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„Der Hexenmeister“ - so wurde Joseph Goebbels, der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, von Adolf Hitler bezeichnet. Seit dem 13. März 1933 war das von ihm geführte Ministerium (R.M.V.P.) für die Überwachung und Organisation von Presse und Rundfunk zuständig. Eine besondere Rolle sollte dabei das letztgenannte Medium, das seit dem 1. Januar 1926 von der Reichsrundfunk-Gesellschaft verwaltet wurde, zukommen. Zum Reichssendeleiter ernannte Goebels erst mal Eugen Hadamovsky, der schon 1930 der NSDAP beigetreten war und sich voll und ganz des Aufbaus des „Rundfunks im Dienste der Volksführung“ annahm.
Bereits am 13. März 1933 wurde auf dem Dach des Haus des Rundfunks in der Masurenallee die Hakenkreuz-Fahne gehisst. Goebbels selbst verkündete in einer Rede zum Thema „Die künftige Arbeit und Gestaltung des Deutschen Rundfunks“ am 25. März 1933 die Ziele der neuen Institution: „ ... das sieht jetzt jedermann in der Regierung ein: daß die geistige Mobilmachung ebenso nötig, vielleicht noch nötiger ist als die materielle Wehrhaftmachung des Volkes.“ Der geistigen Mobilmachung folgte am 1. September 1939 die Mobilmachung von 4,5 Millionen Soldaten für den Zweiten Weltkrieg.

Organisation und Aufgaben der Propagandaeinheiten
In den Jahren 1933 bis 1939 wurden die Weichen für die Führung eines künftigen Propagandakrieges gestellt. Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda und das Reichskriegsministerium (R.K.M.) mußten im Grundsatz Einigkeit darüber erzielen, wie die Kriegsberichter in den Ablauf einbezogen werden sollten. Ein Manko war zwar noch die mangelnde militärische Ausbildung der Propagandasoldaten, dennoch unterzeichneten Goebbels und General Wilhelm Keitel im Winter 1938/39 das grundlegende „Abkommen über die Durchführung der Propaganda im Kriege“.
In Friedenszeiten als politisches Kampfmittel verstanden, sollte der Propagandakrieg mit Kriegsbeginn u.a. zur Tarnung, Verschleierung und Irreführung der militärischen Absichten sowie zur Erhaltung der Opferbereitschaft und Wehrwilligkeit des eigenen Volkes herangezogen werden.
Von der Propaganda in Friedens- zur Propaganda in Kriegszeiten
Am 1. September 1939 war es dann soweit. Mit dem Polenfeldzug kamen die ersten Bild-, Ton- und Zeitungsberichterstatter zum Einsatz. Anfangs zogen die Fahrzeuge der Propagandakompanien hinter ihren Armeen her, die Kriegsberichter fanden sich alsbald im Kampfgeschehen wieder.
Ab dem Zeitpunkt des Kriegsausbruchs wandelte sich nochmals die Rolle des Rundfunks. Nun war er Mittler zwischen Front und Heimat, mußte der Bevölkerung in Deutschland das Kriegsgeschehen vermitteln und ebenso den Soldaten an der Front Unterhaltung und Nachrichten aus der Heimat zukommen lassen. Goebbels rief fast täglich die Abteilungsleiter des R.M.V.P. zusammen, um die propagandistische Marschroute festzulegen. Diese wiederum hielten dann direkten Kontakt zum Reichsintendanten Heinrich Glasmeier und Reichssendeleiter Hadamovsky. In der späteren Phase des Krieges waren die Rundfunkarbeitsbesprechungen die Institution, in der die Weisungen an die Journalisten weitergegeben wurden.

Prüfung durch das Oberkommando der Wehrmacht
In den Propagandaabteilungen waren vornehmlich Journalisten beschäftigt, die sich entweder selbst gemeldet hatten oder eingezogen worden waren, ihre Verwendung aber statt im direkten militärischen Einsatz in der Propagandakompanie für sinnvoller erachtet wurde. Die Berufung erfolgte durch Ministerialrat Werner Stephan im Propagandaministerium in Berlin. Diese wurde zuvor jeweils vom Oberkommando der Wehrmacht geprüft.
Bei den Berufungen lief nicht alles glatt; der eine oder andere fand sich nicht wie gewünscht an der Front, sondern in einer Schreibstube wieder. Eine positive Beurteilung erhielt per Schreiben von Ministerialrat Stephan, datiert vom vom 28. Mai 1940, ein gewisser August Hurtmanns. Er wird dem RV-Referat (Reichsverteidigungs-Referat) als Adjutant eines Führers einer Propagandakompanie (z.B. als Offizier) empfohlen.
