Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
In der Hektik des digitalen Nachrichtengeschäfts entscheiden oft Millisekunden über den Klick. Doch was passiert, wenn in diesen Millisekunden die Wahrheit auf der Strecke bleibt? Jüngst ließ sich im Online-Ticker der Welt zur Weltpolitik eine Beobachtung machen, die wie ein Brennglas auf den Zustand unserer Debattenkultur wirkt. Es geht um eine vermeintlich clevere Wortschöpfung: die „UN-Ordnung“.
Das Wortspiel suggeriert zweierlei: Den Angriff auf die Vereinten Nationen (UN) und das daraus resultierende Chaos (Unordnung). Es wird der ehemaligen Außenministerin Annalena Baerbock in den Mund gelegt, die vor einer „Attacke auf die internationale Ordnung“ warnt. Doch wer genau hinschaut – wer die „kindliche Neugier“ besitzt, die Quelle tatsächlich zu prüfen – stellt fest: Das Wort ist dort nie gefallen. Es ist ein Kuckucksei der Redaktionen.
„Früher war die Quelle der Ursprung der Wahrheit“
Das Problem ist nicht nur die Zuspitzung eines Tickers. Es beginnt dort, wo man es am wenigsten erwartet: beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wenn der Deutschlandfunk einen Download-Beitrag mit „Neue Weltordnung“ betitelt – einem Begriff, der das Kernstück jeder Verschwörungstheorie ist –, dann wird die Tür einen Spalt weit geöffnet. Seriöse Medien legitimieren Reizwörter, die später von anderen mit handwerklicher Perfektion zur Manipulation umgebaut werden.
Wir erleben einen Missbrauch der Quelle. Früher war die Quelle der Ursprung der Wahrheit, das klare Wasser der Information. Heute wird sie zum Schild, hinter dem sich das Framing versteckt. Man nutzt die Autorität einer Ministerin oder eines Senders, um Begriffe in den Umlauf zu bringen, die das Gegenteil von Sachlichkeit transportieren.
Sie erhalten eine Bestätigung per E-Mail.
Dieser Prozess der sprachlichen Marginalisierung ist kein Zufallsprodukt des Journalismus. Er ist Teil einer größeren kulturellen Resignation. Wer heute fordert, Klassiker wie Goethes Faust für die „schnelllesige Jugend“ plattzumachen – sie einzudampfen, zu entkernen und ihrer sprachlichen Tiefe zu berauben –, bereitet den Boden für genau jene Manipulationen, die wir in den News-Tickern sehen.
Wenn wir die Sprache vereinfachen, damit sie schneller konsumierbar wird, berauben wir uns der Werkzeuge, um Lügen überhaupt noch zu erkennen. Ein „plattgemachter“ Faust lehrt niemanden mehr, die Nuance zwischen Diplomatie und Populismus zu verstehen.
Quote statt Präzision
Man könnte sagen: Der Prozess ist abgeschlossen. Wir brauchen keine Angst mehr davor zu haben, dass künstliche Intelligenzen unsere Sprache durch Häufigkeitsmeinungen verflachen. Wir haben das längst selbst erledigt. Wir haben die Präzision gegen die Quote eingetauscht und die Ehrfurcht vor der Quelle gegen das schnelle Wortspiel.
Was uns bleibt, ist die unbestechliche Beobachtungsgabe. Wir müssen die Quelle wieder reinigen. Wir müssen den Mut haben, Komplexität auszuhalten, statt sie in der „UN-Ordnung“ einer klickgetriebenen Welt untergehen zu lassen. Denn wo die Sprache ihre Tiefe verliert, bleibt uns nur die Oberfläche – und auf ihr spiegelt sich selten Wahrheit.


