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Als Mitglied der E.T.A.-Hoffmann-Gesellschaft war ich am 7. Oktober 2025 eingeladener Redner auf der internationalen Konferenz „Hoffmann Redivivus: Memory, Music, Meaning (Hoffmann wiederbelebt: Erinnerung, Musik, Bedeutung)“. Ziel der gemeinsam mit unserer Bamberger Gesellschaft und der Musikakademie in Posen (Polen) durchgeführten Tagung war es, den Komponisten und Musiker Hoffmann vorzustellen. Ich spielte für meinen Vortrag daher Ausschnitte von Hoffmanns Berliner Erstlingswerk „Die Maske“ – womit wir beim Thema sind.
Vom Königsberger zum Wunsch-Berliner
Am 24. Januar 1776, also heute vor 250 Jahren, wurde Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann in Königsberg (Preußen) geboren. Das Vermächtnis dieses Universalgenies – eines kreativen und äußerst produktiven Autors von mehr als 50 Erzählungen und zwei Romanen, Komponisten von 85 Musikwerken, Malers/Karikaturisten sowie Juristen in einer Person – lebt fort und fasziniert uns bis heute.
Mit 19 Jahren erklärte Hoffmann einem Freund, dass er, als studierter „Volljurist“, kein Jurist werden wolle – sein innerer Antrieb dränge ihn zu einer Karriere als Komponist. Entsprechend publizierte er bis 1817 seine in Zeitschriften veröffentlichten Erzählungen und Bücher, darunter die berühmte Doppelgänger-Horrorgeschichte „Die Elixiere des Teufels“, unter einem Pseudonym, während er seine Musikpartituren mit vollem Namen kennzeichnete. Aus Bewunderung für Wolfgang Amadeus Mozart änderte er 1805 seinen Namen zu E. T. Amadeus, sodass er als E.T.A. Hoffmann bekannt wurde.
Nach dem Tod seiner Mutter wurde der junge Jurist nach Glogau geschickt, um im Haus eines weiteren Onkels zu leben (und als Gerichtsassistent zu arbeiten), wo er sich, auf Drängen seiner Verwandten, mit seiner Cousine Minna Doerffer verlobte. Auf Wunsch des Nachwuchs-Juristen Hoffmann folgte 1798 bis 1800 ein Berliner Arbeitsaufenthalt. Dort schuf er sein erstes dämonisches, opernähnliches Gesamtkunstwerk „Die Maske“, bestehend aus Orchestermusik, Text (in welchem er gegen die Cousinen-Heirat argumentierte) und Zeichnungen, alles von Hoffmann selbst erstellt. Eine Aufführung kam nicht zustande.
Das Werk wurde 1922 in der „Königlichen Hausbibliothek im Schlosse zu Berlin“ wiederentdeckt und 1923 publiziert, wobei Ausschnitte aus Hoffmanns Orchestermusik, als Klavierauszug, dieser Wiederveröffentlichung beigegeben wurden. Das Interesse an diesem „Opus 1“ war bis vor kurzem sehr gering. Ich besorgte mir antiquarisch die „Masken-Edition“ von 1923 und war erstaunt über die hohe Qualität von Hoffmanns früher Musik. Daher wurde sie, verändert und für Piano gesetzt, in einer Klavier-Kurzversion eingespielt und zu Hoffmanns 250. Geburtstag „posthum“ veröffentlicht.

Auf Wanderschaft: Posen–Plocz–Warschau
Im Jahr 1800 zog Hoffmann nach Posen, um seine juristische Karriere im preußischen Staatsdienst fortzusetzen. Dort lernte er seine spätere Gattin kennen, die polnische Frau „Mischa“ Rorer. Er löste die Verlobung mit Cousine Minna auf und heiratete diese „Ausländerin“ mit begrenzten Deutschkenntnissen. Das Paar hatte eine Tochter, die im Säuglingsalter starb; Ernst und Mischa blieben bis zu seinem Tod 1822 in harmonischer Ehe verbunden.
Nach zwei glücklichen Jahren als Warschauer Jurist und mäßig erfolgreicher Musiker musste Hoffmann seine Stelle aufgeben, da er sich weigerte, die französische Besatzung der Stadt und die Regierung von Napoleon Bonaparte anzuerkennen. Er zog wieder nach Berlin und durchlebte dort 1807/08 ein schwieriges „Hungerjahr“ als arbeitsloser Jurist und erfolgloser Künstler. Danach hatte er Glück und fand, infolge eines Stellengesuchs, eine Position als Musikdirektor am Theater in Bamberg, wo er im September 1808 eintraf.
Verkannter Musikdirektor: Bamberg und Dresden-Leipzig
Die Erwartungen des Musikers, der bisher als Jurist sein Brot verdienen musste, wurden herb enttäuscht. Das Theater-Orchester akzeptierte diesen kleinen, langnasigen, nervösen Mann nicht als ihren neuen Dirigenten, sodass die „Bamberger Erfahrung“ eine weitere unglückliche Phase in seinem Leben war. In Bamberg komponierte Hoffmann eines seiner Meisterwerke, das „Miserere für Soli, Chor und Orchester“, sowie viele weitere bedeutende Werke. Außerdem begann er, für die Allgemeine Musikalische Zeitung aus Leipzig Artikel zu schreiben, wie z.B. „Ritter Gluck“. Hoffmann entdeckte und förderte Beethoven, prägte den Begriff „romantische Musik“ und wurde damit der erste Musikjournalist in der Geschichte der Künste.
