Albtraum statt Traumdate

Berliner Influencer über Dating-App geködert: „Es war einer der Angreifer, der mit mir gechattet hat“

Der Berliner Influencer Quang Paasch wurde in Neukölln von vier jungen Männern zusammengeschlagen. Im Interview schildert er nun den mutmaßlich homophoben Angriff.

Quang Paasch war Sprecher von Fridays for Future und engagiert sich seither für soziale Themen.
Quang Paasch war Sprecher von Fridays for Future und engagiert sich seither für soziale Themen.Thao-My Nguyen

Es war der erste Samstag des Jahres 2026 – und für Quang Paasch wohl schon jetzt einer der schwersten. Am 3. Januar wurde der 24-jährige Aktivist und Influencer nach eigenen Angaben in Neukölln von vier jungen Männern angegriffen, mit Pfefferspray attackiert und auf brutale Weise zusammengeschlagen. Das mutmaßliche Motiv: Queerfeindlichkeit und Homophobie.

Nichtsahnend hatte Paasch sich über eine Dating-App verabredet und wartete am frühen Abend in der Nähe der U-Bahn-Station Leinestraße auf den Mann, den er bislang nur aus dem Chat kannte. Doch stattdessen geriet er in einen Hinterhalt. Am nächsten Morgen wachte Paasch mit einem Schädel-Hirn-Trauma und mehreren Prellungen auf.

Im Interview schildert der gebürtige Ost-Berliner jetzt die Ereignisse des Abends, spricht über die unmittelbaren körperlichen und psychischen Folgen des Angriffs und darüber, wie dieser sein Sicherheitsgefühl und sein Vertrauen in seine Heimatstadt erschüttert hat.

Herr Paasch, wie geht es Ihnen eine Woche nach dem Vorfall?

Physisch geht es mir zunehmend besser – die Wunden heilen. Psychisch ist es immer noch schwierig. Alles ist angespannt, sobald ich meine Wohnung verlasse. Ich werde panisch und ängstlich. Aber ich versuche, Stück für Stück wieder in den Alltag zurückzufinden und Kontrolle über mich selbst und mein Leben zu bekommen.

Fühlen Sie sich nach dem Angriff in Berlin noch sicher?

Nein. Mein Vertrauen in die Gesellschaft und in diese Stadt ist zerbrochen. Das habe ich vor allem am Dienstag gemerkt – am Sonntag und Montag hatte ich mir noch Bettruhe verordnet. Dann habe ich aber gemerkt, wie mein Kopf nach Ausreden suchte, um nicht vor die Tür zu gehen. Also habe ich mich gezwungen und bin eine Runde um den Block gelaufen. Dabei habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie nervös ich bei allem bin, was ich tue.

Gibt es Situationen oder Orte in Berlin, die Sie seitdem meiden?

Es ist eher eine generelle Angst, die mich momentan begleitet. Die Tat fand an keinem Ort statt, den man als besonders gruselig wahrnehmen würde. Es war mitten in einer Wohngegend in der Nähe der U-Bahn-Station Leinestraße, Kinder hatten eine Schneeballschlacht. Würde ich fortan Wohngegenden in Berlin meiden, gäbe es kaum noch Orte, an die ich gehen könnte. Und es hat dort ja nicht in irgendeiner dunklen, unbeleuchteten Gasse stattgefunden.

Welche Unterstützung war für Sie in den Tagen danach besonders wichtig?

Natürlich meine Freunde und meine Familie. Aber auch die immense Resonanz auf mein Video und der Zuspruch in den Kommentaren geben mir viel Halt und Kraft. Was mich besonders schockiert, gleichzeitig aber auch berührt hat, waren die Geschichten von Menschen, denen Ähnliches widerfahren ist – von denen die Mehrheit es übrigens nicht öffentlich gemacht hat. Aus Angst, nicht ernst genommen oder dafür verurteilt zu werden. Auf individueller Ebene kann es sehr bestärkend sein, zu merken, dass man nicht allein ist; auf einer Metaebene ist es natürlich absurd, zu begreifen, dass es sich keineswegs um einen Einzelfall handelt.

Was mich vor allem fassungslos zurücklässt: Es gibt da draußen eine Realität, in der sich 20-jährige Männer an einem Samstagabend bewusst dazu entscheiden – statt in eine Bar oder ins Kino zu gehen –, sich bei einer App anzumelden, um anschließend Jagd auf andere Menschen zu machen und diese zusammenzuschlagen. Nur weil sie schwul sind. Mein Gehirn versucht, einen Sinn hinter der Tat zu finden, aber das ist so fernab von jeder Realität, in der ich lebe.

