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I promised myself. Ich habe es mir versprochen. I promised I’ll wait for you. Ich habe versprochen, dass ich auf dich warten werde.
Ich habe die Dia-Kiste meiner Eltern geerbt und räume mich durch das Chaos ihres durcheinandergeratenen Inhalts. Zur Erklärung für alle Unwissenden: Dias sind Filmschnipsel, die unter Glas gerahmt oder in Plastikrahmen gepresst sind. Mit einem Diaprojektor kann man sich diese Dias in einem abgedunkelten Raum ansehen.
In der DDR meiner Kindheit waren Dias äußerst beliebt. Farbfotos auf Papier, wie in Westdeutschland, hatten eine grauenhafte Qualität. Aber farbige Diafotos waren großartig. Zu festlichen Familienangelegenheiten, wie etwa Weihnachten, wurden der Diaprojektor und eine Leinwand aufgebaut und die ganze Familie saß voller Erwartung und Freude vor der familiären Dia-Show. Doch zurück zu meinem Familien-Diakoffer.

Die Filmnerds sind gnädig
Ich schätze, über 1000 Dias liegen dort drin verstreut. Durch diverse Umzüge ist der ganze Inhalt durcheinandergeschüttet und bestens gerüttelt. Grauenhaft. Zwischen den Dias, die ich schon einmal vor über 15 Jahren digitalisieren ließ, mache ich eine Entdeckung. Es finden sich unzählige Negativfilmrollen. Und dann etwas ganz Besonderes: eine Orwochrome-Filmdose mit einem noch nicht entwickelten Inhalt!
Orwo war der Markenname des DDR-Films. Chrome bezeichnet einen Diafilm. Da ich ein analoges Fotohobby habe, nehme ich die Filmdose und bringe sie zum Entwickeln in ein Fotolabor. Ich fachsimple mit den Filmnerds am Tresen, wie sie den Film entwickeln sollen. Wir entscheiden uns gegen eine Diaentwicklung und sie bearbeiten das Ding wie einen normalen Negativfilm.
C41 heißt der Vorgang. Bei einem Diafilm wäre es C6. Alte Diafilme werden beim Entwickeln oft extrem, bis zur Unkenntlichkeit, blass. Aber man kann den Diafilm auch als Negativfilm entwickeln, und dann sind die Farben zwar ins Extreme gedreht, aber man kann manchmal noch etwas erkennen. Crosscutten heißt das bei den Celluloid-Nerds.
Nach wenigen Stunden kann ich den Film wieder abholen. Surprise: Normalerweise dauert das Tage. Aber die Filmnerds sind gnädig und überraschen mich mit: Das Crosscutten war erfolgreich, auf dem Film sind Sachen zu erkennen! Jetzt eile ich nach Hause, da ich den Negativfilm noch digital in einen Positivfilm umwandeln und digitalisieren muss. Ich mache das mit einer Digitalkamera und einem speziellen Kasten zum Einschieben der Negativfilme. Als ich nach der ganzen langen Prozedur endlich das erste Bild sehe, hämmert es sofort in meinem Kopf: I promised myself. I promised I’ll wait for you.


Endlose Autofahrten ins rumänische Siebenbürgen
Der Song schreit mich unvermittelt im Vorbeigehen aus einem Klamottenladen in der Mittagshitze des Sommers 1990 irgendwo in einer griechischen Hafenstadt an. Es ist heiß, die Sonne sticht wahnsinnig grell. Irgendwie ist alles neu für mich, und hier in diesem hellenischen Touristenkaff ist das alles noch einmal ins Tausendfache gedreht, strahlender und aufregender. Und dann dieses Lied.
I promised myself. Nick Kamen. Es trifft mich hart und unvermittelt. Ich werde diesen Augenblick nie vergessen. Ich bin 14 Jahre alt und mit meinem Vater und Bruder auf Männerreise in Griechenland. Es ist unsere erste große Reise nach der Öffnung der Grenzen am 9. November 1989 in die Freiheit des Südens.
In meiner Kindheit sind wir oft nach Rumänien als Familie in den Urlaub gefahren. Bulgarien wäre auch noch gegangen. Aber dann war Schluss. Weiter konnten Ostdeutsche nicht. Auf den endlosen Autofahrten ins rumänische Siebenbürgen in den Achtzigerjahren haben wir immer stundenlang mit meinem Vater über Westautos und darüber geträumt, wie es wäre, weiter als nach Rumänien zu fahren. Nach Jugoslawien. Oder nach Griechenland. Und jetzt sind wir tatsächlich hier. In Griechenland.
Ich hatte das Ganze schon lange vergessen. Nur manchmal wurde ich durch den Dudelfunk meiner Freundin in ihrem Auto – zwischen dem Besten der Siebziger-, Achtziger-, Neunzigerjahre und dem Besten von heute – an den Song erinnert. Und ich fand es immer schade, dass es von dieser Reise keine Bilder gab. Aber jetzt sind all diese Erinnerungen wieder vor meinem Auge und ich kann sie überall spüren. Ich halte sie sprichwörtlich in den Händen. I promised myself.


