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Im Verlauf meines Lebens habe ich den Sturz zahlreicher totalitärer Regime erlebt – zuerst in der DDR, zuletzt in Syrien. Als das Assad-Regime am 8. Dezember 2024 nach 14 Jahren Krieg und Zerstörung zusammenbrach, befand ich mich in Latakia. Tausende Menschen strömten in die Innenstadt, um das Ende der Herrschaft zu feiern, während andere aus Angst vor Gewalt und willkürlichen Vergeltungsmaßnahmen in ihren Häusern blieben.
Als kurz darauf Vertreter der neuen Regierung von einer „Überbesetzung“ des öffentlichen Sektors sprachen und Massenentlassungen ankündigten, verbreitete sich schnell die Angst vor Arbeitsplatzverlust und Einkommensausfällen. Und diese Sorgen waren nicht unbegründet.
Entlassungswelle trifft Minderheiten besonders hart
Nach Schätzungen von Forschungsinstitutionen, darunter auch die European Agency for Asylum (EUAA), wurden in Syrien bis Mitte 2025 zwischen 300.000 und 400.000 Angestellte des öffentlichen Dienstes entlassen. Ein erheblicher Teil der Entlassungen traf Angehörige der alawitischen Gemeinschaft.
Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts boten staatliche Institutionen, insbesondere Verwaltung, Militär, Sicherheitsapparate sowie der Bildungs- und Gesundheitssektor, für Angehörige sozial schwächerer Bevölkerungsgruppen wichtige Aufstiegsmöglichkeiten. Viele Alawiten nutzten diese Strukturen.
Hinzu kommt, dass ein großer Teil der alawitischen Bevölkerung aus überwiegend ländlichen Regionen Syriens stammt, insbesondere aus den Küstengebirgen im Westen des Landes. In diesen Regionen entwickelte sich der private Sektor nur begrenzt, sodass der Staat über Jahrzehnte hinweg als zentraler Arbeitgeber fungierte. Beschäftigung im öffentlichen Dienst galt daher häufig als vergleichsweise sichere und planbare Erwerbsperspektive.
Ohne rechtliche Grundlage
So waren Alawiten in Syrien zwar stark im Staatsapparat und im öffentlichen Dienst vertreten, gleichzeitig deuten zahlreiche Berichte darauf hin, dass bei den Entlassungen vielfach ausdrücklich auf die konfessionelle Zugehörigkeit der Beschäftigten abgestellt wurde. Berichte und Darstellungen mehrerer Quellen, darunter Syrian for Truth & Justic (STJ), weisen darauf hin, dass zahlreiche Entlassungen ohne transparente rechtliche Grundlage erfolgten und bestimmte Gruppen unverhältnismäßig betroffen waren. Oft wurden Angestellte durch Personen ohne entsprechende Berufserfahrung ersetzt. So zum Beispiel in den beiden Häfen von Latakia und Tartus.
Offizielle Zahlen über die Gesamtzahl der Menschen, die ihre Arbeit und Einkommensquelle verloren haben, liegen bislang nicht vor. Schätzungen gehen davon aus, dass die Zahl der Betroffenen eine Million übersteigen könnte, wenn ehemalige Angehörige des Militärs, der Sicherheitskräfte und der Polizei einbezogen werden.
Das eigentliche Problem besteht gleichwohl darin, dass die Entlassenen keinerlei Ausgleich für das verlorene Einkommen erhalten. Gleichzeitig gibt es auch kaum neue Beschäftigungsmöglichkeiten, da die syrische Wirtschaft weiterhin am Boden liegt.

90 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze
Während des Krieges von 2011 bis 2024 verlor die syrische Wirtschaft mindestens zwei Drittel ihres Bruttoinlandprodukts. Nach dem Sturz des Assad-Regimes und der Öffnung des Marktes für ausländische Waren ohne nennenswerte Zölle überschwemmten vor allem türkische und chinesische Konsumgüter den Markt. Das Angebot an Waren war damit gesichert und lange Schlangen vor Bäckereien oder Energieversorgern gehören der Vergangenheit an. Doch die Kaufkraft der Bevölkerung bleibt gering. Laut einem Bericht des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) lebt rund 90 Prozent der syrischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Eine Folge von Krieg, Zerstörung und Sanktionen.
Gleichzeitig verschärft sich die Lage durch drastische Preissteigerungen bei Grundbedarfsgütern. Strom verteuerte sich kürzlich um 600 Prozent, Telekommunikation um 100 Prozent, Brot um 400 Prozent und Gas um mehr als 130 Prozent. Viele Fabriken und Handwerksbetriebe schließen zudem, weil sie dem Wettbewerb mit billigen Importwaren aus der Türkei, China und anderen Ländern nicht standhalten können.
