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Libanon: Mit Kriegsverbrechen bringt Israel auch die Hisbollah-Gegner gegen sich auf

Es soll eine „letzte Schlacht“ zur Eliminierung der Hisbollah sein. Doch von diesem Ziel kommen die Israeli mit ihrem Einsatz im Libanon immer weiter ab.

Bei einem israelischen Angriff auf das christliche Ain Saadeh wurde am Ostersonntag der Maronit Pierre Douaumont, Yahchouch-Funktionär der Lebanese Forces, zusammen mit seiner Frau getötet.
Bei einem israelischen Angriff auf das christliche Ain Saadeh wurde am Ostersonntag der Maronit Pierre Douaumont, Yahchouch-Funktionär der Lebanese Forces, zusammen mit seiner Frau getötet.Houssam Shbaro/Imago

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Libanon und Israel befinden sich seit der Libanoninvasion von 1982 offiziell im Kriegszustand. Ein am 17. Mai 1983 vom israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin und libanesischen Präsidenten Amin Gemayel vereinbartes Friedensabkommen scheiterte. Israel besetzte in Folge den Südlibanon bis ins Jahr 2000 hinein, was zu Beginn die Gründung und im weiteren Verlauf den Widerstand der Hisbollah begründete. Nach 1983 gab es jahrzehntelang keinerlei bilateralen Verhandlungen.

US-Außenminister Marco Rubio beschrieb die Gespräche daher zu recht als „historisch“. Durch sie werde „ein Rahmen zur Grundlage eines dauerhaften, beständigen Friedens geschaffen.“ Doch ist nicht nur das Misstrauen zwischen den Gesprächspartnern groß, sondern auch ihre Zielsetzungen differieren: Während die libanesische Regierung auf „einen dauerhaften Waffenstillstand“ hofft, will die israelische Gegenseite „die endgültige Zerschlagung der Hisbollah sicherstellen“.

Die unter US-Vermittlung geführten Gespräche müssen als Versuch gesehen werden, die Front im Libanon von der in Iran zu entkoppeln. Jedoch dürfte ein langfristiges Einlenken auf Seiten Israels nur unter Druck Washingtons; auf Seiten der Hisbollah nicht ohne die Entscheidung Teherans erfolgen. Während Jerusalem die Beilegung der Kämpfe torpediert, weigert sich Teheran die Unterstützung für seinen Stellvertreter aufzugeben. Beirut erkennt zwar an, dass die Hisbollah den Libanon in den Irankrieg hineingezogen hat, doch will es keinen erneuten Bürgerkrieg provozieren.

1,2 Millionen Menschen auf der Flucht

Nachdem Israel die Hisbollah nach ihren Angriffen ab dem 8. Oktober 2023 dezimiert hatte, musste sie am 24. November 2024 ein durch die USA vermitteltes Waffenstillstandsabkommen akzeptieren. Darin wurde nicht nur ihre Verbannung aus dem Gebiet südlich des Litani-Flusses (ca. 30 km nördlich von Israel) bestimmt, sondern auch ihre Demilitarisierung festgelegt.

Während der libanesische Präsident Joseph Aoun seither beteuert „Fortschritte bei ihrer Entwaffnung“ zu machen, wirft ihm der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor, „zu zögerlich“ vorzugehen. Daher ließ er weiter nahezu täglich verdächtige Aktivitäten im Libanon trotz des Abkommens bombardieren.

Die Waffenruhe - die de facto keine war - zerbrach offiziell am 2. März, nachdem die Hisbollah als „Vergeltung für die andauernden Angriffe“ und „das unschuldige Blut Ayatollah Khameneis“ Israel erneut angriff. Obwohl sie die Eliminierung des Obersten Führers zuvor als „rote Linie“ markiert hatte, kam ihr Angriff überraschend.

Viele Beobachter hatten die Miliz schon am Ende gesehen, nachdem Israel ihre Führungsriege um Hassan Nasrallah am 27. September 2024 eliminiert und einen Monat später ihre Kommandostrukturen durch die Geheimdienstoperation „Apollo“ mit manipulierten Pagern zerschlagen hatte. Doch die Hisbollah arbeitete nach den Rückschlägen im Untergrund daran, ihre Kampfeinheiten autonomer zu restrukturieren, ihre Kommandostrukturen abseits ausländischer Kommunikationsmittel zu reaktivieren und ihr Waffenarsenal durch noch intakte Schmuggelrouten über Syrien und eigene Produktionsstätten wieder aufzufüllen.

Dabei offenbarte sie über ein Jahr lang eine strategische Resilienz, indem sie auf das anhaltende Bombardement nicht reagierte. Erst mit ihrem Angriff zugunsten ihres Schutzherren im Kontext des Irankrieges kam sie erneut aus der Deckung und verband damit die Front im Libanon direkt mit der in Iran.