Eine Abenteuer-Männerreise der alten Schule
Es ist die Griechenlandreise von 1990. Die Mittagshitze in der griechischen Stadt mit dem Nick-Kamen-Song ist nicht zu sehen. Aber das ist der Sound, der mir auch ohne das Bild permanent durch den Kopf rollt. Zu sehen ist auf zehn Bildern ein sehr grobkörniger, brauner Lada Kombi mit Bezirk-Karl-Marx-Städter Kennzeichen. Im Hintergrund von dem Ostauto sitzen meist unscharfe und grob gepixelte Typen am Lagerfeuer. Das sind wir. Auf der Griechenland-Männerreise 1990.
Es hätte alles Mögliche auf dem Film sein können. Familienfeiern, Siebenbürgen in Rumänien in den Achtzigerjahren. Aber nein. Es ist die Griechenlandreise. Sofort ist wieder alles da. Der Geruch ungewaschener Männerkörper. Die Hitze. Die Verwirrtheit. Aber auch die Aufbruchstimmung. Das Neue. Und das Abenteuer. An bestimmte Sachen kann ich mich nur bruchstückhaft erinnern, an andere Dinge sehr gut.
Meine Oberschenkel klebten bei der Hitze immer wie verrückt und unangenehm an dem Plastikbezug des sowjetischen Lada-Sitzes. Außerdem wechselten gerade in meinem jugendlichen Körper stark die Hormone von nicht vorhanden zu vorhanden. Das zeigte sich mit permanenten Anzeichen im Unterleib und Verwirrungen und Gefühlen, die ich so vorher nicht kannte. Es war zudem eine richtige Abenteuer-Männerreise der alten Schule.
In meiner Erinnerung haben wir nie in einem Hotel oder auf einem Zeltplatz geschlafen. Duschen: Fehlanzeige. Wir campten immer wild irgendwo im Gebüsch an einem Fluss oder schliefen neben dem Auto unter freiem Himmel am Strand. Neben dem obligatorischen Lagerfeuer natürlich. Das konnte man damals alles so ohne Probleme machen. Heute wäre das an vielen Stellen dieser Reise unvorstellbar. Lagerfeuer im Wald und am Strand bei knochentrockenen 40 Grad im Schatten. Einfach nur irre.

Der einzige Luxus: eine Schiffstagestour nach Athos
In Jugoslawien gabelten wir irgendwo im Süden an der Autobahn einen Tramper aus Aachen auf. Den nahmen wir mit und er schlief mit uns eine Nacht an einem Fluss am Lagerfeuer. Ich weiß noch sehr gut, er hatte wahrscheinlich schon drei Wochen lang nur im Straßengraben ohne Dusche gelebt und roch sehr intensiv nach sich und Straßengraben. Mein Vater diskutierte mit ihm lange in der Nacht.
Der Tramper war ein ziemlich linker und sehr westdeutscher Punker-Typ, der den Ossis so ein wenig die Welt erklären wollte und den Kommunismus verherrlichte. Da war er aber bei meinem Vater an den Falschen geraten. Rainer redete sich nach einigem Rotwein stark in Rage, wie sehr er den Kommunismus hasst. Klar, den hatten wir gerade in der DDR hinter uns gebracht.
Interessanterweise und mit dem Abstand der vielen Jahre amüsiert mich schon diese spezielle interfamiliäre Aufbruchstimmung. Wir hätten ja auch wie die anderen Ossis eine Pauschalreise mit Hotel nach Mallorca buchen können. Doch so waren wir, oder besser gesagt mein Vater, überhaupt nicht. Er wollte zwar ungewaschene, dafür aber echte Abenteuer mit realem Schweißaroma.
Den einzigen Luxus gönnten wir uns in Griechenland in Form einer Schiffstagestour den Athos entlang. Der Athos ist auf einer der drei Chalkidiki-Halbinseln eine autonome Mönchsrepublik. Mein Vater hatte immer davon geträumt, diese Mönchsrepublik einmal zu besichtigen. Aus der Ferne schaukelten wir jetzt an dem Mönchsland vorbei. An Land konnten wir nicht gehen, doch mein Vater sah trotzdem sehr glücklich aus.