Nach einer „erotischen“ Affäre mit einer seiner Schülerinnen als privater Musiklehrer zogen Hoffmann und seine Frau von Bamberg nach Dresden, wo sie von 1813 bis 1814 lebten. Dort hatte er erneut eine Anstellung als Musikdirektor ergattert, dirigierte Opern usw. und komponierte sein berühmtestes Werk, die dreistündige Zauberoper „Undine“, basierend auf einem Text seines Freundes F. Fouqué.
Die Berliner Meisterjahre
Im September 1814 zog Hoffmann mit Gattin zum dritten Mal nach Berlin, um eine (zunächst unbezahlte) Stelle als Jurist am preußischen Kammergericht anzutreten, die er bis zu seinem Tod im Juli 1822, in der Position eines „Kammergerichtsrats“, innehatte. In Berlin gelang es ihm, seine Oper „Undine“ am 3. August 1816 im berühmten Schauspielhaus aufführen zu lassen. Die Premiere war ein grandioser Erfolg, auch wegen der Kostüme und Dekorationen. Diese prächtige und populäre Berliner „Multimedia-Show“ wurde 13-mal wiederholt.
Als Komponist hatte Hoffmann so endlich sein Jugendziel erreicht. In Berlin sang man auf den Straßen Lieder aus seinem Meisterwerk, z.B. die Arie „Morgen so hell“. Ab diesem Zeitpunkt publizierte der Komponist Hoffmann seine Erzählungen endlich unter seinem Künstlernamen E.T.A.H. – die Ära als anonymer Schriftsteller war vorbei, der Tonsetzer war voller Optimismus. Doch es kam anders.
Am 29. Juli 1817 brannte das Schauspielhaus ab. Hoffmanns „Undine“ geriet rasch in Vergessenheit und wurde später durch Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ ersetzt. Alle Versuche Hoffmanns, in Berlin eine Stelle als Musikdirektor zu finden und sein Magnum Opus erneut auf die Bühne zu bringen, scheiterten.
Glücklicherweise erlangte Hoffmann großen Ruhm als Autor dämonisch-schaurig-satirischer Erzählungen, insbesondere durch die Veröffentlichung mehrerer Sammelwerke sowie seines zweiten Romans „Lebens-Ansichten des Katers Murr“. Als beamteter Preußischer Jurist und Advokat für die Redefreiheit geriet er jedoch erneut in politische Schwierigkeiten. Nach der Veröffentlichung seines Märchens „Meister Floh“, in dem er seinen Vorgesetzten vom Kammergericht ironisch karikiert hatte, wurde Hoffmann Anfang 1822 über Androhung harter disziplinarischer Maßnahmen vom Preußischen Obrigkeitsstaat abgestraft. Diese unselige „Schwachkopf“-Affäre verdunkelte seine ohnehin elenden letzten Lebensmonate.
Der Tod des Freidenkers Hoffmann war die schrecklichste „Horrorgeschichte“ seines wenig erfolgreichen Musiker-Lebens. Ab seinem 46. Geburtstag litt er an einer fortschreitenden Lähmung des gesamten Körpers, möglicherweise verursacht durch einen wachsenden Tumor im Hals, der das Nervensystem schädigte. Der Kranke musste im Bett bleiben, wo er seine letzten Erzählungen diktierte. Nach einer wiederholten „Brenneisen-Therapie“ starb der völlig gelähmte, im „Siechbette“ liegende, finanziell verarmt bzw. verschuldete Hoffmann am 25. Juli 1822.

Von der „Undine“ 1816 zu Pink Floyd 1966
In seinen Horrorgeschichten diskutierte Hoffmann u.a. die Frage, ob Zufälle oder „dämonische Mächte“ den Lauf der Geschichte bestimmen. Exakt 150 Jahre nach dem Höhepunkt von Hoffmanns Popularität als Musiker eröffnete die britische Band Pink Floyd im Jahr 1966 ihre Karriere in London, und etwa ein Jahrzehnt später erschien ihr neuntes Studioalbum „Wish You Were Here“. Das berühmte Cover dieses Albums zeigt „den auf der Rückenseite brennenden Mann“, der seinem Doppelgänger die Hand schüttelt – und erinnert dabei an die vielen Alter Egos, die in Hoffmanns Geschichten wie „Die Elixiere des Teufels“ oder dem „Sandmann“ auftauchen.
Zum Andenken an Hoffmanns 250. Geburtstag wurde auf der eingangs erwähnten Tagung in Posen von unserer Gesellschaft eine „AG Hoffmann als Komponist & Musiker“ eingerichtet, mit mir als Koordinator, dem Vizepräsidenten und Hoffmann-Biografen Jörg Petzel als Experten sowie drei weiteren Kollegen als aktive Mitglieder. Inspiriert vom Pink-Floyd-Album und Hoffmanns Melodien habe ich im Januar 2026 die Single „Shine On – Daemonic Genius“ veröffentlicht, bestehend aus dem Titeltrack sowie einer Klavier-Kurzversion von Hoffmanns Komposition aus dem Jahr 1799, der „Masken-Melodie“-Musik, die nie zuvor aufgenommen und veröffentlicht wurde.