Aufgrund des erneuten Beschusses marschierte Israel am 16. März mit Bodentruppen tief in den Südlibanon ein. Seine Armeeführung erklärte, dass ihre Truppen bis zum Litani-Fluss vorstoßen werden, um die Hisbollah zu verdrängen. Das ausgewiesene Gebiet hat einen Umfang von ca. 900 km² und umfasst rund zehn Prozent des Staatsgebietes des Libanons. Der israelische Einmarsch führte zur Vertreibung von rund 1,2 Millionen Menschen, deren Großteil nach Beirut oder weiter in den Norden sowie auch nach Syrien flüchtete.

Israel bestätigt Einsatz von Drohnen

Die Militäroperation „Brüllender Löwe“ ist jedoch nicht Israels erster Versuch, militante Gruppen aus dem Südlibanon zu vertreiben. Israels Führung hat seinen Bürgern im Norden schon mehrfach Sicherheit durch Vorstöße bis zum Litani versprochen – scheiterte aber jedes Mal: in der Operation „Litani“ 1978, im Libanesischen Bürgerkrieg 1982, im Junikrieg 2006 und in der Operation „Pfeile des Nordens“ 2024.

Selbst nachdem das israelische Militär für 18 Jahre den Südlibanon besetzt hielt, musste es sich aufgrund von zu hohen Kosten und Verlusten zurückziehen. Während Israel seine erneute Bodenoffensive als „letzte Schlacht“ zur Eliminierung der Hisbollah darstellt, darf das Erreichen dieses Ziels also bezweifelt werden. Im Endeffekt hat ihre Besatzung bisher den Widerstand nur gestärkt.

Im Libanoneinsatz sind neben der an der Nordgrenze stationierten 91. Division, die 36.  (Offensivverbände), die 98. (Spezialverbände), die 146. (Flankenverbände) und die 162. Division (Panzerverbände) beteiligt, was einer Gesamtstärke von rund 20.000 Soldaten entspricht. Am 7. April verkündete die Armee, dass sie die „Stationierung entlang der Verteidigungslinie“ abgeschlossen habe. Laut Unifil-Informationen ist sie allerdings nur zwischen fünf bis neun Kilometer in libanesisches Gebiet vorgedrungen. Da dies der Reichweite von Panzerabwehrraketen entspricht, ist davon auszugehen, dass die Linie den diesbezüglichen Beschuss unterbinden soll.

In jüngster Zeit hatte die Miliz immer häufiger Anti-Tank Guided Missiles (ATGM) nicht nur gegen vorrückende Panzer eingesetzt, sondern sie nutzte die in ihrem Besitz befindlichen russischen Kornet-, Konkurs- und Metis- sowie iranischen Dehlavieh-Systeme auch um Einrichtungen, Stellungen und Gebäude in Nordisrael zu attackieren. Zudem setzt sie verstärkt Drohnen mit sog. First-Person-View (FPV) ein. Kürzlich von ihrer Plattform Al-Muqawama veröffentlichtes Material zeigt Milizionäre, die mit Sprengladungen bestückte Drohnen in Merkava-Panzer steuern. FPVs sind kleine, kostengünstige Quadcopter, die Sprenglasten wie Granaten oder Panzerfaustaufsätze transportieren können.

Die israelische Armee bestätigte, dass es durch Drohnen zu Toten und Verletzten gekommen ist, auch wenn die genauen Opferzahlen aufgrund ihrer Militärzensur unklar bleiben. FPVs gelten eigentlich als Markenzeichen des Ukrainekriegs, wo sie für über die Hälfte der Getöteten verantwortlich sein sollen. Zwar führte die Hisbollah schon während des Krieges 2024 vereinzelte Drohnen-Operationen durch, allerdings setzt sie diese nun im größeren Umfang ein. Dabei nutzt sie verstärkt auch Glasfasersteuerungen, welche die Abwehrversuche deutlich erschweren.

Kriegsverbrechen, die ungesühnt bleiben

Dass Israel bis dato nicht weiter als bis zu der Verteidigungslinie vorgedrungen ist, liegt also nicht nur am internationalen Druck, der Israel zur Zurückhaltung auffordert, sondern auch an der unerwartet heftigen Gegenwehr der Hisbollah. Ihr ist es trotz ihrer Dezimierung gelungen, den israelischen Vorstoß mit Hilfe ihrer adaptierten Kriegstaktik zu verlangsamen. Und die Hisbollah gibt sich weiter kampfbereit: Erst am 10. April schwor ihr Anführer Naim Kassim im Parteisender Al-Manar, dass der „Widerstand bis zum letzten Atemzug andauern“ werde. In den vergangenen Tagen lieferten sich seine Kämpfer trotz großer Verluste heftige Gefechte mit israelischen Soldaten in Aitaroun, Bint Jbeil, Debbine, Maroun al-Ras, Naqoura, Odaiseh, Qantara und Taybeh.