Hurtmanns sei ein ausgebildeter Schriftleiter, habe gute englische, französische und holländische Sprachkenntnisse, ein guter Stenograph und Maschinenschreiber, ein guter Sportler, könne fotografieren und solle auch menschlich und äußerlich zu empfehlen sein.
August Hurtmanns gab denn auch 1942 im Völkischen Verlag ein Buch mit dem Titel „Soldat in Südost. Ein Feldzugsbericht“ heraus. Dann verliert sich seine Spur, bis er nach einem Bericht als Sportredakteur der Rheinischen Post wieder auftauchte und sich Meriten erwarb, als er für das Mönchengladbacher Fußballstadion den Namen „Am Bökelberg“ prägte.
Herausgeber der Montrealer Nachrichten
In den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit befindet sich undatiert auch die erste Seite einer Liste der Kriegsberichter mit kurzer Beurteilung ihrer Qualität. Darin werden benannt: Leutnant Hans Anderle, letzte Friedenstätigkeit im Gaupresseamt bzw. Landeshauptmannschaft, mit der Beurteilung „sehr guter Kriegsberichter“; Heinz Balzer vom Scherl-Verlag als „hervorragender Wortberichter, flotter Reporter mit gutem politischen Instinkt“; Georg Bachmann von der Reichsrundfunkgesellschaft als „sehr gute Kraft“; Karl Behrend, Leiter des Wiener Büros, als „sehr guter Kriegsberichter, obwohl erst kurz eingesetzt“; Alfons van Bevern, Borkener Zeitung, als „sehr guter Wortberichter, erstklassiger Stilist“; sowie Mario Heil de Brentani, freier Schriftsteller, als „hervorragender Stilist und geschickter Darsteller“.
Alfons van Bevern wurde persönlicher Berichterstatter von Generalfeldmarschall Heinz Guderian in Frankreich und Generaloberst von Kleist auf dem Balkan. 1944 gründete und leitete er als Kriegsberichter die Grabenzeitung der 1. Panzerarmee in Russland. Nach der Heimkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft war er Leiter der Borken-Bocholter Lokalredaktion der Münsterschen Zeitung und wechselte anschließend in die Zentralredaktion nach Münster.
Mario Heil de Brentani, Verfasser zahlreicher Novellen und Erzählungen, wurde ab 1941 als Kriegsberichter eingesetzt. Nach Kriegsende wanderte er nach Kanada aus und gab die Montrealer Nachrichten heraus, zu deren Mitarbeitern auch der spätere Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, gehörte.
Parallelität von Kriegsverlauf und Propaganda
Der Beginn des Bombenkriegs auf deutsche Städte und zivile Ziele brachte nochmals einen Kurswechsel in der Propaganda mit sich. Die Jahre 1943 bis 1945 waren von militärischen und ideologischen Rückzugsgefechten geprägt. Die wenigen erhaltenen Nachrichtensendungen aus dieser Zeit, herausgegeben vom Oberkommando der Wehrmacht, verschwiegen oder beschönigten den Verlauf des Krieges.

Je schwieriger die Situation an der Ostfront und nach der Invasion der Alliierten wurde, desto wichtiger war es, in den Rundfunkmeldungen keinen Zweifel an den Erfolgschancen der Wehrmacht aufkommen zu lassen.
Rückzug der Propagandakompanien
Das Jahr 1944 und das erste Quartal 1945 standen im Zeichen eines Abbaus der Propagandatruppen. Dies hatte mehrere Gründe: der Personalmangel der Wehrmacht, der Verlust zuvor besetzter Gebiete und der veränderte Frontverlauf und die angesichts bombardierter Städte geringe Empfangsbereitschaft des deutschen Volkes für Kriegspropaganda.
Alle einsatzfähigen, entbehrlichen Mitglieder der Propagandakompanien wurden den kämpfenden Truppen zugeführt. Beauftragter für die Freisetzung von Personal für die Front war Walter von Unruh, General der Infanterie und seit der Niederlage von Stalingrad damit beschäftigt, die Lücken in der Reihen der fronttauglichen Männer zu schließen.
Die militärischen Niederlagen und der damit veränderte Kriegsschauplatz waren der Grund dafür, dass einige Propagandaabteilungen in den besetzten Gebieten aufgelöst wurden oder in andere, noch gehaltene Stellungen umziehen mussten.
Einer hat dann doch die Konsequenzen zu tragen
Es gab diverse Fälle, in denen Mitglieder der Propagandakompanien im Nachkriegsdeutschland mehr oder minder nahtlos Verwendung in journalistischen Berufen fanden oder in der Politik Karriere machten. Bereits hinlänglich bekannte Beispiele sind folgende Personen, um nur einige zu nennen:
Kurt Georg Kiesinger, der seit 1933 NSDAP-Mitglied war und zum stellvertretenden Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung des Reichsrundfunks mit direktem Draht zum Propagandaministerium aufstieg. So zeichnete er am 4. Mai 1941 für die Übertragung der „Führer-Rede“ in alle Sendegebiete verantwortlich. Vor allem diese Tätigkeit wurde ihm in der Zeit seiner Kanzlerschaft, die von 1966-1969 währte, zum Vorwurf gemacht.
