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KI als Jobkiller in der Softwarebranche: Lohnt es sich noch, Informatik zu studieren?

Die IT-Branche wird durch künstliche Intelligenz grundlegend umstrukturiert. Schon bald könnte KI zahlreiche Jobs zu ersetzen – aber sie schafft auch neue Stellen.

In den vergangenen 25 Jahren hat sich das Informatik-Studium rapide weiterentwickelt. Auch der vermehrte Einsatz von Künstlicher Intelligenz wird zur Herausforderung für die Hochschulen.
In den vergangenen 25 Jahren hat sich das Informatik-Studium rapide weiterentwickelt. Auch der vermehrte Einsatz von Künstlicher Intelligenz wird zur Herausforderung für die Hochschulen.IMAGO/Wolfgang Maria Weber

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Wenn Johann oder Yeliz nach dem Abitur nicht wussten, was sie studieren sollten, war neben BWL und Lehramt „irgendwas mit IT“ lange Zeit der sichere Hafen. Softwareentwicklung war wie Bestatter oder Geburtshelfer – geboren und gestorben wird immer.

Gerade im hippen Berlin schien das besonders stabil. Große Konzerne organisierten sogar Start-up-Touren, bei denen junge, dynamische, erfolgreiche Menschen hinter gläsernen Bürowänden wie Pandas im Zoo bestaunt werden konnten. Und weil die Hochschulen nicht schnell genug qualifizierte Menschen hervorbringen konnten, entstanden Umschulungen, Bootcamps und Expats, um den unersättlichen Bedarf an Softwareentwickelnden und anderen IT-Fachkräften zu stillen.

Weniger Jobs, mehr KI-Investitionen

Heute sieht dieselbe Landschaft plötzlich weniger blühend aus. Und das ist kein Bauchgefühl, sondern beginnt sich in Zahlen und im Alltag vieler Studierender zu zeigen. Und wer noch nicht mit dem Studium begonnen hat, überlegt heute zweimal, ob „irgendwas mit IT“ noch das Richtige ist.

Dass diese Unsicherheit ausgerechnet jetzt aufkommt, ist kein Zufall. Meta hat beispielsweise für 2026 einen Stellenabbau von rund zehn Prozent der Belegschaft angekündigt, während der Konzern zugleich massiv auf Künstliche Intelligenz setzt. Und Meta ist nicht der einzige Konzern: Auch Microsoft reduziert Stellen, während es die AI-Investitionen massiv hochfährt.

Der Science-Fiction-Klassiker Blade Runner aus dem Jahr 1982, in dem Harrison Ford Androiden von Menschen unterscheiden muss, wirkte lange so fern wie für die Menschen des ausklingenden 19. Jahrhunderts Jules Vernes Erzählungen von Booten, die unter Wasser fahren können. Die Black Mirror-Folge „Be Right Back“ aus dem Jahr 2013 erzählt davon, wie ein Mensch als KI-Imitation weiterlebt. Meta, der Konzern hinter Facebook, arbeitet an einem KI-Avatar von Mark Zuckerberg, der virtuell so antworten soll, wie er selbst es tun würde – im Grunde sind wir also schon da. Auf der gerade zu Ende gegangenen Hannover Messe 2026 haben Amazon Web Services (AWS) und das Robotik-Unternehmen Neura Robotics eine Partnerschaft verkündet, um die nächste Generation intelligenter Roboter zu entwickeln. Da braucht es nicht viel Fantasie, um zu erkennen, dass beispielsweise die KI-Freundin Joi aus der Neuauflage Blade Runner 2049 wohl schon vor 2049 Realität sein wird.

Softwareentwicklung wird sich verändern

Ideen, was mit KI denkbar ist, gibt es offensichtlich genug. Umgesetzt werden muss das natürlich auch irgendwie. Was bedeutet das also nun für die Arbeit in der Softwareentwicklung? Ganz klar: Sie wird nicht einfach verschwinden, aber die Art und Weise, wie Software entwickelt wird, und damit auch das Berufsbild klassischer Entwickelnder werden sich massiv verändern.

Man kann hier gut eine Analogie zur frühen Industrialisierung ziehen, in der beispielsweise kraftgetriebene Webstühle eine komplette Neuorganisation der Textilindustrie hervorbrachten. Abläufe, Fähigkeiten und Geschwindigkeit ändern sich. Entwickelnde sind natürlich keine Weber, und trotzdem ist der Vergleich legitim. Standardtätigkeiten wie das Umsetzen klarer fachlicher Anforderungen werden durch KI abgelöst. Dass das gerade in der Softwareentwicklung gut funktioniert, liegt daran, dass Softwareentwicklung sehr strukturiert abläuft und Prozesse von jeher optimiert und zerlegt wurden. Es gibt klare fachliche Anforderungen, es gibt Designs und Architekturen, und es gibt seit einigen Jahren das Prinzip, komplexe Software in kleine, handliche Services zu zerlegen. Das erhöht, ähnlich wie bei einem Fließband, die Effizienz. Aber genau dadurch ist es einfacher möglich, Teile Stück für Stück in einer KI-Fertigungsstrecke zu automatisieren.

