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Zwei Deutschlands, zwei Systeme – und eine klare Sympathie für die DDR, wie ich sie erlebte

Französische Studenten konnten ehedem ohne große Hürden in beiden deutschen Staaten leben. Der Autor erinnert sich an prägende Momente auf beiden Seiten der Mauer.

Französischer Reisebus vor dem Brandenburger Tor im Jahr 1966: Unser Autor kam als Student in ein geteiltes Deutschland und erlebte, wie unterschiedlich Bildung, Gemeinschaft und Alltag organisiert sein können.
Französischer Reisebus vor dem Brandenburger Tor im Jahr 1966: Unser Autor kam als Student in ein geteiltes Deutschland und erlebte, wie unterschiedlich Bildung, Gemeinschaft und Alltag organisiert sein können.Marco Betram/imago

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Heute im Ruhestand, habe ich von 1972 bis 1974 in beiden deutschen Staaten gelebt, bevor ich eine Promotion in Vergleichender Literaturwissenschaft abschloss. Diese Jahre lehrten mich, wie leicht man damals von einer Welt in die andere wechselte – leichter, als Studierende heute die Streaming-Plattform. Habe ich meinen Frieden mit meiner Studienzeit in Frankreich, der Bundesrepublik und der DDR gemacht? Nicht wirklich – und ich möchte erklären, warum.

Begeistert von einem Philosophiejahr, in dem Nietzsche, Marx und Freud unsere Orientierungspunkte (und gelegentlich unsere Kopfschmerzen) waren, entschied ich mich an der Universität Bordeaux für Germanistik. Damals sprach man viel von „Versöhnung“, und Deutsch war für uns nicht nur eine Sprache: Es war ein Horizont, ein Versprechen, ein Weg in ein anderes Leben. Wir träumten von einem Unterricht, so anregend wie in einem großen Lycée von Bordeaux, wo einer meiner Mitschüler niemand Geringerer als François Bayrou war, der spätere Premierminister.

Die Universität als Sortierzentrum

Doch die Ernüchterung kam schnell. Ich entdeckte, dass unsere Universität nach einem einfachen Prinzip funktionierte: Auslese durch Misserfolg. Eine große Zahl Studierender begann ihr Studium ohne Orientierung, ohne Betreuung, ohne Ausstiegsplan. Stipendien waren selten, Wohnraum noch seltener, die Wege lang, und die Mensen so überfüllt, dass eine warme Mahlzeit fast sportliche Leistung erforderte. Die Abbruchquote lag oft über 50  Prozent. Nur 30 Prozent der Eingeschriebenen konnten hoffen, den Abschluss zu erreichen – das französische Pendant zum Staatsexamen.

Die Universität glich weniger einem Lernort als einem Sortierzentrum, bevölkert von Geisterstudierenden. Manche Professoren, treu einer streng hierarchischen Tradition, zogen die Zügel an und pflegten eine gewisse intellektuelle Überheblichkeit. Interaktivität existierte nicht, individuelle Betreuung war ein Fremdwort.

Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald: Hier begann unser Autor im September 1973 als Lektor für Französisch.
Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald: Hier begann unser Autor im September 1973 als Lektor für Französisch.Klaus Martin Höfer/imago

Ein beglückender Schock

Zum Glück unterhielt Bordeaux Partnerschaften in Hamburg und Freiburg im Breisgau. Dank eines DAAD‑Stipendiums ging ich nach Freiburg, eine charmante, überschaubare Stadt, in der die Zahl der Geisteswissenschaftsstudierenden deutlich geringer war als in Bordeaux (4000 gegenüber fast 10.000 an der Garonne). Die Betreuung war allerdings minimalistisch. Der akademische Oberrat, der uns begleiten sollte, beschränkte sich darauf, uns die Adresse einer Pension mitzuteilen.

Ich blieb dort anderthalb Monate – lange genug, um mein Stipendium zu verschlingen – bevor ich ein Zimmer in einem Dorf im Badischen fand. Der Unterricht war offen und freundlich, auch wenn derselbe Oberrat uns gern seine Nostalgie für die braunen Jahre aufdrängte.

Im Februar 1972 schenkte uns der DAAD eine Woche in Berlin. Ein beglückender Schock: erschwingliche Bücher und Schallplatten, Museen, Theater, die Philharmonie, das Berliner Ensemble, die Museumsinsel, der Fernsehturm und so fort. Eine großartige, vibrierende Stadt, in der man spürte, dass die Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt war.

Am 3. September 1973 begann ich als Lektor für Französisch an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald in der DDR. Wieder eine Überraschung: Die Realität lag meilenweit von den westlichen Klischees entfernt. Ich erhielt ein schönes, frisch renoviertes Zimmer – renoviert vom Studentenwohnheim-Kollektiv, dem ich hier nochmals danken möchte. Keine Miete, keine Steuern, fast kostenlose Verkehrsmittel.

Was die Unterrichtsvorschriften anging, überreichte man mir ein in Leipzig verfasstes Handbuch, so schwer verdaulich wie eine gotische Grammatik. Als ich Dr. Radtke erklärte, dass ich mich nicht daran halten könne, antwortete er lächelnd: „Machen Sie sich keine Sorgen, niemand benutzt dieses Handbuch. Wir nennen es ‚das Rote Monster‘. Gestalten Sie Ihren Unterricht, wie Sie möchten.“

Eine intensive Erfahrung

So begann eine intensive pädagogische Erfahrung mit meinen beiden Studentinnenkollektiven: vier angehenden Dolmetscherinnen für nordische Sprachen und fünfzehn zukünftigen Lehrerinnen für Französisch und Russisch. Und als Krönung war meine Bewegungsfreiheit vollkommen: Leipzig, Dresden, Berlin – alles stand mir offen.

Meine beiden deutschen Jugendzeiten waren prägend wie kaum etwas anderes. Sie zeigten mir, wie unterschiedlich Bildung, Gemeinschaft und Alltag organisiert sein können – und wie sehr soziale Nähe und Verlässlichkeit das Leben junger Menschen prägen. Zwei Deutschlands, zwei Systeme – und eine klare Sympathie für die DDR, wie ich sie damals erlebte.

Warum bin ich dennoch nicht geblieben? Vielleicht, weil ich wusste, dass mir die sozialen Sicherheiten und die besondere Lebensqualität im Land Fontanes die Rückkehr nach Frankreich schwergemacht hätten – schwerer, als es ein junger Wissenschaftler riskieren konnte.

Jean-Pierre Gayerie leitete die Sozial- und Bildungsdienste zweier neuer Städte in der Pariser Region. Später wurde er Journalist und veröffentlichte mehrere Bücher über die Aufnahme junger Menschen sowie über die Erwachsenenbildung.

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