebenswert, aber momentan erscheint mir die Stadt wie ein Junkie mit kurzen lichten Momenten.
5. Können Sie ein Beispiel aus Ihrem eigenen Umfeld nennen, an dem sich der von Ihnen beobachtete Wandel, die Veränderung hin zum Schlechten, besonders gut festmachen lässt?
Ich habe es immer schon gehasst, wenn Menschen ihren Müll einfach auf die Straße stellen oder werfen, ich habe es immer schon gehasst, wenn – ich muss das nicht gendern – Männer in ziemlich hässlichen, ziemlich lauten Autos Krieg spielen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Es wäre ein Leichtes, diesen Typen, wenige sind es nicht, die Führerscheine wegzunehmen: 30 Verstöße in 60 Sekunden. Das wäre die schlimmste Art von Strafe, weil es einer Entmännlichung gleichkäme. Und passiert es? Natürlich nicht. Wobei ich die Polizei in diesem Punkt auch echt nicht beneide.
6. Liebäugeln Sie nach so vielen Jahren in Berlin tatsächlich mit einem Umzug, zum Beispiel nach Hamburg oder München?
Nein, rückwärts nimmer, damit ist Hamburg raus. München kann ich mir nicht leisten. Zudem findet meine Arbeit hier statt. Die interessantesten und bekanntesten Personen im deutschsprachigen Raum tauchen in dieser Stadt auf, und irgendwann zum Glück dann auch in meinem Studio.
7. Welcher ist Ihr Lieblingsort in Berlin?
Mein Studio.
8. Ihre persönliche No-go-Area?
Nach Einbruch der Dunkelheit Warschauer Brücke, Kottbusser Tor, bestimmte Gegenden in Neukölln. Weil ich selbst und/oder gerade auch homosexuelle Freunde dort sehr, sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben.
9. Ein Abend mit Freunden – in welchem Restaurant wird reserviert?
Ich gehe zu Ribaltone. Es ist lecker, lustig, eng und laut.
10. Einkaufen in der Stadt: In welchem Store kennt Ihre Kreditkarte kein Limit?
Nix. Flohmärkte und Secondhand-Plattformen sind’s für mich.
11. Der beste Stadtteil Berlins?
Ich liebe diesen Mikrokosmos Hansaviertel mit der Nähe zum Tiergarten und zur Spree. Meine Liebe gilt nur ein paar wenigen Straßen dort, denen aber sehr. Mein Traum, und das ist dann wohl eine Altersfrage, ist ein Bungalow im Grünen in Dahlem oder Zehlendorf. Eigener Garten, Hollywoodschaukel, eigenes Vogelhaus, eigener Apfelbaum, der Hund liegt auf den sonnenwarmen Terrassenplatten und schläft.