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Thao-My Nguyen
Quang Paasch
Der Aktivist, Speaker und Moderator ist vor allem seit Ende 2018 durch sein Engagement bei Fridays for Future bekannt. Dort war er lange Sprecher auf Bundesebene sowie für die Berliner Ortsgruppe. Neben Klimagerechtigkeit setzt sich der 24-jährige Ost-Berliner besonders für Antirassismus, Bildung und Diversität ein. Paasch studierte Politikwissenschaft und Sonderpädagogik an der Freien Universität Berlin und war Mitglied des Klimabeirats der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie.

In Ihrem Video klang es so, als hätten die Verabredung über die App und der Angriff nicht unmittelbar miteinander zu tun. Sie wurden also gezielt geködert?

Ich wurde ganz klar geködert. Entweder war es ein Account von allen vier Beteiligten oder er gehörte nur einem dieser Männer, der dann die drei anderen hinzugeholt hat. Die Person, die ich eigentlich treffen wollte, kam jedenfalls nie aus dem Haus und hat dort auch nie gewohnt. Es war einer der Angreifer, der mit mir gechattet hat.

Von welcher App reden wir?

Grindr.

Existiert der Account noch?

Nein, der Account ist nicht mehr zu finden. Entweder wurde er gelöscht oder blockiert – oder jemand hat danach Profilbild und Namen geändert, das ist das Einfachste der Welt. Meine größte Hoffnung ist nun, gemeinsam mit der Polizei über die Betreiber der App an die IP-Adresse der Täter zu gelangen. Dafür habe ich bereits Anzeige gegen Unbekannt erstattet.

Gab es Zeugen, die hätten eingreifen können?

Ich hatte Pfefferspray in den Augen und lag am Boden, sodass ich niemanden identifizieren konnte. Mindestens eine Person hat den Vorfall bemerkt und mich später zur Polizei begleitet. Aber man muss sagen: Das Ganze hat knapp fünf Minuten gedauert. Bevor die Männer auf mich zukamen, habe ich Menschen gesehen, die in der Straße geparkt und ihre Einkäufe nach Hause getragen haben. Es muss ein, zwei weitere Personen gegeben haben, die aus dem Fenster geschaut haben oder an mir vorbeigelaufen sind.

War das der erste mutmaßlich homophobe Angriff, den Sie erlebt haben?

In dieser Form und mit dieser Gewalt ja. Aber wer als queerer Mensch aufwächst, weiß, dass man immer Räume lesen muss, sich auf eine bestimmte Art anpassen und achtsamer sein muss. Heute mehr als früher. Denn unabhängig von konkreten Gewalttaten haben sich in den letzten Jahren auch die Grenzen des Sagbaren verschoben.

Wie äußert sich das?

Früher waren es verbale Anfeindungen oder Gewaltandrohungen mitten in der Nacht, wenn Betrunkene an einem vorbeigelaufen sind. Heute passiert es ungefiltert und mitten im Alltag. Es kann im Bus passieren – um 10 Uhr morgens oder um 20 Uhr abends. Es ist eigentlich völlig egal. Dafür braucht es kein bestimmtes Setting mehr. Der Angriff auf mich ist das beste Beispiel dafür: acht Uhr abends, mitten in einer Wohngegend.

Was hat sich im Vergleich zu früher verändert?

Viele hasserfüllte Menschen haben einfach keine innere Mauer mehr. Homophobie und Queerfeindlichkeit sind nichts Neues, aber heute haben diese Menschen keine Angst mehr davor, irgendetwas frei Schnauze zu sagen oder zu tun. Subtilität gibt’s nicht mehr.

Wann haben Sie diese Veränderung wahrgenommen?

Ich glaube, seit Corona. Als sich immer mehr Menschen radikalisierten und in den sozialen Medien ihre eigenen Echokammern schufen – um sich gegenseitig zu bestätigen und durch Algorithmen immer wieder gesagt zu bekommen: Das ist die einzige Wahrheit. Das lässt sich übrigens auch auf einer politisch-gesellschaftlichen Ebene beobachten: Vor Corona hieß es, die Generation Z sei progressiv. Danach wurde plötzlich behauptet, junge Menschen wählten AfD und würden immer konservativer. Und es stimmt! Viele junge Männer flüchten in tradierte Rollenbilder und suchen Antworten in Vorstellungen, die ihnen wieder Ermächtigung und Kontrolle geben. Das hat sich in den vergangenen Jahren enorm verändert.

Was müsste sich ändern, damit queere Menschen sich in Berlin wieder sicherer fühlen?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Es braucht mehr Bildung, mehr soziale Arbeit, mehr Aufklärung. Aber das betrifft nicht nur Berlin. Am Ende ist es die große Frage: Wer wollen wir als Gesellschaft sein? Viele Variablen haben die Narrative und die Antworten darauf verändert. Einzelne Maßnahmen werden da nicht mehr ausreichen.


Anmerkung der Redaktion: Auf Nachfrage der Berliner Zeitung bestätigte die Polizei, dass das zuständige Fachkommissariat die Ermittlungen in diesem Fall aufgenommen hat.