Silvestershow in Hamburg

Andrea Kiewel im ZDF: Nerviger konnte das Jahr kaum enden

Das ZDF hat mal wieder die Zeit angehalten und mit der unkaputtbaren Andrea Kiewel zu Silvester wie stets bewiesen, dass sich der ÖRR allen Neuerungen trotzig verweigert. Ein Kommentar.

Gute Nacht! Andrea Kiewel und Johannes B. Kerner wiegten die Fernsehnation zum Jahreswechsel gekonnt in den Schlaf.
Gute Nacht! Andrea Kiewel und Johannes B. Kerner wiegten die Fernsehnation zum Jahreswechsel gekonnt in den Schlaf.ZDF

Es gibt Naturgesetze, auf die man sich verlassen kann. Die Sonne geht im Osten auf, Wasser fließt bergab, und Andrea Kiewel (60) moderiert den „ZDF-Fernsehgarten“ und natürlich die ödeste Show der Welt: die Silvestersause im Zweiten. Sonst am Brandenburger Tor in Berlin wurde die Show nun zum ersten Mal aus Hamburg gesendet. „Moin, Moin“ grüßte die Moderatorin von einem dümpelnden Kahn herunter. 
Immerhin das blieb der gebeutelten Hauptstadt also erspart. Nicht aber den armen Seelen vor den Endgeräten des ZDF.

Wie immer dabei die unheilige Allianz deutscher Fernseh-Bräsigkeit: Kiewel und Kerner, verlässlich, routiniert, aber nicht mehr wirklich State of the Art. Wie auch, denn seit über 20 Jahren moderiert sich Andrea Kiewel schon durch den ÖRR.

Und das immer mit derselben Energie. Derselben Tonlage. Derselben unerschütterlichen Fröhlichkeit, die kichernd und plappernd über jede Untiefe hinwegpropellert. Verlässlich wie ein Uhrwerk, das niemand mehr aufzuziehen braucht. Es will aber ohnehin niemand mehr ablesen, wie die mauen Zahlen der Show belegen.

Kann man es Realitätsverweigerung nennen?

Das muss man auch erst einmal schaffen: zwei Jahrzehnte lang so zu tun, als sei jeder Sonntag auf dem Lerchenberg der aufregendste Tag des Jahres. Als sei jeder Schlagerstar eine Sensation, jedes Kochrezept eine Offenbarung, jeder Small Talk ein Feuerwerk an Intellekt und Entertainment. Und jede Silvestershow, die man moderiert, die geilste der Welt. 

Andrea Kiewel plappert, strahlt und hüpft durch die Sendung wie eine Moderatorin aus einem dystopischen Science-Fiction-Film – eine jener Figuren, die mit aufgesetztem Dauerlächeln über die Leere hinwegmoderieren, während hinter der Kulisse längst alles zerfallen ist. Nur dass hier das Programm nicht aus den „Tributen von Panem“ entliehen ist, sondern bloß die Planung des Zweiten Deutschen Fernsehens. Was eigentlich genauso schlimm ist.

Das Problem ist nicht, dass Andrea Kiewel schlecht wäre in dem, was sie tut. Das Problem ist, dass das, was sie tut, aus einer anderen Zeit stammt. Die Fernsehpartynudel als Formatprinzip – das funktionierte vielleicht, als Helmut Kohl noch regierte und das Internet Neuland war. Heute wirkt es wie ein Relikt, ein bizarrer Anachronismus, Dauerleihgabe des öffentlich-rechtlichen Stillstands.

Doch beim ZDF gilt bekanntlich: Bitte keine Änderungen, es könnte jemand im Fernsehsessel erwachen. Der Mainzer Sender hat die Behäbigkeit zur Kunstform erhoben. Während die Medienwelt sich dauernd neu erfindet, während Streaming-Dienste mit fantastischen Angeboten um Aufmerksamkeit kämpfen und junge Zuschauer längst abgewandert sind, weiß das ZDF um seine lineare Monopolstellung und ändert: nichts!

Diese Verweigerungshaltung hat System. Das ZDF ist jener Sender, der Rosamunde-Pilcher-Filme für Innovation hält und bei dem „frischer Wind“ bedeutet, dass jemand beim „Traumschiff“ ein neues Hemd trägt. Ein Sender, der seine Zielgruppe nicht sucht, sondern wartet, bis sie von alleine kommt. Die Quoten stimmen ja, irgendwie. Zumindest wenn man nicht so genau hinschaut, wer da eigentlich noch zuschaut.

Und so wird Kiewel, in anderen Zusammenhängen eine bemerkenswert ernsthafte und eloquente Person, im ÖRR weiter quasseln, kichern und juchzen. Unbeirrt. Ungebremst. Unsterblich. Eine Frau, gefangen in der Zeitschleife des Sonntagvormittags und der Silvestershows, während um sie herum die Fernsehlandschaft zerbröckelt. Man könnte es Treue nennen. Man könnte es auch Realitätsverweigerung nennen. Eingeschaltet haben allerdings nur 2,47 Millionen Menschen. Das entspricht einem Marktanteil von 14,1 Prozent.


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