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Wer fachliche Anforderungen formuliert, sie durch KI umsetzen lässt und gleichzeitig in der Lage ist, die KI in neue Richtungen zu lenken oder von Umwegen abzuhalten, wird gefragt sein. Das ist eine starke Fähigkeit, die zugleich technische Expertise und fachliches Verständnis voraussetzt. In agilen Projektsettings spräche man hier von einer Verschmelzung zwischen Product Owner, also denjenigen, die Software fachlich gestalten, und klassischen Entwickelnden, also denjenigen, die sie implementieren. Natürlich wird darüber hinaus noch ein Bedarf an Menschen bestehen, die KI weiterentwickeln. Wer fachliche Anforderungen formuliert, sie durch KI umsetzen lässt und zugleich in der Lage ist, die Maschine zu steuern, umzulenken und zu korrigieren, bringt genau die Fähigkeit mit, die auch in Zukunft gebraucht wird.

Zu wenige Junior-Stellen für Hochschulabsolventen

Der Arbeitsmarkt spiegelt diese Entwicklung. Der allgemeine Ruf nach Fachkräften erscheint in diesem Zusammenhang jedoch widersprüchlich. Bitkom spricht von 109.000 fehlenden IT-Fachkräften in Deutschland. Das sind deutlich weniger als die 149.000 offenen IT-Stellen von vor zwei Jahren, aber immer noch viele. Aber IT ist eben nicht IT. Es lohnt sich, genau zu schauen, welche Bereiche in der IT gefragt sind – die klassische Entwicklung gehört immer seltener dazu. KI-Fachkräfte, Fachkräfte im Cloud-Bereich und ähnliche Profile dagegen schon eher.

Das sind Fähigkeiten, mit denen klassische Absolventinnen und Absolventen nicht einfach aus der Hochschule kommen. Diese Fähigkeiten setzen Vorwissen voraus, das nach der Ausbildung erst aufgebaut werden muss. Und genau hier liegt der Hund begraben: Unternehmen schreiben signifikant weniger Junior-Stellen aus. Laut Stepstone ist die Zahl der Einstiegsstellen im ersten Quartal 2025 um 45 Prozent unter den Fünfjahresdurchschnitt gefallen und lag damit sogar unter dem Niveau der ersten Corona-Monate. Für Absolventinnen und Absolventen ist es damit nachweislich schwieriger geworden, einen Einstieg zu finden.

Genau daraus entsteht ein strukturelles Problem, das in der öffentlichen Debatte noch unterschätzt wird. Hochqualifizierte Softwarearbeit wird weiterhin gebraucht – vielleicht sogar mehr denn je. Aber niemand kommt als Senior direkt von der Hochschule. Die erfahrenen Fachkräfte von morgen wachsen nicht im Serverraum, sondern in den unvollkommenen ersten Jahren ihrer Praxis. Das ist allerdings eine Spirale: Wenn Unternehmen Einstiegsstellen nicht mehr brauchen und gleichzeitig höher qualifizierte Stellen nicht besetzen können, treiben sie auch dort die Automatisierung mit KI weiter voran. Damit entsteht ein Wettlauf zwischen KI und Mensch.

Ein IT-Studium lohnt sich noch – aber die Studierenden müssen künftig neue Fähigkeiten erwerben.
Ein IT-Studium lohnt sich noch – aber die Studierenden müssen künftig neue Fähigkeiten erwerben.IMAGO/Kirill Kukhmar

Das IT-Studium muss reformiert werden

Hier zeigt sich ein klassischer Konflikt zwischen volkswirtschaftlicher und betriebswirtschaftlicher Logik. Aus Sicht der Hochschullehre geht es darum, Johann und Yeliz bestmöglich auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts vorzubereiten – und doch lassen sich nicht zehn Jahre Praxiswissen in fünf Jahre Studium packen. Aus Sicht technologischer Verantwortung im Unternehmen müssen Effizienz, Tempo und Wettbewerbsfähigkeit vorangetrieben werden. Und während man sich dafür vor Jahren noch stark auf Werkstudierende verlassen hat, wird heute eben auch auf KI gesetzt.

Was bedeutet das nun aber für jemanden, der oder die heute etwas mit IT machen will? Die Rollenarchitektur in der Softwareentwicklung wird sich verändern. Die Aufgaben von Product Owner, also jenen, die fachlich ein Softwareprodukt voranbringen, und Entwickelnden werden zunehmend verschmelzen. Wer Anforderungen formuliert, muss künftig technischer denken und technische Zusammenhänge besser verstehen.

IT ist Mittel zum Zweck und leichter zugänglich als bisher. Das bedeutet natürlich nicht, dass Hochschulen nun einfach weniger Informatik lehren sollten. Im Gegenteil. Studierende müssen weiterhin verstehen, wie Software gebaut wird. Aber sie müssen zusätzlich lernen, generierten Code zu bewerten, Agenten zu steuern, Sicherheits- und Qualitätsstandards zu sichern und fachliche Probleme so zu strukturieren, dass Maschinen sinnvoll mitarbeiten können. Sollte man also heute noch IT studieren? Ja – unbedingt. Die gute Nachricht lautet: Software bleibt zentral – aber das Rollenbild verändert sich grundlegend.

Nico Schönnagel ist Chief Technology and Innovation Officer bei OEV Online Dienste und Dozent an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin.

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