Je stärker sich der Widerstand der Hisbollah äußert, desto massiver geht Israel vor. So nutzt es bei seinen Einsätzen offenbar auch international geächtete Airburst-Munition, Double-Taps und weißen Phosphor, wie eine Untersuchung von Human Rights Watch ergab. Zusätzlich hat das israelische Militär Dutzende libanesische Dörfer sprichwörtlich dem Erdboden gleichgemacht. Darunter sind Aita al-Shaab, Ainata, Boustane, Kfar Kila, Marwahine, Shamaa und Yarin. Ihre Auslöschung wird zur dauerhaften Vertreibung ihrer Bewohner führen. Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz hatte die „Vernichtung der Dörfer nach dem Vorbild Gazas“ befohlen.

Israels Vorgehen führt neben schweren Schäden an ziviler Infrastruktur – einer BBC-Analyse zufolge sind bereits über 1.400 Gebäude zerstört worden – immer häufiger zu zivilen Opfern. Laut dem libanesischen Gesundheitsministerium sind seit dem 2. März über 2.000 Menschen getötet worden, darunter fast 200 Kinder. Ihr Töten stellt völkerrechtlich zweifellos ein Kriegsverbrechen dar, bleibt aber international weitestgehend ungesühnt. Während deutsche Politiker nicht müde werden, Russlands Verbrechen in der Ukraine zu verurteilen, treten sie in Bezug auf Israels vielfach dokumentierte Kriegsverbrechen auffällig wortkarg auf.

Erst am 8. April startete die israelische Armee ihren größten Angriff seit der Pager-Operation, wobei sie innerhalb von nur zehn Minuten über 100 Orte im Libanon bombardierte. Dabei griff sie während der Hauptverkehrszeit ohne Vorwarnung dicht besiedelte Stadtgebiete an und tötete innerhalb von Minuten über 300 Menschen und verletzte über 1.800 weitere. Unter den Opfern waren nicht nur über ein Dutzend libanesische Soldaten, sondern vor allem Zivilisten. Es war einer der tödlichsten Bombardements in der Geschichte des Landes, weshalb der Tag bereits als „schwarzer Mittwoch“ bezeichnet wird.

Dieses Foto vom 22. März 2026 zeigt eine Explosion während eines israelischen Luftangriffs auf eine Brücke über den Litani-Fluss in Qasmiyeh im Südlibanon.
Dieses Foto vom 22. März 2026 zeigt eine Explosion während eines israelischen Luftangriffs auf eine Brücke über den Litani-Fluss in Qasmiyeh im Südlibanon.Ali Hashisho/Imago

Auch reiche Stadtteile an der Küste werden bombardiert

Zu den bombardierten Zielen gehörten neben belebten Einkaufsstraßen, dicht besiedelte Wohnblöcke, gehobene Einkaufszentren und reiche Stadtteile entlang der Küste – Orte, die bis dato als sicher galten. Der Großangriff namens „ewige Finsternis“ erfolgte nur wenige Stunden, nachdem US-Präsident Donald Trump einen Waffenstillstand zwischen den USA und Israel mit Iran verkündet hatte, wobei Letzterer den Libanon ausdrücklich inkludiert sah.

Auf der einen Seite hat die Militanz der Hisbollah, die sie immer häufiger zur Sicherung ihrer machtpolitischen Ambitionen einsetzte, viele Libanesen entzweit. Auf der anderen Seite entfremdet das Vorgehen Israels diejenigen, die Hoffnung in ihre Dezimierung setzen. Ihr Vorwurf lautet, dass „Israel keinen Unterschied zwischen Kämpfern und Zivilisten“ mache, wie jüngst in einem Reuters-Interview auf einer Beerdigung einer Familie in Tyros deutlich wurde.

Der Interviewte betonte entsprechend des bestehenden Konfessionalismus im Libanon, dass Israel bei seinen Bombardements „nicht einmal zwischen Muslimen und Christen“ differenziere. Erst wenige Tage zuvor war ein fünfzehnstöckiger Wohnblock im christlichen Ain Saadeh bombardiert worden. Bei dem Angriff am Ostersonntag wurde der Maronit Pierre Douaumont, Yahchouch-Funktionär der Lebanese Forces, zusammen mit seiner Frau ermordet.

Die christlichen Lebanese Forces gelten als politischer Gegner der schiitischen Hisbollah. Die anti-iranische Partei verurteilt deren Krieg und unterstützt den Ruf nach ihrer Entwaffnung, was den Tod von Douaumont für viele Libanesen umso unverständlicher macht.

Auf diese Weise verliert Israel auch noch diejenigen Kräfte, auf deren Unterstützung sie bei ihrem Vorhaben angewiesen ist. Alleine wird die israelische Armee dazu nicht in der Lage sein, schließlich hat sie es trotz der Verwüstung des Gazastreifens bis heute nicht vermocht, die Hamas zu entwaffnen.

Christoph Leonhardt ist Leiter von Okzident-Orient und stellv. Geschäftsführer von Middle East Minds. Nach seinem Studium in Berlin und Beirut hat er an der Universität der Bundeswehr München über paramilitärische Gruppen im Syrienkrieg promoviert.

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