Vor etwa zwei Jahren habe ich hier über meine Erlebnisse in der Berliner Spitzengastronomie berichtet. Es ging um ein Catering in einer Anwaltskanzlei, das ich mit meinem ehemaligen Koch-Kollegen Ronny ausrichten durfte.
Und wie ich an dieser Stelle noch einmal andeuten kann, haben wir den Tag nicht nüchtern bestritten. Es wurde getrunken, es wurde geraucht, zwecks Erfrischung wurden die Waschräume aufgesucht. Und mit Erfrischung meine ich keine Mundspülung.
Während dieses Erlebnis für mich ein einmaliges Abenteuer blieb, eine Reminiszenz an meine eigenen Tage als Koch, ging für Ronny der exzessive Alltag weiter, Woche für Woche, Drink für Drink. Bis er an einen Punkt kam, an dem es für ihn nicht mehr weiterging. Er entschied sich für einen Alkoholentzug. Und so treffe ich ihn diesmal nicht in der Küche, sondern in der Salus-Klinik in Lindow, etwa hundert Kilometer nördlich der Hauptstadt.
„Gut siehst du aus“, sage ich, als wir uns auf dem Gelände des ehemaligen Sanatoriums für betuchte Berliner begrüßen. Zwischen hellen Fassaden und Pavillons öffnet sich der Blick auf einen See.
„Geht mir ooch jut“, sagt Ronny und wechselt seine Trainingstasche von der linken Schulter zur rechten, weil die Blutdruckmanschette für das Langzeit-EKG seinen Oberarm abdrückt. Sein Gesicht wirkt frisch und nicht mehr so bleich wie früher. Nachdem wir uns in einen Therapieraum gesetzt haben, der gerade nicht benutzt wird, möchte ich wissen, was für ihn der ausschlaggebende Moment war, an dem er etwas ändern wollte.
„Das halte ich nur schwer nüchtern aus“
„Ich hab ja in den letzten Jahren schon immer sehr viel gesoffen“, gibt er ungerührt zu. „Also im Grunde so viel, dass ich dachte, mehr ist nicht möglich. War aber möglich. Und das führte dann dazu, dass es mir richtig schlecht ging. Nicht nur seelisch, sondern auch körperlich. Da hab ich mir gesagt, dass ich nicht so enden will wie einige unserer Freunde, die es nicht geschafft haben. Ich hab schon noch Bock, ein bisschen weiterzuleben.“
„Was für körperliche Beschwerden waren denn das?“
Ronny erzählt von Magenschmerzen und täglichem Erbrechen, von Zittern und mangelnder Konzentration, bis hin zu Krampfanfällen, wenn sein Alkoholpegel unter ein gewisses Niveau sank. Ich muss nicht fragen, ob es der Stress im Restaurant war, der ihn in die Selbstzerstörung getrieben hat. Denn ich weiß bereits, dass er durch den ständigen Personalmangel dazu gezwungen war, den nicht vorhandenen Küchenchef zu ersetzen, obwohl er eigentlich nur gelernter Kellner ist. Im Grunde lastete fast die gesamte Verantwortung für den Laden auf ihm.
„Ich hatte halt auch gar kein richtiges Privatleben mehr“, sagt er. „Weil ich sechs Tage die Woche gearbeitet habe. Und ick bin ehrlich: Ein großes Problem sind vor allem die täglichen Fahrten mit der Berliner S-Bahn. Das halte ich nur schwer nüchtern aus.“

Die Lindower Klinik ist nicht die erste Station seiner Entzugsgeschichte. Nachdem Ronny seine Hausärztin von seinem Alkoholproblem unterrichtet hat, schrieb sie ihm eine Überweisung in die Immanuel-Klinik in Rüdersdorf. Als Bewohner des Speckgürtels kam für ihn nur ein Therapieplatz in Brandenburg infrage.
„Dort habe ich mich dann gemeldet und bekam auch erst mal eine Aufnahme. Also ich wurde registriert und fürs Erste an die Suchtberatung in Erkner verwiesen, die Awo. Da hatte ich auch richtiges Glück, weil ich an eine sehr kompetente Person geraten bin, die genau wusste, wie sie mir helfen kann. Das Problem war nur, dass es in Rüdersdorf keine freien Therapieplätze gab und nicht klar war, wann einer frei wird. Meine Beratung hat mich vor die Wahl gestellt, ob ich warten will, oder ob ich auch woanders hingehen würde.“
Ronny entschied sich für die zweite Option und ging ins Städtische Krankenhaus Eisenhüttenstadt. Zur reinen Entgiftung, dem sogenannten qualifizierten Entzug.
„Da ist man dann mit kompletter medizinischer Betreuung und kriegt Medikamente, die einem den Entzug erleichtern. Wenn man das nämlich allein macht, kann es im schlimmsten Fall passieren, dass man an den Krampfanfällen stirbt. Natürlich müssen diese Medikamente im Anschluss auch wieder runtergefahren werden, sodass die am Ende der Entgiftung aus dem Körper raus sind. Das Ganze hat bei mir drei Wochen gedauert.“

