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Meine Oma Mila weinte, als Stalin starb. Auf einmal fühlte sie sich allein und schutzlos. Die Millionen Sowjetbürger, die kaum den Krieg überstanden hatten, weinten an dem Tag einsam mit.
Über ihre Kindheit im ukrainischen Schytomyr sprach Oma nur selten. Eine Kupfermenora und eine in Wien gedruckte Tora erinnerten an ihre Eltern. Nach Omas Evakuierung 1941 hatten sie sich nie wieder gesehen. An unserem Mittagstisch erinnerte sie sich ab und an daran, wie sorgfältig und sparsam ihr Vater Butter auf das Brot schmierte, damit alle am Tisch ausreichend übrig hatten.
Opa sticht mit seinem Mercedes hervor
Mein Opa Andrej war als Logistikoffizier für den Lebensmittelnachschub zwischen Königsberg und Berlin verantwortlich. Er ließ nach dem Krieg ein wunderschönes Einfamilienhaus in meiner südrussischen Heimatstadt bauen. Das Haus hatte einen geräumigen Keller, einen bewohnbaren Dachstuhl und eine kleine Banja im Hof. Umgeben von einem Gemüse- und Blumengarten mit Apfel- und Kirschbäumen sowie einem kleinen Rebenbestand genoss das Haus besonderes Ansehen.
Im beschaulichen Provinzverkehr jener Zeit stach Opa schon von weitem in seinem Mercedes hervor. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – des Krieges, der Not und des Regimes konnte er sein Leben in vollen Zügen genießen. Und sicherlich verstand er es, meine Oma mit sanften Worten am Todestag des Völkervaters zu trösten.

Opa war nicht mehr unter uns, als ich zum allerersten Mal das Haus der Großeltern betrat. Die Oma, die zu jenem Zeitpunkt eine angesehene Zahnärztin war, verriet mir, dass ich nach ihm benannt worden war.
Das Haus feierte auch fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod noch immer seine Biedermeier-Wohnkultur. Ich weiß noch, wie ich die Porzellanfiguren einer bemalten Ballerina und der beiden Seelenfreundinnen, Königin Luise und ihrer jüngeren Schwester Friederike, auf einem Klavier aufgestellt bewunderte. Der farblose Alte Fritz, umgeben von seinen Windhunden, beobachtete mich mit leicht geneigtem Kopf.
Der Stundenschlag der Junghans-Kaminuhr aus Nussbaumholz erinnerte pünktlich an den kleinbürgerlichen Hausfrieden: Jede volle Stunde wurde ausgezählt, für die halben Stunden dazwischen gab es Einzelschläge. Dieser Klang prägte die fröhlichsten Stunden meiner Kindheit und zugleich die letzten Jahre der Sowjetunion.
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Vom ersten deutschen Bilderbuch zur Humboldt-Uni
Zur Nachmittagsruhe las mir Oma mit leiser Stimme aus alten, bildreichen Büchern vor. Bücher, die mir über die Welten weit von den Grenzen meiner Heimatstadt erzählten und nach Staub und Vanille dufteten. Ein Band faszinierte mich besonders durch seine filigranen, farbigen und absurden Illustrationen: „Die Schildbürger“!
Mein erstes deutsches Buch, das ich laut vorlas, ohne ein einzelnes Wort zu verstehen. Ich wünschte mir unbedingt, zu erfahren, warum man eine Kuh an einem Seil auf eine alte Stadtmauer aufzog und wie es für sie ausging. Später, als Erstklässler, war ich fest entschlossen, welche Fremdsprache ich lernen wollte …
Jahre später musste ich mich mit Berlin anfreunden. Neben meinem Studium an der Humboldt-Universität schlug ich mich mit Nebenjobs durch. Ich konnte mich selbst finanzieren, mir ein kleines Studentenstudio hinter dem ehemaligen Staatsratsgebäude leisten und nebenbei Zeit für WG-Partys und Bummeln mit einem Wegbier finden.
Mit intensiver Abwechslung zeigte mir Berlin seine hässliche wie auch seine schöne Seite. Auf unbewusster Ebene fehlte mir jedoch etwas. Etwas, das mich nach Berlin führte, etwas, wonach ich immer noch suche. War das das kleinbürgerliche Haus meiner Großeltern? Oder die Zeit, als die Welt für mich noch in Ordnung war?


