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Messerangriff in London: Wenn jüdisches Leben nur noch hinter Pollern möglich ist

Was derzeit in Großbritannien geschieht, ist kein Randthema. Es ist ein Warnsignal für ganz Europa.

Tatort London: Am 29. April stach ein Täter am helllichten Tag auf zwei Männer vor einer Synagoge ein.
Tatort London: Am 29. April stach ein Täter am helllichten Tag auf zwei Männer vor einer Synagoge ein.Rasid Necati Aslim/Imago

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London erlebt seit Wochen eine Serie alarmierender Vorfälle: ein Drohnenalarm nahe der israelischen Botschaft, angezündete Rettungsfahrzeuge einer jüdischen Hilfsorganisation, Brandanschläge auf Synagogen, Angriffe auf jüdische Einrichtungen – und zuletzt ein Messerangriff auf zwei jüdische Passanten im Stadtteil Golders Green.

Der jüngste Angriff markiert eine weitere Eskalationsstufe. Ein Täter stach am helllichten Tag auf zwei Männer ein, einer von ihnen in unmittelbarer Nähe einer Synagoge. Dass beide überlebten, ist auch dem schnellen Eingreifen der jüdischen Sicherheitsorganisation Shomrim zu verdanken. Der Vorfall fügt sich ein in eine Abfolge von Angriffen, die zunehmend gezielt und öffentlich stattfinden.

Man kann diese Ereignisse als einzelne Straftaten behandeln. Man kann sie voneinander trennen, verwalten und kommentieren. Doch genau darin liegt das Problem. Denn zusammengenommen erzählen sie eine andere Geschichte: die Geschichte einer Gesellschaft, in der Judenhass wieder sichtbarer, aggressiver und selbstverständlicher wird.

Synagoge in der Rykestraße in Berlin-Prenzlauer Berg
Synagoge in der Rykestraße in Berlin-Prenzlauer BergSabine Gudath/Imago

Man gewöhnt sich an die erhöhte Sicherheitslage

Was derzeit im Vereinigten Königreich geschieht, ist kein britisches Randthema. Es ist ein Warnsignal für ganz Europa. Wer genau hinsieht, erkennt ähnliche Entwicklungen auch anderswo: jüdische Schulen unter besonderem Schutz, Synagogen mit Betonpollern, Sicherheitsdienste vor Gemeindezentren, Hassparolen auf Demonstrationen, Einschüchterung auf Universitätscampus, Relativierung im politischen Betrieb. Jüdisches Leben wird in Europa nicht abgeschafft. Es wird eingehegt.

Das geschieht selten mit einem großen Paukenschlag. Es geschieht schrittweise. Erst steigt die Zahl antisemitischer Vorfälle. Dann gewöhnen sich Behörden an erhöhte Sicherheitslagen. Danach gewöhnt sich die Öffentlichkeit an Bilder bewaffneter Polizeipräsenz vor Synagogen. Schließlich gilt als Erfolg, dass „nichts passiert ist“. Doch wenn Menschen ihren Glauben nur noch unter Schutzmaßnahmen leben können, ist bereits sehr viel passiert.

Nach Angaben des Community Security Trust wurden in Großbritannien 2025 rund 3700 antisemitische Vorfälle registriert – einer der höchsten je gemessenen Werte. Zugleich erklärte der britische Inlandsgeheimdienst MI5, seit 2022 auf 20 vom Iran unterstützte Anschlagspläne reagiert zu haben. Solche Zahlen sollten jede europäische Regierung alarmieren.

Antisemitismus ist nie nur ein Problem der Juden

Denn Antisemitismus fällt nicht vom Himmel. Er entsteht in einem politischen Klima, in dem Hass entschuldigt, umetikettiert oder ideologisch aufgeladen wird. Er wächst dort, wo Gewalt gegen Juden als Nebeneffekt internationaler Konflikte dargestellt wird. Und er gedeiht dort, wo Staaten gegenüber autoritären Regimen Schwäche zeigen, die offen zur Vernichtung Israels aufrufen und zugleich Einflussnetzwerke in Europa unterhalten.

Das iranische Regime spielt dabei eine zentrale Rolle. Seine Feindschaft gegenüber Israel ist bekannt. Weniger beachtet wird oft, dass diese Ideologie auch jüdisches Leben außerhalb Israels trifft. Wenn weltweit gegen „Zionisten“ mobilisiert wird, sind es häufig ganz reale jüdische Gemeinden, die die Folgen spüren – in London ebenso wie in anderen europäischen Städten. Europa sollte daraus lernen: Antisemitismus ist nie nur ein Problem der Juden. Er ist ein Angriff auf die Grundlagen pluralistischer Gesellschaften.

Wer heute wegschaut, weil es „nur“ Synagogen betrifft, wird morgen feststellen, dass auch andere Minderheiten betroffen sind. Wer heute hinnimmt, dass jüdische Einrichtungen wie Hochsicherheitszonen behandelt werden müssen, akzeptiert stillschweigend die Erosion öffentlicher Freiheit. Wer antisemitische Gewalt als bloßen „importierten Konflikt“ missversteht, verkennt ihre Wirkung im Inneren. Es geht deshalb nicht nur um Polizeischutz, so notwendig er ist. Es geht um politische Klarheit.

Europa braucht Regierungen, die antisemitische Ideologien benennen, statt sie in allgemeinen Floskeln über Extremismus aufzulösen. Es braucht konsequentes Vorgehen gegen ausländische Einflussstrukturen, die Hass fördern. Es braucht Universitäten, Schulen und Medien, die nicht erst reagieren, wenn Gewalt eskaliert. Und es braucht eine Öffentlichkeit, die erkennt: Wenn Juden sich unsicher fühlen, stimmt etwas Grundsätzliches nicht.

Seismograf für den Zustand einer Demokratie

Zu oft wird jüdische Sicherheit als Spezialthema behandelt – als Angelegenheit einer kleinen Minderheit mit besonderen Bedürfnissen. Das Gegenteil ist richtig. Der Schutz jüdischen Lebens ist ein Seismograf für den Zustand einer Demokratie.

Wo Juden frei, sichtbar und ohne Angst leben können, funktioniert meist auch der Rechtsstaat. Wo sie sich zurückziehen müssen, bröckelt mehr als nur das Sicherheitsgefühl einer Gemeinschaft.

Die Bilder aus London sollten deshalb nicht nur in London Sorgen auslösen. Sie sollten Berlin, Paris, Brüssel und Wien aufrütteln. Denn eine Gesellschaft, in der Synagogen dauerhaft hinter Pollern stehen, hat sich an etwas gewöhnt, woran sie sich niemals gewöhnen dürfte.

Rabbi Abraham Cooper ist stellvertretender Dekan und Direktor für globale soziale Maßnahmen am Simon Wiesenthal Center und ehemaliger Vorsitzender der US-Kommission für internationale Religionsfreiheit. Daniel Schuster wiederum ist Europa-Repräsentant des Simon Wiesenthal Centers in Wien.

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