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15 Jahre Fukushima: Rückkehr in eine veränderte Welt

Unser Autor hat die Präfektur Fukushima seit der Nuklearkatastrophe im Jahr 2011 immer wieder besucht. Vieles hat sich verändert, doch manche Probleme bleiben.

120.000 Gebäude wurden in Japan im März 2011 infolge eines Erdbebens und den dadurch ausgelösten Tsunami zerstört.
120.000 Gebäude wurden in Japan im März 2011 infolge eines Erdbebens und den dadurch ausgelösten Tsunami zerstört.Asahi Shimbun/dpa

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Am 11. März 2011 um 14:46 Uhr Ortszeit bebte die Erde vor der Küste von Fukushima: 9,1 auf der Momenten-Magnituden-Skala. Diese Skala endet bei 10,6 – bei dieser Stärke bricht die Erdkruste auseinander. Das Beben löst einen Tsunami aus, der sogar die amerikanische Westküste erreichte und dort für Schäden in Millionenhöhe sorgte. In Japan wurden mehr als 120.000 Gebäude komplett zerstört, fast 20.000 Menschen verloren in Verbindung mit der Katastrophe ihr Leben. Und dann war da noch das Unglück im Atomkraftwerk.

Zwei Wochen nach dem Erdbeben wandte sich Sakurai Katsunobu in einer Videobotschaft an die Welt. Der damals 55-Jährige wirkte erschöpft, erst seit zwei Monaten war er der neue Bürgermeister von Minamisoma. Nüchtern zählte er auf, wie viele Menschen verstorben waren und wie viele noch als vermisst galten. Seine Stadt lag am Rand des evakuierten 20-Kilometer-Radius rund um das havarierte Kernkraftwerk Fukushima Daiichi. 50.000 Menschen waren bereits geflüchtet, ein Teil der Stadt sollte nicht mehr betreten werden. „Wir sind isoliert und auf uns alleine gestellt“, sagte Sakurai. „Bitte helft uns.“ Innerhalb kurzer Zeit wurde das Video auf YouTube damals mehr als 200.000 Mal gesehen.

Katsunobu Sakurai bat vor 15 Jahren als Bürgermeister von Minamisoma um Hilfe.
Katsunobu Sakurai bat vor 15 Jahren als Bürgermeister von Minamisoma um Hilfe.AFLO/imago

Ein Zufall verhinderte Schlimmeres

Tepco, der Betreiber des Kernkraftwerkes, und die japanische Regierung waren zur gleichen Zeit ähnlich überfordert wie Sakurai. Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) und eine investigative Recherche der Zeitung Asahi Shimbun haben später den Ablauf der Katastrophe detailliert rekonstruieren können: Das Kraftwerk überstand das Erdbeben, doch der 15 Meter hohe Tsunami, der ungefähr 50 Minuten nach dem Beben auf das Kraftwerk knallte, sorgte für den größten anzunehmenden Unfall.

In den Reaktoren 1 und 3 kam es zu Kernschmelzen, ihre Hüllen wurden von Wasserstoffexplosionen zerstört. Die Reaktorkerne überlebten die Explosionen und lagen anschließend zum Teil unter freiem Himmel. Ein Zufall verhinderte Schlimmeres in Reaktor 4.

In den Reaktoren 1 und 3 kam es zu Kernschmelzen, ihre Hüllen wurden von Wasserstoffexplosionen zerstört.
In den Reaktoren 1 und 3 kam es zu Kernschmelzen, ihre Hüllen wurden von Wasserstoffexplosionen zerstört.stock&people/imago

Der damalige Premierminister Kan Naoto bezeichnete das in seiner Biografie später als „göttlichen Beistand“. Wäre es schlimmer gekommen, hätte Tokio evakuiert werden müssen. Eine monumentale Aufgabe und laut Kan Naoto „das Ende der japanischen Nation“.

Obwohl Fukushima weniger gravierend war und niemand direkt wegen der Strahlung sterben musste, weckte die Katastrophe in Deutschland bei vielen die Erinnerungen an Tschernobyl. Folglich gingen die Menschen vielerorts auf die Straße und protestierten gegen Atomkraft. Drei Monate nach der Katastrophe in Fukushima wurde von der deutschen Regierung entschieden, sich von der Atomkraft zu verabschieden. Auch in Japan prüfte man anschließend alle Kraftwerke.

In Deutschland weckte die Katastrophe bei vielen die Erinnerungen an Tschernobyl, obwohl Fukushima weniger gravierend war und niemand direkt wegen der Strahlung sterben musste.
In Deutschland weckte die Katastrophe bei vielen die Erinnerungen an Tschernobyl, obwohl Fukushima weniger gravierend war und niemand direkt wegen der Strahlung sterben musste.IPONDemonstration/imago

Der Aufruf von Sakurai damals hatte Erfolg. Schnell kamen zahlreiche Freiwillige nach Minamisoma. Ein halbes Jahr nach der Katastrophe begleitete ich eine Gruppe von ihnen. Mit zwei gemieteten Kleinlastern brachten wir unbelastete Lebensmittel wie Zwiebeln, Kartoffeln oder Karotten zu den Menschen in den temporären Unterkünften.