Henri Nannen, Kriegsberichter bei der Luftwaffe und Mitglied der SS-Standarte Kurt Eggers, hatte im Nachkriegsdeutschland keine Konsequenzen aus seiner NS-Karriere zu tragen. Er konnte sogar bei der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Stern auf die Mitarbeit des ersten Chefredakteurs der nationalsozialistischen Zeitung Der Stern, Kurt Zentner, zurückgreifen. Seine politischen Positionen in den Siebzigerjahren gingen eher in Richtung der SPD, sodass er sich keinem Verdacht mehr aussetzen musste, Verbindungen zu revanchistischen Kreisen zu haben.

Im Gegensatz zu diesen beiden Fällen hatte Werner Höfer die Konsequenzen aus seiner nationalsozialistischen Vergangenheit zu tragen. NSDAP-Mitglied seit dem 1. Mai 1933, war er ab 1941 als Pressereferent für die Organisation Todt und anschließend für das Reichsministerium für Bewaffnung und Munition unter Albert Speer tätig.
Höfer veröffentlichte Artikel in der NS-Propagandazeitung Das Reich und im 12-Uhr-Blatt. Ihm wird zur Last gelegt, am 20. September 1943 einen Artikel über den Pianisten Karlrobert Kreiten verfasst zu haben. Der Text lautete: „Wie unnachsichtig jedoch mit einem Künstler verfahren wird, der statt Glauben Zweifel, statt Zuversicht Verleumdung und statt Haltung Verzweiflung stiftet, ging aus einer Meldung der letzten Tage hervor, die von der strengen Bestrafung eines ehrvergessenen Künstlers berichtete. Es dürfte heute niemand Verständnis dafür haben, wenn einem Künstler, der fehlte, eher verziehen würde als dem letzten gestrauchelten Volksgenossen. Das Volk fordert vielmehr, dass gerade der Künstler mit seiner verfeinerten Sensibilität und seiner weithin wirkenden Autorität so ehrlich und tapfer seine Pflicht tut wie jeder seiner unbekannten Kameraden aus anderen Gebieten der Arbeit. Denn gerade Prominenz verpflichtet.“
Höfer bestritt, den Artikel in dieser Form verfaßt zu haben, mußte aber 1987 auf Geheiß des WDR von der Moderation des „Internationalen Frühschoppens“ zurücktreten, die er seit 1953 inne gehabt hatte.
Posthum Ehrungen entzogen
Bruno Moravetz, PK-Berichter und Angehöriger der SS-Standarte Kurt Eggers, sendete im Reichsrundfunk Durchhalteparolen und war seit den Sechzigerjahren Live-Berichterstatter des ZDF für Olympische Winter- und Sommerspiele. Sein propagandistischer Einsatz im Nationalsozialismus wurde bis zu seinem Tod 2013 nicht thematisiert.
Ein weiterer Mitarbeiter des ZDF, Horst Rippert, war Jagdflieger im Zweiten Weltkrieg und rühmte sich später, den französischen Autor Antoine de Saint-Exupéry abgeschossen zu haben. Dessen ungeachtet wurde er bei Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaften als Sportreporter eingesetzt.
Karl Holzamer, von 1962 bis 1977 Intendant des ZDF, wurden erst posthum Ehrungen entzogen, nachdem ein Mitarbeiter des ZDF-Archivs Unterlagen zutage gefördert hatte, die nachwiesen, dass er seit 1937 NSDAP-Mitglied war. Außerdem soll er laut Wikipedia-Eintrag zeitweilig der SA angehört haben. Eine nationalsozialistische Gesinnung oder gar Aktivitäten konnten ihm zeitlebens nicht nachgewiesen werden.
Petra Fischer studierte Politikwissenschaften am Otto-Suhr-Institut in Berlin und promovierte zum Thema „Wandel öffentlich-rechtlicher Institutionen im Kontext historisch-politischer Ereignisse am Beispiel des Senders Freies Berlin“. Beim Sender Freies Berlin und dem Rundfunk Berlin-Brandenburg war sie als Festangestellte mit verschiedenen Projekten des Fernsehprogramms betraut. Seit 2022 ist sie als Autorin und freie Journalistin tätig. Im September 2024 erschien ihr Buch „Propaganda im III. Reich – Front und Heimat im Gleichschritt“ im Miles-Verlag.
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