Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Geheimtipps freizugeben, widerspricht dem Geheimen. In der Hoffnung, dass es auch geheim bleibt, will ich von meinem Lieblingsspaziergang erzählen, der erst durch die KG Grönland führt und dann auf die Oderbruchkippe herauf und herum.
Jetzt, im Winter, ist es wunderbar still und der saubere Schnee knirscht unter den Spikes, die ich mir als Oma über meine Schuhe gezogen habe. Die Angst, dennoch auszurutschen, lässt mich vorsichtig gehen. Gegen Radfahrer wurden seit einiger Zeit Kipptüren als Zugang zu den Kleingärten angebracht, die jedoch von geübten Radfahrern fast während der Fahrt geöffnet werden können. Ich bewundere diese Geschicklichkeit. Die Kipptüren sind selbst für uns Fußgänger schwer zu öffnen.
Sehnsuchtsvolle und träumerische Namen
Die Lauben und die kleinen Gärten liegen weiß bedeckt und verlassen da. Der Schnee verhüllt die individuellen Gestaltungen der Beete; erst im kommenden Frühjahr werden sie wieder sichtbar sein. Ach, ich freue mich darauf. Auf die Blumen, die sich durch die Gartenzäune drängen und die ich in der Dämmerung mit einer mitgebrachten Schere für einen kleinen Strauß abschneiden werde.
Schilder mit Erklärungen zu der Idee und der Geschichte der Kleingärten findet man mehrfach am Wege. Durch die wachsende Industrialisierung zogen viele Menschen vom Land in die Stadt. Um dem Mangel an Wohnraum und Lebensmitteln zu entgehen, entstand die Idee der Laubenkolonien, um durch den eigenen Anbau von Gemüse und Obst eine Selbstversorgung zu ermöglichen. Heutzutage dienen die Kleingärten der Erholung und sorgen für die grüne Lunge innerhalb der Stadt.
Die Kleingartenanlage „Grönland“ etwa, 1904 mit 112 Parzellen gegründet, gehört – wie man der Übersicht entnimmt – zu den Kleingartenanlagen im Prenzlauer Berg, die so träumerische, sehnsuchtsvolle Namen tragen wie „Bornholm I und II“, „Berg und Tal“, „Ostsee“ oder auch „Märchenland“.
Der heute sogenannte „Volkspark Prenzlauer Berg“ – warum Prenzlauer Berg, ist es nicht noch Weißensee? – war hier um 1900 noch Ackerland und zugleich Abfallkippe der Berliner Markthallen in Mitte, wie auf einem Informationsschild zu lesen ist. 1945 verlief quer durch die Gartenanlage die Hauptkampflinie zur Verteidigung der Reichshauptstadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kippe hinter der Anlage für die Trümmer der Umgebung genutzt und wegen der Nähe zur Oderbruchstraße „Oderbruchkippe“ genannt. Wir Älteren nennen die Anlage immer noch so. Wir sind stur.
Humor am Gartenzaun
Die Trümmer wurden mit Muttererde überschüttet und mit Bäumen bepflanzt, die nun teilweise wegbrechen, aber auch so liegen gelassen werden. Dem Gartenbauamt sei Dank. Jetzt im Winter werden die abschüssigen Wege der Oderbruchkippe als Rodelbahnen benutzt. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit fahren die Väter mit ihren Kindern hier herunter. Den Omas können sie gerade noch ausweichen.

Leider ist die „Laube“ jetzt im Winter geschlossen. Im Frühjahr und Sommer kann man hier im Garten sitzen, Bier oder Apfelsaft trinken oder erstaunlich guten Kartoffelsalat mit Schnitzel genießen. Neben der Baracke der „Laube“ steht eine Vogelvoliere mit Papageien und Wellensittichen, die trotz der Kälte munter krächzend umherflattern und von einer Frau gefüttert werden. „Nu gebt Ruhe“, höre ich sie sagen. Vielleicht ist es die Frau von Herrn Siegfried Fühsler, der von der Informationstafel freundlich herablächelt – als Betreuer und Pfleger, mit Zuchtzertifikat!
Im Herbst gab es in „Grönland“ ein Erntedankfest: Äpfel und Birnen aus den Gärten wurden verkauft, dazu dunkelrote Liköre aus Kornelkirschen – einer sehr alten Art, wie man mir erklärte. Sehr süß. Die Flasche ist noch immer halb voll; vielleicht trinke ich heute einen Schluck, um mich nach dem Spaziergang aufzuwärmen.
An einem Gartenzaun hing ein Emailleschild, dessen Humor ich erst heute verstanden habe – ich habe keinen Garten: Unkraut wird zum Verkauf angeboten. „Wegen der hohen Nachfrage nur an Selbstpflücker.“
Ich begegne einem jungen Paar mit einem Schlitten. Der Mann zeigt mir auf seinem Handy ein Foto, das er eben auf dem Schlitten sitzend gemacht hat. Das Geflecht der kahlen Äste von unten in den Himmel hineinfotografiert. „Wie die Blutbahnen im Körper eines Menschen“, sagt er dazu. Seine Freundin lächelt über den Stolz ihres Freundes.

Als Baugrund ungeeignet
Genau auf diesem Weg traf ich einmal einen Vogelliebhaber, der mir von der Fülle der Vogelarten hier in den Gärten erzählte. Über fünfzig Arten. Er ließ mich durch sein Fernglas schauen und einen seltenen Pirol betrachten: „Die sind eigentlich nicht von hier.“
Er war fassungslos über eine Frau aus einem der Gärten; er zeigte auf sie, weil sie sich über das viel zu frühe Gezwitscher empörte. „Erschießen sollte man die Biester. Können Sie sich das vorstellen? ‚Erschießen‘, sagt diese Frau. Die sollte man doch selber erschießen. Na, einen schönen Tag noch.“ Dann ging er weiter, mit seinem Rucksack und dem Fernglas, blieb bei einer anderen Frau stehen und erzählte ihr dasselbe.


