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Das Beispiel Sarajevo und Bosnien sollte Kiew und der Ukraine Hoffnung geben

30 Jahre nach ihrer Befreiung und Wiedervereinigung zeigt die bosnische Hauptstadt, dass sich der Kampf gegen bösartige Besatzer lohnt.

Ein herzförmiges Schild mit dem Slogan „Sarajevo meine Liebe“
Ein herzförmiges Schild mit dem Slogan „Sarajevo meine Liebe“Oleksandr Berezko/Imago

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Vor 30 Jahren, am 19. März 1996, endete nach fast vier Jahren die Belagerung Sarajevos mit der Reintegration des serbisch besetzten Stadtteils Grbavica. Nach dem Abzug der letzten serbischen Soldaten übernahmen 100 Polizisten – 67 Bosniaken, 20 Serben und 13 Kroaten – gemeinsam die Verantwortung für die Sicherheit dieses völlig zerstörten Teils der bosnischen Hauptstadt. Die serbischen Besatzer hatten hier, direkt im an das Zentrum grenzenden Teil, besonders schlimm gewütet. Alle Nichtserben waren im Frühjahr 1992 von hier vertrieben oder ermordet worden.

Einer der grausamsten und berüchtigtsten Balkan-Kriegsverbrecher, Veselin „Batko“ Vlahovic, genannt „das Monster von Grbavica“, trieb hier bis 1995 sein Unwesen. Nach seiner Flucht wurde er 2010 von der spanischen Polizei verhaftet, nach Bosnien und Herzegowina ausgeliefert und vor dem Staatsgerichtshof zur Maximalstrafe von 45 Jahren Haft verurteilt, in der Stadt, in der er unsagbare Verbrechen begangen hatte. Darunter unzählige Folterungen, 31 Morde und mindestens elf Vergewaltigungen.

Mit der Reintegration Grbavicas endete die Belagerung, die 11.541 der 400.000 Bürger nicht überlebten, unter ihnen knapp 1700 Kinder. Fast 60.000 Menschen wurden durch serbisches Artillerie- und Scharfschützenfeuer verletzt. Begonnen hatte die Einkesselung am 6. April 1992, genau eine Woche nach Kriegsausbruch in Nord- und Ostbosnien. Mit Hunderten Geschützen und Panzern feuerten die Belagerer unbarmherzig in den Talkessel.

Der „Tunnel der Rettung“

Über den von Truppen der Vereinten Nationen verwalteten internationalen Flughafen von Sarajevo  wurde ab Sommer 1992 eine Luftbrücke eingerichtet, um humanitäre Hilfe in die abgeschnürte Stadt zu bringen, wo sich eine Hungersnot anbahnte. An den Hilfsflügen nahm auch die Luftwaffe der Bundeswehr mit weit über 1000 Transallflügen teil.

Dass die Stadt so lange durchhalten konnte, ist aber auch bosnischen Ingenieuren zu verdanken, die unter dem Kommando der bosnischen Streitkräfte eine Lebensader für die Stadt gruben: Anfang 1993 setzten sie die Planungen des späteren Premiers Nedzad Brankovic zur Errichtung eines Tunnels um, der dem am Flughafen gelegenen Stadtteil Dobrinja mit von bosnischen Regierungstruppen befreitem Gebiet, dem Vorort Butmir, verband. Von hier aus konnte Zentralbosnien und auch die kroatische Küste erreicht werden.

Über den „Tunnel der Rettung“, wie ihn die Einwohner respektvoll nannten, kamen nicht nur Hilfsgüter und etwas Gas, sondern auch lebensrettende Waffen und Munition zu den Verteidigern der Stadt. Anfänglich hatte nur einer von zehn Regierungssoldaten ein Sturmgewehr zur Verfügung, mit oftmals nur drei Patronen pro Tag. Unzählige Arbeiter gruben mit Schaufeln und Spitzhacken, ohne jedwedes schweres Gerät, den knapp einen Kilometer langen, eineinhalb Meter hohen und nur circa einen Meter breiten Tunnel unter dem Flugfeld. Es ist zumindest fraglich, ob ohne den „Tunnel der Rettung“ die Heldenstadt Sarajevo so lange Widerstand hätte leisten können.

Im Jahr 1994 wird auf dem Flughafen JFK in New York ein Flugzeug mit Hilfsgütern für Sarajevo beladen.
Im Jahr 1994 wird auf dem Flughafen JFK in New York ein Flugzeug mit Hilfsgütern für Sarajevo beladen.UPI Photo/imago

Ein serbischer General als Retter Sarajevos

Als die serbischen Truppen unter dem Kommando des serbischen Präsidenten Slobodan Milošević und seines Handlangers vor Ort, Radovan Karadžić, Sarajevo Anfang April 1992 einkesselten, stellte sich ihnen ein serbischer, aus Belgrad stammender General der jugoslawischen Volksarmee in den Weg, ohne den die Stadt erobert worden wäre: Jovan Divjak. Der hatte zu Kriegsbeginn das Kommando der bosnischen Territorialverteidigung inne, die ähnlich wie die Nationalgarden der 50 US-Staaten organisiert war.

