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Völlig zu Recht besteht die Jubilarin immer wieder darauf, sie bitte nicht nur mit den vielfach gepriesenen Sälen des 1952–1956 erbauten Musik- und Hörspielkomplexes im Funkhaus Nalepastraße in Verbindung zu bringen. Zum einen, weil die entscheidenden Fachleute ihre damaligen Chefs waren – der Akustiker Lothar Keibs (1908–1979) und der Architekt Franz Ehrlich (1907–1984). Zum anderen, weil Gisela Herzog in ihrer Berufslaufbahn so viele weitere gewichtige Bauten akustisch projektieren half: die Fernsehstudios in Adlershof, die Stadthallen Karl-Marx-Stadt und Suhl, das Haus der Kultur Gera, das Rundfunk- und Fernsehzentrum Sofia, das Neue Gewandhaus Leipzig oder den Wiederaufbau der Semperoper Dresden.
Gisela Herzog weiß um die Geheimnisse des Schalls, wie Nachhallzeiten eines Saales vorausberechnet werden können. Weiß um die Einflüsse der Luftfeuchtigkeit auf die Akustik, um die des Gestühls bei halber oder vollständiger Publikumsbefüllung. Ihre Fähigkeiten als Room Acoustical Consultant, wie man das heute nennt, sind für Kulturbauten von unbeschreiblichem Wert.
Gisela Herzog kam vor 100 Jahren am 23. April 1926 als Gisela Krankenhagen in Potsdam auf die Welt, studierte in Ost-Berlin und arbeitete ab 1951 als Entwicklungsingenieur 35 Jahre lang im Zentrallaboratorium des Rundfunktechnischen Zentralamts. Im Dienstrang eines Post-Rats.


Mit dem Fachwörterbuch in die Stabi geschickt
Die Technik von Rundfunk und Fernsehen war in der DDR dem Postminister unterstellt. Ihr Chef, Lothar Keibs, hatte jedenfalls ehedem auf der Suche nach Studio-Lautsprechern im Jahre 1951 im Septemberheft der JASA – dem Journal of the Acoustical Society of America – einen Fachartikel zur akustischen Berechnung strukturierter Oberflächen entdeckt: Ein kaum fassbares Faktum, wie die unter Zeitdruck stehenden Erbauer des neuen ostdeutschen Rundfunkzentrums von einer taufrischen Publikation aus den USA profitieren, die inmitten des zerbombten Berlins in der zerstörten Staatsbibliothek einsehbar war.
Also beorderten das Architekten-Genie Ehrlich und sein Elektroakustiker Keibs ihre junge Akustikerin mit Fachwörterbuch bewaffnet stante pede in die Stabi, um besagten Fachartikel ins Deutsche zu übersetzen und alle nötigen Formeln zu notieren. Vorgabe: morgen früh.
Franz Ehrlich schwebte von Anbeginn vor, das Innere der Tonstudios mit erlesenen Furnierhölzern und modernen Akustikmaterialien wie Kunstleder oder Filz auszukleiden. Zudem wollte er den schnöden Alltagsschall in den Foyers und Korridoren mit Dekormasken und Gipselementen an den Decken zügeln. Und so hatte er die plötzlich entstandene Aussicht, die klanglichen Wirkungen solcher strukturierten Flächen vorausberechnen zu können, in schöpferische Höchstform katapultiert: eine Hochzeit akustischer Zwecke mit der Exzellenz ästhetischer Raumgestaltung.
In dem von Gerhard Steinke und Gisela Herzog verfassten Buch „Der Raum ist das Kleid der Musik“ (Verlag Kopie & Druck Adlershof, Berlin 2020) findet sich die Quelle des besagten Artikels: Karl Uno Ingård und Richard Henry Bolt: „Absorption Charakeristics of Acoustical Material with perforated Facings“, JASA, September 1951, Volume 23, Issue 5, Pages 509–591.

Arithmetische Feuertaufe
Ganz klar, dass die junge Assistentin nun unzählige Male Parameter aller möglichen halbdurchlässigen Wand- und Deckenverkleidungen zu berechnen hatte. Holzprofile mit stilisierten Violinschlüsseln, Lochmasken mit ornamentalen Blüten-Aussparungen in Nussbaumholz, siebartige Gipselemente mit gereihten Rundkanälen und so fort – Berechnungen, die sie keineswegs am anderen Morgen zu Dienstbeginn vorlegen konnte. Damals ohne jegliche Maschinenhilfe. Alles mit Rechenschieber und Logarithmen-Tafel!
Tage und Nächte lang rechnete sie daran. Endlose Integral- und Differential-Formeln. Eine arithmetische Feuertaufe für eine bauakustische Meisterleistung. So fing es an.