Ein Geigerzähler in der Fahrerkabine gab uns stets aktuelle Messwerte für die Strahlenbelastung. Die Zahlen sagten jedoch wenig aus. Entscheidend war, wie lange man der Strahlenbelastung ausgesetzt war und ob man radioaktive Spuren im eigenen Körper trug. Daher war es wichtig, die Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen, die außerhalb der Region gewachsen waren.

In einer Notunterkunft werden Hilfsmittel an Betroffene verteilt.
In einer Notunterkunft werden Hilfsmittel an Betroffene verteilt.Xinhua/imago

Reis, den niemand mehr ernten wollte

Bei unserer Ankunft in den Notunterkünften warteten bereits Dutzende Menschen auf uns. Sie waren in Baracken aus Aluminium untergebracht, deren einzelnen Einheiten ähnlich wie japanische Wohnhäuser mit Schiebetüren und Eingangsbereichen aufgebaut waren. Es waren hauptsächlich Senioren, die hier lebten. Sie waren dankbar für unseren Einsatz. Vor der Anlage wuchs Reis auf einem Feld, den nun niemand mehr ernten wollte.

Nach der Verteilungsaktion fuhren wir an der Küste entlang, wo die Spuren des Tsunamis noch deutlich zu sehen waren. Leergefegt und plattgewalzt erstreckte sich die Landschaft kilometerweit von der Straße bis zum Meer. Vereinzelt standen Bäume, Betonpfeiler und was von Häusern übrig war. Alles andere wurde landeinwärts gespült. Boote lagen auf den Feldern und neben der Straße.

Fünf Jahre später, im Frühjahr 2016, reiste ich erneut in das Katastrophengebiet, im Rahmen einer Pressereise einer deutschen Hilfsorganisation. Die Spuren des Tsunamis waren inzwischen weniger sichtbar, aber immer noch da. 55.000 Menschen lebten noch in den Notunterkünften, die eigentlich nur für zwei bis drei Jahre vorgesehen waren. Wer hier wohnte, dessen Haus stand entweder im Bannkreis um das Kraftwerk oder es wurde nach dem Tsunami noch nicht wieder aufgebaut.

Die Menschen hatten es sich in den Baracken inzwischen gemütlich gemacht. Ich sah bunte Windspiele an den Fenstern und Gartenzwerge vor den Eingängen. Solarbetriebene Geigerzähler zeigten die aktuelle Strahlenbelastung in der Luft an. Laut einer Studie der Fukushima Medical University litten 14,6 Prozent der Evakuierten an psychischen Problemen. Die japanische Regierung ging von mehr als 2000 indirekten Todesopfern der Katastrophe aus – Menschen, die sich zu Tode getrunken hatten oder wegen des Stresses an einem Herzinfarkt gestorben waren.

Die Notunterkünfte wurden weitaus länger beansprucht, als von der Regierung geplant.
Die Notunterkünfte wurden weitaus länger beansprucht, als von der Regierung geplant.AFLO/imago

Der Imageschaden war nur von kurzer Dauer

Ich traf Amano Yoshiku, die damals seit drei Jahren eines dieser temporären Lager leitete. Ihr Sohn lebte hier zusammen mit ihr und arbeitete weiterhin für Tepco, auch aus einem Gefühl der Verantwortung. Ihr mehr als hundert Jahre altes Familienhaus lag im Sperrgebiet. Dekontaminierungsarbeiter hatten zwar die oberste Erdschicht abgetragen, aber noch konnte sie nicht wieder zurück. Sie wollte es auch nicht. Einmal besuchte sie das Haus und eine Patrouille kontrollierte sie. „Es war wie in einem Kriegsgebiet“, sagte sie. Als sie davon erzählte, fing Amano an zu weinen. Überall sah sie in ihrem Haus Spuren von Kakerlaken und Mäusen, vor dem Haus hatten sich Wildschweine ausgetobt. „Das ist nicht mehr mein Zuhause“, sagte sie.

Die Landschaft im Sperrgebiet war kahl und die Erde aufgewühlt, wie eine riesige Wunde. Radioaktive Erde wurde in schwarzen Säcken gesammelt und in Lagern gestapelt. Keine Präfektur wollte sie übernehmen, sodass sie hier liegenbleiben mussten. An der Küste war die Straße für Autos gesperrt, im Asphalt klaffte ein riesiges Loch, durch das man das Meer in fünf Meter Tiefe sehen konnte. Der Tsunami hatte die Straße in den Abgrund gerissen, die Leitplanke hing darüber in der Luft.

