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„Stranger Things“-Regisseurin: „Bei Frauen gibt es immer zweifelnde Stimmen“

Uta Briesewitz hat in den USA Karriere gemacht. Nun kommt ihr Spielfilm „American Sweatshop“ in die Kinos. Ein Interview.

Uta Briesewitz am Set von „Stranger Things“, Staffel 3
Uta Briesewitz am Set von „Stranger Things“, Staffel 3Tina Rowden/Netflix

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Viele mögen den Namen Uta Briesewitz noch nicht gehört haben, doch gesehen haben dürften die meisten schon einige ihrer Arbeiten: „The Wire“, „Stranger Things“, „Westworld“, „Black Mirror“, „The Pitt“ – vor allem hochkarätige US-Serien hat die in Leverkusen geborene Regisseurin und Kamerafrau veredelt. Am 30. April kommt mit dem Thriller „American Sweatshop“ ihr erster Spielfilm in die deutschen Kinos. Im Interview spricht die 59-Jährige über die dunklen Seiten des Internets, die Kraft von Bildern und die Ungleichbehandlung von Frauen in Hollywood.

Sie sind Kamerafrau, Regisseurin, Produzentin. Wenn Sie jemand fragt, was Sie beruflich machen, was antworten Sie darauf?

Ich sage immer, ich bin Regisseurin fürs Fernsehen – und manchmal füge ich noch hinzu, dass ich davor Kamerafrau gewesen bin. Ich füge das mit dem Fernsehen immer dazu, weil ich sonst immer gefragt werde, welche großen Filme ich gedreht habe. Und ich bin gerne bereit zuzugeben, dass bisher noch keiner dabei war. (grinst)

Sie haben in Interviews immer mal wieder erwähnt, dass man es als Frau in einem Job wie Ihrem schwerer hat, dass man härter kämpfen muss. Aber können Sie das bitte konkretisieren?

Frauen müssen immer mehr Zeit investieren. Selbst wenn man gute Arbeit geleistet hat, gibt es bei Frauen anfangs immer zweifelnde Stimmen, die fragen: „Hat sie das alles selbst so gut hinbekommen? Oder hatte sie nur eine gute Crew?“ Man muss immer ein, zwei Arbeiten mehr abliefern, um zu überzeugen. Bei meinen männlichen Kollegen habe ich beobachtet, dass die sehr viel schneller größere Projekte bekommen. Frauen wurden in der Vergangenheit weniger bejubelt und weniger unterstützt, um erfolgreich zu werden. Man hat ihnen einfach oft nicht die Chancen gegeben, sich zu beweisen wie die Männer sie bekamen. All das hat sich in den letzten Jahren sehr zum Positiven gewandelt.

Uta Briesewitz im Gespräch mit Winona Ryder am Set von „Stranger Things“
Uta Briesewitz im Gespräch mit Winona Ryder am Set von „Stranger Things“Cinema Publishers Collection/Imago
Zur Person
Uta Briesewitz wuchs in Leverkusen als Tochter eines Architekten und einer Lehrerin auf. Früh wurde sie an Malerei herangeführt und entdeckte ihr Interesse für Fotografie und Film, geprägt u.a. von Regisseuren wie Rainer Werner Fassbinder und François Truffaut. Nach der zehnten Klasse begann sie ein Praktikum bei einer Kölner Produktionsfirma und arbeitete dort mehrere Jahre als Kamerafrau für Fernsehformate und Sportübertragungen.

Anschließend studierte sie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und war parallel weiter fürs Fernsehen tätig. Da sie sich künstlerisch weiterentwickeln wollte, ging sie in die USA und setzte ihre Ausbildung am American Film Institute fort – ein entscheidender Schritt für ihre internationale Karriere.

Was genau?

Nachdem Hollywood über viele Jahre hinweg dafür kritisiert wurde, dass Frauen in allen Bereichen unterrepräsentiert sind, haben sich Produktionen sehr stark bemüht, das zu verändern – auch durch den Einfluss der entsprechenden Gewerkschaften. Dadurch wurde die Tür für Frauen weit geöffnet, sodass Produzenten gezielt nach Frauen für die Kamera und den Regiestuhl gesucht haben. Bei den letzten drei großen Regiejobs, die ich fürs Fernsehen gemacht habe, habe ich jedes Mal eine Kamerafrau gehabt.

