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Frauentag: Warum muss ich an Femizid denken, wenn ich alleine gehe?

Unsere Autorin liebt es, zu Fuß zu gehen – obwohl bei jedem Spaziergang die Angst mitschwingt, nicht lebendig ans Ziel zu kommen.

Protestaktion in Sao Paulo im Jahr 2017 gegen Femizide
Protestaktion in Sao Paulo im Jahr 2017 gegen FemizideZuma Press Wire/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Als ich letztens in Brasilien eine unbefestigte Straße hinunterlief – allein, weil weder mein Mann noch meine Tochter ins Dorf wollten –, hatte ich wieder Angst. Es ging um eine Strecke von fünfzehn Minuten. Kein Ding, würde man(n) denken. Frau nicht.

Ich liebe es, zu Fuß zu gehen; das ist einer der Gründe, warum ich mein Leben in Berlin so schätze. Dort jedoch, in diesem ruhigen Stadtteil von Rio das Ostras, in dem unser Hostel lag, spaziert niemand durch die Straßen. Alle anderen Hostelgäste hatten Autos, wir nicht. Also lief ich allein, versunken in meinen Gedanken, und hoffte, lebendig anzukommen. Das natürlichste Gefühl der Welt für eine Frau.

„Wie bin ich angezogen? Zeige ich zu viel Bein?“

Die lange Straße aus roter Erde, gesäumt von Natur zu beiden Seiten, hätte so schön sein können. Dennoch bangte ich bei dem Gedanken, wie einfach es wäre, meinen Körper dort verschwinden zu lassen. Während ich hinunterlief, überlegte ich, in welchen Zeitungen mein Name erscheinen würde – und wie blöd es von mir war, aufs Laufen zu bestehen, obwohl ich weiß, dass ich zur Beute gemacht werde, dass ich permanent Gefahren ausgesetzt bin.

Wie bin ich angezogen? Zeige ich zu viel Bein? Sehe ich „sexuell“ aus? Ich versuche, brutal zu gehen. Bloß nicht weiblich auszusehen. Ich wickle mir ein Strandtuch über Kopf und Schultern, trotz der Hitze. Eine improvisierte Performance, um zu überleben. Für diese blöde Strecke mein Leben zu verlieren!

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Meine Familie würde zahlen. Meine Tochter würde ich nicht aufwachsen sehen. Welche großartigen Dinge wird sie als Frau noch tun? Ein furchtbares, vermeidbares Ende. Und wofür? Für den Wunsch, als Frau allein zu gehen. Würde ich es vielleicht gar nicht merken, dass das Leben vorbei ist?

Meine Mutter würde mir das nicht verzeihen. Würde mein Vater meinen Tod verstehen? Vielleicht würde seine Alzheimer-Erkrankung ihn davor bewahren. Oder er wäre in einem täglichen Loop gefangen, würde die Nachricht jeden Tag aufs Neue erfahren – ein endloser Schlag. Und dabei war ich gerade glücklich angekommen in meinen mittleren Vierzigern, selbstakzeptierend, trotz aller Ängste. Denn Glück – das habe ich mittlerweile gelernt – bedeutet, so einfach es klingt, vom Übel der Nachrichten verschont zu bleiben.

Aufgewachsen mit der Angst vor Femiziden

Ich lief immer schneller. Herz bis zum Hals. 360 Grad wachsam. Nicht paranoid wirken. Nicht auffallen. Standort teilen – damit sie wenigstens wissen, wo mein Körper liegt.

Ich dachte an Rebecca Reusch. Wieder ein Jahr vergangen, niemand im Gefängnis. Ich dachte an Sandra Wissmann, zwölf Jahre alt, verschwunden im Jahr 2000 in der Böckstraße – damals so alt wie meine Tochter heute. Ich dachte an Hatun Sürücü, die von ihrem Bruder getötet wurde. Ich dachte an die Frauen aus Brasilien, die jeden Tag in den Zeitungen erscheinen. Ich dachte an Eliza Samudio, die Ex-Freundin des ehemaligen Torwarts Bruno, damals beim populären Fußballclub Flamengo: auf seinen Auftrag hin ermordet, an Hunde verfüttert – während er heute frei ist und Autogramme unterschreibt. Ich dachte an Prinzessin Latifa, die aus ihrem goldenen Käfig fliehen wollte, und daran, dass nur wenige wissen, wo sie sich heute befindet. Ich dachte an Virginia Giuffre, die nach jahrelangem Leid starb, während ein mächtiger Ex-Premierminister unbehelligt weiterlebt. Auch wenn ihr Tod als Suizid gilt – das System trägt Mitverantwortung.