Divjaks Einheiten stoppten und zerstörten die serbischen Panzerverbände, die, von Grbavica kommend, bereits ins Zentrum vorgerückt waren. So erlangte der serbische „Retter Sarajevos“, der zu jugoslawischen Zeiten an der Militärakademie in Belgrad und der Pariser L’École d’état-major Offizierlehrgänge bestand, Heldenstatus. Nach der Abwehr der serbischen Eroberer wurde er dann stellvertretender Oberkommandierender der bosnischen Armee.

Dass ausgerechnet ein serbischer General den Traum der serbischen Nationalisten durchkreuzte, ist Ironie der Geschichte. Die Existenz eines serbischen, fließend Französisch sprechenden Kommandeurs der bosnischen Regierungsarmee passte auch nicht ins Bild gewisser Politiker und Diplomaten, die von „Bürgerkrieg“ und einer „muslimischen Armee“, ja einem „muslimischen Sarajevo“ faselten.

Jovan Divjak, der Retter Sarajevos, im Jahr 2006
Jovan Divjak, der Retter Sarajevos, im Jahr 2006CC BY-SA 4.0

Zwangsumsiedlung der Serben Sarajevos

In den serbisch dominierten Vororten Sarajevos wird dieser Tage auf großen Reklametafeln von den Behörden behauptet, dass um die 150.000 Serben die Stadt 1996 hätten verlassen „müssen“. Sie seien von den „Muslimen“, sprich den Bosniaken, vertrieben worden. Doch genau das Gegenteil war damals der Fall: Den serbischen Bewohnern wurden damals schriftlich neue Wohnungen im nun serbischen Ostbosnien zugewiesen, denn hier hatten serbische Armee und Paramilitärs 1992 so abscheulich gewütet, dass ausnahmslos alle Bosniaken entweder ermordet oder deportiert wurden oder angesichts des Horrors flüchteten. In die verlassenen Häuser der Bosniaken wurden dann die Serben Sarajevos durch die serbischen Behörden zwangsumgesiedelt.

Aber seit einigen Jahren vollzieht sich tagtäglich etwas, was damals undenkbar war: Ein nicht enden wollender Strom von Fahrzeugen bewegt sich im Schritttempo aus dem serbisch dominierten Ost-Sarajevo über den Hügel Vraca ins Zentrum Sarajevos. Tausende bosnische Serben gehen hier nun ihren Geschäften nach.

Einige dieser Pendler waren im Krieg sicher serbische Artilleristen und Scharfschützen, die die Zivilbevölkerung Sarajevos terrorisierten, sprich muslimische Bosniaken, orthodoxe Serben, katholische Kroaten und jüdische Einwohner. Tausende Serben, die während der Belagerung loyal zur bosnischen Regierung standen und in der Stadt blieben, wurden von den serbischen Nationalisten als Verräter angesehen, die es zu vernichten galt. So kamen denn auch unzählige Serben in Sarajevo durch serbische Granaten und Scharfschützen ums Leben.

Aber all das steht heute nicht mehr im Vordergrund. Menschen aus den Vororten kommen in die Hauptstadt und umgekehrt erholen sich viele Einwohner Sarajevos in Ost-Sarajevo. Es gibt keinerlei Zwischenfälle, was beweist, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist.

Ein Einwohner Sarajevos läuft im Dezember 1994 mit seinem kleinen Sohn an der Hand über die Straße, um sich in Sicherheit vor Heckenschützen zu bringen.
Ein Einwohner Sarajevos läuft im Dezember 1994 mit seinem kleinen Sohn an der Hand über die Straße, um sich in Sicherheit vor Heckenschützen zu bringen.Ch.Simon/dpa

Arabische Investitionen und „bosniakische Amöben“

Nur 15 Fahrminuten vom Zentrum liegt der Vergnügungspark „Sunnyland“ an den Ausläufern des Berges Trebević, gebaut mit arabischen Investitionen, mit Restaurants und Cafés, die keinen Alkohol ausschenken und kein Schweinefleisch anbieten, obwohl das Areal auf dem Gebiet der mehrheitlich serbischen Republika Srpska liegt. Auf „Sunnyland“ werden die Rechnungen im kyrillischen Alphabet ausgedruckt, obwohl die Besucher zumeist Muslime aus arabischen Staaten sind, von denen es Tausende ins Land zieht. Für die arabische Mittelschicht ist Bosnien anziehend, da hier die Temperaturen im Sommer recht erträglich sind, ebenso die Preise.