„American Sweatshop“ ist der erste Film, den Sie als Regisseurin verantworten. Darin geht es um Daisy, die als Content-Moderatorin dafür sorgen muss, hasserfüllte, sexuell explizite und gewalttätige Inhalte aus dem Internet zu entfernen – was ihr stark zusetzt. In Anbetracht des Umstands, dass Sie schon an so vielen Serien und Filmen mitgearbeitet haben: Wie kam Ihnen die Idee zum Film? 

Ich habe das Drehbuch dazu schon 2019 bekommen, damals war das als Pilot für eine Fernsehserie gedacht. Der Pilot hat sich aber nicht verkauft, wozu ich nicht viel sagen kann, weil ich bei diesen Verkaufsversuchen nicht mit dabei war. Daher kam die Idee, das Ganze als Film umzusetzen, und independent zu produzieren, weil mich dieses Thema interessiert hat und ich diese Geschichte unbedingt erzählen wollte.

Ein ungewöhnlicher Schritt: Weil’s fürs Fernsehen niemand haben wollte, haben Sie es eben größer gemacht und als Kinofilm umgesetzt.

Ganz genau. Wobei man sagen muss: Das Ganze fürs Fernsehen umzusetzen, hätte wesentlich mehr gekostet als der Film, den wir letztendlich daraus gemacht haben. Das ist ja eine kleine Geschichte, kein High-Concept-Film.

Mit „American Sweatshop“, einem Mystery-Thriller, gibt Briesewitz ihr Spielfilmdebüt.
Mit „American Sweatshop“, einem Mystery-Thriller, gibt Briesewitz ihr Spielfilmdebüt.Brainstorm Media

2018 kam der deutsche Dokumentarfilm „The Cleaners“ heraus, in dem die beiden Regisseure Moritz Riesewieck und Hans Block von der Arbeit von Content-Moderatoren auf den Philippinen erzählen. Kam daher die Inspiration zu „American Sweatshop“?

Nein. Wir hatten „The Cleaners“ natürlich auf unserem Radar, aber das Drehbuch hat Matthew Nemeth anhand von Zeitungsartikeln und Informationen von Menschen geschrieben, die in dem Job gearbeitet haben.

Also sind Sie im Zuge der Recherche für den Film auch nicht in die Abgründe der dunklen Seiten des Internets hinabgestiegen?

Ich bin vor allem beim Drehbuch geblieben. Für meine Recherche dazu habe ich mir aber ein paar Dokumentarfilme angesehen und natürlich auch „The Cleaners“ – ein toller Dokumentarfilm. Ich habe das Research-Material zu dem Film durchgearbeitet und ein paar Elemente in das Drehbuch gebracht, die mich interessierten – wie zum Beispiel der Bericht von einigen Angestellten in Florida, die aus ihrem Fenster auf dem Parkplatz immer einen Alligatoren sehen konnten, der sich dort in der Nähe eines kleinen Wasserloches täglich sonnte. Was die dunklen Clips anbelangt, das habe ich alles von mir weggehalten, weil ich mich nicht selbst traumatisieren wollte.

Was hat Sie an dem Thema gereizt?

Ich sag mal so: Wenn ich vor ein paar Jahren gefragt worden wäre, ob ich Interesse hätte an einer Geschichte, in der Leute vor einem Computer sitzen und sich Videos angucken, hätte ich spontan sicher erst mal Nein gesagt – auch weil es visuell nicht sonderlich spannend klingt. Aber dieses Drehbuch habe ich zu einem Zeitpunkt bekommen, als meine Kinder 13 und 14 Jahre alt waren und mein Mann und ich uns überlegt haben, ihnen Smartphones zu erlauben. Da habe ich mir im Vorfeld natürlich Gedanken gemacht: Gebe ich meinen Kindern ein Gerät an die Hand, das ihnen einerseits die Welt eröffnet und ihnen alle möglichen inspirierenden Sachen zeigt? Auch das kann ja das Internet, kann Social Media. Sie sind dann Teil einer Community, können mit ihren Freunden kommunizieren. Oder gebe ich ihnen andererseits etwas an die Hand, mit dem sie in ihren Zimmern plötzlich Sachen ausgeliefert sind, die ihnen wirklich schaden können, ohne dass wir es merken? Und wir es erst mitbekommen, wenn der Schaden bereits groß und irreparabel ist?

Welche visuelle Komponente hat Sie daran angesprochen?

Ich liebe Bilder und die Kraft von Bildern. Die Vorstellung davon, dass man sich Bildern aussetzt, die einem nachhaltig schaden, die das Gehirn neu verkabeln und irreversible Schäden anrichten können – das hat mich sehr interessiert.