Die Übergangsregierung Syriens hat zwar Verbesserungen versprochen – höhere Löhne und neue Arbeitsplätze –, doch bisher profitieren nur wenige davon. Verbesserungen beschränken sich vor allem auf eine stabilere Stromversorgung und Lohnerhöhungen für diejenigen, die noch beschäftigt sind. Die monatlichen Gehälter stiegen im Durchschnitt von etwa 40 auf rund 100 US-Dollar.

Verbündete stellen Bedingungen für den Wiederaufbau
Auch international bleibt die Unterstützung begrenzt. Die reichen Golfstaaten und die US-Regierung unter Präsident Donald Trump, die enge Beziehungen zu Präsident Ahmad Al-Sharaa unterhalten, leisten bislang nur begrenzte finanzielle Hilfe. Dieses Hilfspaket reicht nicht aus, um zerstörte Infrastruktur zu reparieren, Gebäude zu sanieren oder Wohnraum wieder aufzubauen.
Vor dem Hintergrund der Eskalation des US-amerikanisch-israelischen Krieges gegen den Iran und der damit verbundenen wirtschaftlichen Belastungen für die Golfstaaten ist davon auszugehen, dass ihre Fähigkeit zur weiteren Unterstützung Syriens abnehmen wird.
Auch die Europäische Union hält sich bislang zurück. Bei ihrem jüngsten Besuch in Damaskus im Januar kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen humanitäre Hilfe und Unterstützung für die wirtschaftliche Erholung in Höhe von 620 Millionen Euro für die Jahre 2026 und 2027 an.
Investitionen sind bis dato nur ein Versprechen
Groß angelegte Investitionen in den Wiederaufbau der syrischen Wirtschaft, deren Kosten auf mindestens 200 Milliarden Dollar geschätzt werden, sind bis dato nur ein Versprechen. Selbst Geldtransfers von und nach Syrien sind weiterhin schwierig, obwohl die westlichen Sanktionen weitgehend aufgehoben wurden.
Damit fehlen in Gänze die Voraussetzungen, um syrische Flüchtlinge – insbesondere jene in Deutschland und anderen europäischen Ländern – in absehbarer Zeit zur Rückkehr zu bringen. Ein Indiz dafür ist, dass im Jahr 2025 weniger als 3700 der über 700.000 in Deutschland lebenden syrischen Flüchtlinge laut Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge in ihr Herkunftsland zurückkehrten.
Berlin und Brüssel warten offenbar auf eine Stabilisierung der politischen und sicherheitspolitischen Lage. Besonders die Massaker an Zivilisten aus alawitischen, drusischen, christlichen und kurdischen Gemeinschaften schrecken Investoren und Regierungen ab.
Politisch erwarten westliche Partner von Syrien unter anderem die Einführung eines Mehrparteiensystems, die Sicherung grundlegender Freiheitsrechte und den Aufbau rechtsstaatlicher Institutionen. Erst danach soll über umfassendere wirtschaftliche Partnerschaften über humanitäre Hilfe hinaus nachgedacht werden. Zudem erwarten Investoren ein stabiles Investitionsklima und gleiche wirtschaftliche Chancen.
Schnelle Privatisierung in einer fragilen Lage
Unterdessen treibt die Übergangsregierung Syriens eine beschleunigte Privatisierung staatlicher Unternehmen voran. Der syrische Finanzminister Mohammed Yisr Barnieh kündigte an, defizitäre Betriebe zu sanieren oder zu verkaufen. Parallel dazu wird die Wirtschaft rasch von einer staatlich gelenkten Struktur in eine offene Marktwirtschaft umgewandelt, in der Importe nahezu zollfrei möglich sind.
Vor diesem Hintergrund mehren sich die Beschwerden der syrischen Handelskammern. Sie fordern strengere Zollkontrollen und Maßnahmen zur Grenzsicherung, um Schmuggel einzudämmen und die lokalen Produktionen zu schützen.
Was können Berlin und Brüssel in diesem Kontext tun? Deutschland und die EU sollten eine entschlossenere Politik verfolgen. Ziel wäre es, die Übergangsregierung in Damaskus zu politischen und wirtschaftlichen Reformen zu bewegen.
Dies erscheint realistisch, da Syrien langfristig auf europäische Unterstützung beim Wiederaufbau angewiesen ist. Gleichzeitig betrachtet die EU ein zukünftiges stabiles Syrien als wichtigen Partner, nicht zuletzt wegen seiner geopolitischen Lage, sondern auch, weil Syrien vor 2011 zu den bedeutendsten Handelspartnern der EU in der arabischen Welt gehörte.