Wie viele Serben und Kroaten nun in der Hauptstadt leben und wie viele Bosniaken in den serbischen Vororten, ist schwer zu sagen. Doch ist die Zahl der Bosniaken in Ost-Sarajevo wohl nicht unerheblich, denn der bosnische Serbenführer und der ehemalige RS-Präsident – der ultranationalistische Völkermordleugner Milorad Dodik – beschwerte sich kürzlich auf einer Wahlkampfveranstaltung, dass sich die Bosniaken durch Wohnungskäufe in Ost-Sarajevo „wie Amöben“ ausbreiteten.

Wer als Tourist heute nach Sarajevo kommt, findet sich in einer quirligen balkanischen Großstadt wieder.
Wer als Tourist heute nach Sarajevo kommt, findet sich in einer quirligen balkanischen Großstadt wieder.Armin Durgut/PIXSELL/imago

Das beste Reiseziel weltweit

Die Leserschaft des Magazins National Geographic kürte Sarajevo letztes Jahr als „Best of the World“-Reiseziel. Wer als Tourist heute nach Sarajevo kommt, findet sich in einer quirligen balkanischen Großstadt wieder, die gerade Wochenendtouristen anzieht. Die kleinen Gassen der Altstadt, die direkt an den österreichisch-ungarischen Teil grenzt, und die Flaniermeile Ferhadija beherbergen ein Angebot an Cafés, Bars, Clubs, Geschäften und Restaurants, das es mit europäischen Städten aufnehmen kann.

Gefeiert wird hier teilweise bis spät in die Nacht. Alle möglichen alkoholischen Getränke sind hier ebenso konsumierbar wie Gerichte mit Schweinefleisch. Allerdings gibt es auch Cafés und Restaurants, die dies nicht offerieren, wie eben auch das arabische „Sunnyland“ im serbischen Teil.

Direkt im Stadtzentrum befindet sich die katholische Kathedrale – das bei weitem größte Gotteshaus der Stadt –, vor dem eine silberne, überlebensgroße Statue von Papst Johannes Paul II. steht. Neben der Kathedrale befindet sich das Tito-Museum zu Ehren des jugoslawischen Staatsgründers und kommunistischen Präsidenten Josip Broz, genannt Tito, dessen Konterfei sich auch in vielen Bars der Stadt wiederfindet. Es gibt sogar eine eigene Tito-Bar, in der riesige Wandfotos des Diktators mit dem Schauspielerehepaar Richard Burton und Elisabeth Taylor die Wände zieren.

Ganz in der Nähe befindet sich die serbisch-orthodoxe Maria-Geburt-Kathedrale, die völlig intakt geblieben ist, wie sämtliche nichtmuslimisch-religiösen Bauten Sarajevos während der Belagerung, es sei denn, sie wurden von Splittern serbischer Projektile getroffen. Auch jüdische Einrichtungen sind in der Nähe, die Moscheen befinden sich zumeist in der Altstadt. Deshalb wird Sarajevo auch das „Jerusalem Europas“ genannt, wo der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Jakob Finci, zu Kriegszeiten Angehörigen aller Konfessionen mit seiner Hilfsorganisation La Benevolencija half.

Sarajevo beweist 30 Jahre nach seiner Befreiung und Wiedervereinigung, dass sich der Kampf gegen den großserbischen Expansionismus gelohnt hat. Trotz der Entbehrungen und vielen Opfer. Das Überleben Sarajevos und Bosniens – trotz aller Widrigkeiten – sollte auch Hoffnung für Kiew und die Ukraine sein.

Die Aggressoren Milošević und Wladimir Putin verfolgten und verfolgen – damals wie heute – eine Blut-und-Boden-Ideologie, deren Ziel die Errichtung eines großserbischen bzw. großrussischen Reiches ist. Aus dem schändlichen Versagen in den 90er-Jahren hat die Europäische Union glücklicherweise die richtigen Lehren gezogen. Nun muss sie durchhalten, bis Putin aufgibt.

Alexander Rhotert forscht als Diplom-Politikwissenschaftler zum ehemaligen Jugoslawien und zur Außenpolitik der USA seit 1991. Er war mehr als 20 Jahre, von 1995 bis 2016, unter anderem für die UN, die Nato, die OSZE, das OHR und die EU in diplomatischer Mission tätig. Als Kabinettschef und Sonderberater des Stellvertretenden Hohen Repräsentanten (SDHR) war er im Stab des Hohen Repräsentanten (OHR) unter Wolfgang Petritsch und Lord Paddy Ashdown direkt an der Umsetzung des Friedensabkommens von Dayton beteiligt.

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