Freigelassene Schweine im Sperrgebiet
Freigelassene Schweine im SperrgebietNaoto Matsumura/Handout/dpa

Drei Jahre später war ich erneut im Katastrophengebiet. Die Familie eines Freundes wohnte eine Autostunde entfernt und lud mich zum Neujahrsfest ein. Anschließend fuhren wir so nah an das Kraftwerk, wie es ging.

Der Imageschaden, den die Katastrophe für Japan mit sich gebracht hatte, schien sich verflüchtigt zu haben. Der Tourismus im Land boomte, ein neuer Rekord mit 25 Millionen Besuchern aus dem Ausland. Selbst die Präfektur Fukushima hatte die Anzahl der internationalen Gäste fast verdoppelt. Der Bannkreis um das Kraftwerk war offiziell verkleinert worden und die Patrouillen reduziert.

Vereinzelt sah man noch die Ruinen, welche die Katastrophe hinterlassen hatte. Die schwarzen Säcke mit der radioaktiven Erde standen immer noch in der Landschaft und warteten auf ein Endlager, das es nicht gab. In der Nähe vom Kernkraftwerk hatte man sie ins Meer abgestellt, als Wellenbrecher. Vereinzelt waren sie bereits aufgeplatzt, und ihr Inhalt verteilte sich im Wasser.

Radioaktive Erde und radioaktiver Schutt wurde in schwarze Säcken „zwischengelagert“.
Radioaktive Erde und radioaktiver Schutt wurde in schwarze Säcken „zwischengelagert“.wikimedia

Vorreiter bei regenerativen Energien

Heute, 15 Jahre nach der Katastrophe, informiert die Behörde für Wiederaufbau über den aktuellen Stand: 100 Prozent der Straßen seien rekonstruiert und alle, die in Notunterkünften untergekommen waren, seien nun in dauerhaften Wohnsituationen. Der Rückbau vom havarierten Kernkraftwerk und Säuberungsmaßnahmen werden voraussichtlich noch bis 2051 andauern.

Im Kraftwerk befinden sich mehr als 54.000 Tonnen Kühlwasser, die seit August 2023 nach einer Filterung ins Meer abgeleitet werden. Das radioaktive Isotop Tritium lässt sich jedoch nicht entfernen und man hofft darauf, dass es sich im Meerwasser verdünnt. Bei regelmäßigen Kontrollen habe man keine gefährliche Belastung erkennen können. Die Werte sollen unter den Grenzen liegen, die von der WHO gesetzt worden sind. Dennoch ist das radioaktive Wasser unter anderem der Grund, warum Länder wie China die Einfuhr von Fischen und Lebensmitteln aus Fukushima und benachbarten Regionen beschränken oder verbieten.

Abgetragene Erde aus Fukushima liegt heute in einem Beet vor der Residenz der Premierministerin Takaichi in Tokio. Ihr Wunsch ist es, die Atomkraft wieder hochzufahren. Derzeit ist nur ein Drittel der 36 Kernkraftwerke in Japan im Betrieb. Das erste Mal seit der Katastrophe befürwortet eine knappe Mehrheit der Bevölkerung den Erhalt und den Ausbau von Kernkraftwerken.

Fukushima hat heute ein anderes Ziel: Die Präfektur ist heute Vorreiter bei regenerativen Energien und deckt bereits jetzt 50 Prozent ihres Strombedarfes durch Solarenergie. Bis 2040 sollen es sogar 100 Prozent werden.

Bürgermeister Sakurai, der die Welt damals in seine Stadt eingeladen hatte, wurde drei Wochen nach meinem letzten Besuch aus dem Amt gewählt. Man kritisierte ihn für mangelnde Kooperationsbereitschaft mit der Zentralregierung beim Wiederaufbau. Als letzte Amtshandlung verankerte er den Ausbau regenerativer Energie für Minamisoma.

Bereits vier Jahre später deckte die Stadt fast ihren gesamten Energiebedarf ausschließlich durch Solarstrom. Die Strahlenbelastung in der Luft wird weiterhin regelmäßig überwacht. Nach den unmittelbar nach der Katastrophe besorgniserregenden Werten liegt die Hintergrundstrahlung in Minamisoma heute sogar unter dem Niveau Berlins. Nach 15 Jahren scheint in Fukushima wieder die Sonne zu strahlen.

Fritz Schumann recherchiert seit 2009 in Japan für deutsche und internationale Medien. Er hat bislang vier Sachbücher veröffentlicht, u.a. zu Fukushima. Sein letztes Buch „Japan, wer bist du?“ enthält eine Sammlung von Reportagen aus 15 Jahren Arbeit.

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