Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Die Tage werden wieder kürzer und immer öfter zieht ein kalter Windhauch über die Felder. Die ersten Altstörche haben bereits die Wiesen verlassen. Als sich dann auch die Grau- und Saatgänse, die Stock- und Pfeifenten auf den abgeernteten Feldern versammeln, um bald als keilförmiger Schwarm dem Süden entgegenzufliegen, weiß die alte Eule: Es ist wieder so weit. Bald kommt der Winter – und mit ihm der Jahreswechsel. Und so ruft sie wie jedes Jahr alle Vögel, die in der kalten Jahreszeit zu Hause bleiben, zur großen Versammlung zusammen.
Da sitzen sie nun, die jungen Meisen mit ihren schwarzen und blauen Köpfchen, die Eichelhäher mit den bunten Schwanzfedern, die gelbschnäbligen Amseln, die bunt gezeichneten Buchfinken, die Lerchen mit ihren Federkrönchen, die unscheinbaren Nachtigallen mit ihrem schönen Gesang und die schwarz glänzenden Dohlen. Dicht gedrängt Rotkehlchen neben Spatzen, dazu Kuckucke und Spechte, Elstern, Schwalben, Pirole, Mauersegler und viele mehr. Alle hören, was ihnen die alte, weise Eule zu sagen hat.

Eine Nacht, die vielen Tieren das Leben kosten wird
„Ich weiß“, beginnt die alte Eule, „was ich euch jetzt erzähle, werden nicht alle von euch hören wollen und nicht alle werden meinem Rat befolgen. Aber ich habe es selbst erlebt, mit meinen eigenen Augen gesehen und, o weh, auch gehört. Und es ist meine Pflicht, euch davor zu warnen: Fliegt nicht in die große, nahe Stadt! Fliegt nicht in die Parks und Gärten, auch wenn es euch da noch so gut gefällt!
Ich weiß ja, dass es dort im Winter viel mehr zu picken gibt als hier auf den leeren Feldern und zugeschneiten Wiesen. In der Stadt lassen Kinder ihre Brote liegen, Krümel finden sich überall auf Straßen und Plätzen, die Menschen stellen sogar Futterhäuschen für uns in ihre Gärten und auf ihre Balkone und füllen sie regelmäßig mit den schönsten Körnern. Auch wenn wir nicht so laut zwitschern wie im Frühling, sind wir gern gesehen in der Stadt. Sogar im Winter ist es dort wärmer, denn die Menschen heizen ihre Häuser und aus vielen Luftschächten und Schornsteinen dringt warmer Wind. Selbst vor unseren Feinden, dem Fuchs, dem Marder und dem Wiesel, sind wir in der Stadt sicherer als hier draußen auf dem Land. Aber dann kommt eine Nacht, in der alles anders ist.
Eine Nacht, die vielen von uns das Leben kosten wird. Schon am Tag zuvor hört man es in den Straßen dann und wann laut krachen. Dann wäre noch Zeit, um davonzufliegen und sich zu retten. Aber das weiß niemand von uns. Mitten in der Nacht, ihr sitzt ahnungslos auf euren Schlafbäumen, den Kopf unter die Flügel gesteckt, bricht es über uns herein: um null Uhr, wenn ein Jahr das andere ablöst.
Wer da noch in der Stadt ist, erlebt ein großes Unglück. Die Welt geht für uns unter. Um uns herum zischt es von allen Seiten, pfeilschnell fliegen Lichtblitze in den Himmel, die dort mit fürchterlichem Lärm auseinanderkrachen. Wer da hineingerät, ist sofort verloren. Und es wird immer lauter und lauter, so laut, wie ihr es noch nie gehört habt. Der Himmel leuchtet in Rot und Grün, in Violett und grellem Weiß, und ein fürchterlicher, dicker Nebel senkt sich aus dem Himmel herab.