„Ist man dort dann richtig eingesperrt?“
„Nein, überhaupt nicht. Das ist wohl von Klinik zu Klinik verschieden, aber ich musste nur die ersten drei Tage auf Station bleiben. Weil sie halt sehen wollten, wie die Therapie auf mich wirkt. Danach durfte ich mich frei auf dem Klinikgelände bewegen.“
„Wurde dir dein Smartphone abgenommen?“
„Nö. Da kommt es auch auf deine Sucht an. Also wenn du eine Spielsucht hast, musst du dein Telefon abgeben. Ich durfte es immer behalten. Allerdings hatte man in Eisenhüttenstadt sowieso fast keinen Empfang. Das ist hier in Lindow übrigens ähnlich. Was ja aber auch mal von Vorteil sein kann, um seelisch runterzufahren.“
„Und war die Entgiftung hart?“
„Es ging eigentlich. Also in den ersten Nächten habe ich ein paarmal gekrampft. Aber danach ging es stetig bergauf. Sodass ich gemerkt habe, wie das Leben auch wieder sein könnte.“
Üblicherweise ist es nach der Entgiftung vorgesehen, für drei Monate in Reha zu gehen. Um nach den körperlichen Symptomen auch die psychische Abhängigkeit zu therapieren. Allerdings hinkt hier das Angebot an Klinikplätzen dem Bedarf ebenfalls weit hinterher. Was letztlich dazu führte, dass Ronny ganze fünf Monate zu Hause verbringen musste. Er hat es geschafft, während dieser Zeit abstinent zu bleiben, vor allem durch die kompetente Betreuung der Suchtberatung. Einmal pro Woche ging er zum Gruppengespräch, alle zwei Wochen zum Einzelgespräch, dazu kamen Termine mit seiner Psychologin.

„Die geben einem dann eine Reihe von Skills an die Hand, um den Suchtdruck zu bekämpfen.“
„Was für Skills sind denn das?“, frage ich.
„Zum Beispiel, dass du dir eine Person dafür ausdenkst. Also dass du dem Suchtdruck einen Namen gibst, damit du dich mit ihm streiten und gegen ihn wehren kannst.“
„Wie heißt denn deiner? Wenn ich das fragen darf.“
„Meiner heißt Loki. Bin ja schließlich ein Wikinger. Na ja, und es gibt noch viele andere Skills. Einfache Ablenkung natürlich. Playstation daddeln oder Sport machen.“
Da Ronny sich wie so viele in einem Freundeskreis bewegt, in dem der Alkoholkonsum ein beliebtes Ritual ist, ging er von Anfang an offen mit seiner Situation um. Er schaffte es dadurch sogar, trocken zu bleiben, wenn die anderen in seiner Gegenwart tranken. Nur wenn die Stimmung allzu feuchtfröhlich wurde, musste er das Weite suchen, weil die Verlockung zu groß zu werden drohte.
„Zum Glück hast du dann zu guter Letzt einen Klinikplatz gekriegt“, sage ich. „Was machst du denn hier den ganzen Tag?“
„Ich habe einen genauen Therapieplan, den ich nach der Aufnahme mit meiner Bezugstherapeutin erarbeitet habe. Also wo man eben sieht, wo meine Schwächen und Stärken liegen. Ob ich Sport treiben oder einen Arbeitskurs machen will. Wie viel ich mit anderen Menschen zu tun haben will, und so weiter.“
„Gab es kritische Momente im letzten halben Jahr? Wo du Angst hattest, rückfällig zu werden?“
„Wie schon gesagt: Immer wenn ich Bahn fahre. Ich mag halt keine Menschen. Die benehmen sich alle wie die Idioten. Das triggert mich extrem. Aber da schauen wir hier in der Therapie eben auch drauf. Wie ich besser mit meinen Aggressionen in solchen Momenten umgehen kann.“
„Echt?“, frage ich. „Dafür haben die hier eine Lösung?“
„Anscheinend schon“, lacht Ronny. „Ich bin mal gespannt.“
„Wie stellst du dir denn deine Rückkehr ins echte Leben vor? Du wirst ja wohl kaum wieder in die Gastro wollen?“
„Nein, da wären die Verlockungen bestimmt zu groß. Ich mache jetzt einen EDV-Kurs, hier in der Arbeitstherapie. Und kriege ein Bewerbungstraining, weil ich ja seit zwanzig Jahren keine Bewerbung geschrieben habe. Wenn alles läuft, kann ich im Anschluss direkt eine Umschulung beantragen.“
„Also bist du zuversichtlich?“
„Eigentlich schon. Ich habe eben auch das große Los mit meiner Freundin gezogen, die mich sehr unterstützt.“
„Hast du zum Schluss noch einen Ratschlag für mich als Trinker? Also ich war gerade auch mal zwei Wochen abstinent, aber irgendwann wird es mir dann einfach zu langweilig und ich will mir wieder ordentlich einen reinlöten. Irgendwelche Tipps?“
„Sport machen“, sagt Ronny. „Mach Sport oder such dir ein Hobby. Ablenkung ist alles. Und ein gutes Körpergefühl.“