Lili Reinhardt spielt in „American Sweatshop“ eine Content-Managerin.
Lili Reinhardt spielt in „American Sweatshop“ eine Content-Managerin.Brainstorm Media

Das Thema von „American Sweatshop“ ist sehr aktuell. Der Film ist im letzten Jahr bereits auf Festivals gelaufen und im September in den USA gestartet. Wie wurde er bisher aufgenommen?

Es gab intensive Reaktionen zu dem Film. Einige Leute waren hin und weg. Eine der schönsten Reaktionen kam von der Schauspielerin Shabana Azeez. Die spielt in der Serie „The Pitt“ mit, für die ich bei einigen Folgen Regie geführt habe. Als sie gehört hat, dass ich „American Sweatshop“ gemacht habe, kam sie mit Tränen in den Augen auf mich zu und meinte: „Ich habe deinen Film beim ‚South by Southwest Film Festival‘ gesehen. Der hat mich emotional so aufgewühlt, weil er mir gezeigt hat, was für Filme ich in Zukunft machen will.“

Wow – ein tolles Kompliment.

Wenn Leute ins Kino gehen und einen Thriller im „amerikanischen Stil“ erwarten, in dem die Protagonistin irgendwann eine Waffe kauft und dann anfängt, alle abzuknallen, die muss ich enttäuschen. „American Sweatshop“ ist ein ruhiger Film, realistisch. Es geht darum, was man selbst tun würde, wenn man in eine vergleichbare Situation käme wie die von Lili Reinhart gespielte Hauptfigur. Apropos Lili Reinhart: Die ist zwar US-Amerikanerin, hat aber deutsche Wurzeln.

Ein besseres Szenario gibt es natürlich nicht, als wenn der Star zu dir kommt.

Uta Briesewitz

Womit hat Lili Sie als Hauptdarstellerin überzeugt?

Solche Drehbücher zirkulieren manchmal eine ganze Weile innerhalb der Agenturen. Matthew, der das Drehbuch geschrieben hat, Lili und ich, wir werden alle von UTA vertreten – der United Talent Agency. Und wenn es ein Drehbuch gibt, das die Agenten mögen, schieben die sich das gegenseitig zu. Lili ist das Drehbuch irgendwann in die Hände gefallen und ist dann an uns herangetreten, weil sie sich für diese Rolle interessiert hat. Ein besseres Szenario gibt es natürlich nicht, als wenn der Star zu dir kommt. Das hört man tatsächlich nicht oft. Zumindest nicht bei einem Indie-Film. Aber Lili hat viel zu bieten, ist eine hervorragende Schauspielerin. Sie will sich langsam von ihrem Image aus „Riverdale“ verabschieden und weiterentwickeln, weshalb sie auf der Suche nach interessanten Indie-Filmen ist, in denen sie zeigen kann, was sie drauf hat.

Hatten Sie sie schon zuvor schon auf dem Schirm?

Nein. Ich gehöre nicht zur Generation derer, die „Riverdale“ gesehen hat – im Gegensatz zu meiner Tochter. Lili war mir daher gar kein Begriff. Über unseren Casting-Agenten habe ich mir dann aber viel von ihrer Indie-Arbeit angeguckt, um zu schauen, ob sie jemanden so roh und so bodenständig spielen kann – und wie sie ohne den Fernseh-Gloss von „Riverdale“ aussieht. Nach drei, vier Minuten habe ich gesehen: Lili ist fantastisch.

Wie kam Christiane Paul mit dazu?

Unsere Produzentin Anita Elsani hat ihr das Drehbuch zugeschickt, woraufhin Christiane glücklicherweise zugesagt hat. Ich war immer schon von Christiane begeistert, habe sie sogar noch als junges Mädchen in Deutschland erlebt und bin daher total happy, dass das geklappt hat. Ich wusste, dass sie eine tolle Schauspielerin ist und fand, dass sie perfekt in die Rolle gepasst hat und als internationaler Star keine Probleme mit der englische Sprache hatte. Da wir auch Gelder aus Deutschland zur Umsetzung des Films bekommen haben, fand ich es umso wichtiger, dass die Crew deutsch war und einige deutsche Schauspieler am Film mitgewirkt haben – auch wenn der Film „American Sweatshop“ heißt.

Daniel Schieferdecker arbeitet seit 15 Jahren als freier Autor für verschiedene Medien wie Zeit Online, Esquire und den Rolling Stone. Er war außerdem drei Jahre lang Chefredakteur von Europas größtem HipHop-Magazin Juice und hat zwei Bücher geschrieben: das chinesische Reisekochbuch „Forever Yang“ und die autorisierte Biografie des Rappers RAF Camora.

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