Es gibt kein Versteck für uns. Wir fliegen vor Angst auf, prallen gegen Fensterscheiben und gegen Lichtmasten, versuchen zu flüchten, aber oben am Himmel ist nur Feuer. Also fliegen wir höher und höher, um diesem Lärm zu entkommen. Aber wir können nicht endlos in den Himmel aufsteigen. Dazu haben wir keine Kraft. Sie verlässt uns und wir stürzen ab.“
Vor lauter Angst steigen sie höher und höher
Die versammelten Vögel hören betroffen zu. „Warum“, fährt die alte Eule fort, „werdet ihr fragen, gibt es diese Knallerei, die unzähligen Lichtblitze am Himmel, einmal im Jahr? Warum machen so viele Menschen das? Sie nennen es Silvesterfeuerwerk und begrüßen damit das neue Jahr. Sie freuen sich, und je lauter und doller es kracht, je heller der Himmel in farbigem Licht glüht, desto schöner finden die Menschen es. Danach gehen sie nach Hause in ihre warmen Wohnungen und Betten und denken nicht einmal an uns.“
Ein trauriges Silvestermärchen.
Unsere Vögel haben ein unglaubliches Hörvermögen. Eulen hören das Piepsen von Mäusen, Amseln und Drosseln sogar Regenwürmer, wenn sie sich anschicken, den Kopf aus der Erde zu strecken. Kaum ist es vorstellbar, wie ihnen das Silvesterfeuerwerk in einer Großstadt zusetzt. Es gibt für sie keine Höhlen, in denen sie sich verstecken können. Vögel sind Tiere der Luft und dort ist für sie zum Jahreswechsel die Hölle. In größter Panik fliehen die Vögel genau da hinein.
Diejenigen, die es durch Qualm und Rauch schaffen und nicht orientierungslos mit gebrochenem Genick und eingeschlagenem Schädel an Glasfronten, Bäumen, Autos und Strommasten verenden und in den Himmel entfliehen, steigen vor Angst und Stress höher und höher. Zu hoch und zu weit für viele. Bis zu 1000 Meter in die Höhe und 500 Kilometer weit fliegen zum Beispiel Wildgänse in dieser Nacht – oft bis zur völligen Erschöpfung. Nicht wenige fallen vor Entkräftung vom Himmel.
Aber auch die, die es schaffen, dem Inferno zu entrinnen und einen ruhigen Platz erreichen, sind nicht gerettet. Ihre Energiereserven, ohnehin im Winter knapp, sind verbraucht, dazu müssen sie neue Nest- und Schlafstätten finden. Viele überstehen das nicht. All das ist längst mittels Wetterradar und GPS-Sendern wissenschaftlich belegt.

Knapp 200 Millionen Euro für Feuerwerkskörper
Seit Jahren tobt der Streit um ein Verbot des Silvesterfeuerwerks. Tobt er wirklich? Eher nicht. Die Mahner sind leise, die Befürworter laut wie ihr Feuerwerk. Was zählt es schon, wenn in einer Nacht wie beim letzten Jahreswechsel rund 197 Millionen Euro für Feuerwerkskörper buchstäblich in die Luft gejagt werden? Und auch die enorme Feinstaubbelastung ist als kurzzeitige Beeinträchtigung nach Meinung der Ärzte tolerierbar.
Ebenso soll das zusätzliche CO₂-Aufkommen in dieser Nacht statistisch zu vernachlässigen sein. Nun ja, der Müll. Den entsorgt die Stadtreinigung. Der Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk beruhigt zudem unser Gewissen. Der Silvesterdreck mache schließlich nur 0,05 Prozent der Abfalljahresmenge eines jeden Haushaltes aus. Und 90 Prozent der Feuerwerkskörper seien schließlich biologisch abbaubar. Die verbleibenden zehn Prozent an Kunststoffen in den Böden werden dann gern in Kauf genommen – für das schöne, laute Feuerwerk.