Virginia Giuffre (M.) ist eine der zentralen Figuren im Fall Epstein.
Virginia Giuffre (M.) ist eine der zentralen Figuren im Fall Epstein.imago

Warum muss ich an Femizid denken, wenn ich alleine gehe? Was für ein hässlicher Begriff. Und gleichzeitig so notwendig. Er bezeichnet Morde an Frauen, meist begangen von Partnern, Ex-Partnern oder Bekannten – aber auch von fremden Männern, nur weil sie Frauen sind. Auch wenn ich das Wort damals nicht kannte: Mit dieser Angst vor Femiziden bin ich aufgewachsen. Mit der Angst, getötet zu werden, nur weil ich eine Frau bin.

Nirgendwo sind wir sicher – nicht mal im eigenen Zuhause

Meine Mutter erzählte mir, als ich neun war, dass sie als junge Frau im Bus von einem fremden Mann geschlagen wurde, weil sie sich wehrte, als er sie anfasste. Sie brachte mir früh bei, fremden Männern nicht zu lange in die Augen zu schauen, „um nicht den Eindruck zu erwecken, wir seien verfügbar“.

Ich dachte an Paris, an mein 19-jähriges Ich, als eine Gruppe Jugendlicher meinen Körper, meinen Tempel, angriff. Trotz der Warnungen meiner Mutter Jahre zuvor reagierte ich, schimpfte laut. Danach musste ich in ein Hotel flüchten, weil sie mir folgen und mich angreifen wollten.

Ich dachte an Athen, an den Strand, an den Mann, den ich bat, meine damals sechzehnjährige Freundin in Ruhe zu lassen. Er wurde sofort aggressiv und wollte mich angreifen. Ich schrie, lief über den Strand davon, während die Menschen starrten. Schließlich musste ich zu einer Gruppe laufen und um Schutz flehen. Danach hatten wir beide Todesangst, den Strand allein zu verlassen.

Ich dachte an die U-Bahn in Berlin, an die Gruppe junger Männer vor einigen Jahren, an die Hand auf meinem Schoß und ihr Lachen. Wie ich ruhig, und doch so nervös, aufstand, nicht in die Augen sah, wegging und das Universum bat, dass sie mir nicht folgen.

Diese Angst gebe ich an meine Tochter weiter – ein ständiges „Hier ist dein Frau-sein-Überlebenspaket, zusammengestellt aus Erfahrung“ –, zusammen mit all den Tricks, die wir lernen müssen, um zu überleben. Nirgendwo sind wir sicher. Manchmal nicht einmal in den eigenen vier Wänden.

Im Dezember 2025 versammelten sich Hunderte Protestierende in Rio de Janeiro, um gegen Femizide zu demonstrieren.
Im Dezember 2025 versammelten sich Hunderte Protestierende in Rio de Janeiro, um gegen Femizide zu demonstrieren.Fabio Teixeira/imago

„Ni una menos!“

Brasilien hat im vergangenen Jahr einen Rekord an Femiziden verzeichnet – dort wird der Begriff feminicídio verwendet: 1470 ermordete Frauen, vier pro Tag. In Deutschland werden Femizide – anders als in Spanien oder vielen lateinamerikanischen Ländern – nicht einmal als eigener Straftatbestand registriert. In Spanien hingegen sind die Femizide zurückgegangen. 48 Frauen – jede einzelne eine zu viel – wurden dort im Jahr 2024 von Männern ermordet, meist von ihren Partnern oder Ex-Partnern. Dort hat die Politik das Problem ernst genommen und massiv in Prävention investiert. Eine vorsichtige gute Nachricht. „Ni una menos!“ heißt die feministische Bewegung, die sich in Lateinamerika und Teilen Europas gegen misogyne Gewalttaten einsetzt: „Nicht eine weniger!“

Schweißgetränkt konnte ich das Ende der leeren Straße bereits ahnen. Ich dachte daran, wie schön es ist, eine Frau zu sein. Und gleichzeitig daran, wie gefährlich es ist, wir selbst zu sein. Ich lief noch schneller, fast rennend. Als ein Auto vorbeifuhr, tat ich so, als würde ich in ein Haus gehen, und wartete, bis es verschwunden war. Dann erreichte ich endlich eine größere Straße. Dort war Leben, Bewegung. Zeugen in der Nähe. Das ist gut.

Im Dorf angekommen, war ich betrunken vor Dankbarkeit, lebendig zu sein. Wieder war nichts passiert. Was für ein Glück. Wir Frauen sind Künstlerinnen des Überlebens. Wie wichtig es ist, an der Erziehung von Männern zu arbeiten. Wie notwendig es ist, dem wachsenden Antifeminismus – hallo soziale Medien, hallo Algorithmen – etwas entgegenzusetzen: gegen den Wind, gegen die Welle des Misogynismus.

Für den Rückweg bat ich meinen Mann, mir auf halbem Weg entgegenzukommen. Er zögerte. Ich sagte: „Bitte. Ich will lebendig ankommen. Du wirst das vielleicht nie verstehen.“ Er kam.

Anaís Furtado ist im Jahr 2000 im Alter von 19 Jahren aus Brasilien nach Deutschland gekommen. Sie arbeitet heute als Kulturwissenschaftlerin, freischaffende Künstlerin und in der Stadtteilarbeit in Berlin.

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