Manchmal wundert man sich, welche Macht auch heute noch einzelne Menschen haben können. Eine so große Macht, dass die gesamte Erde in Gefahr gerät. Dabei sind Putin, Trump, J.D. Vance und andere auch nur irrende, schwache, vergängliche Kreaturen wie du und ich, die pro Tag nicht mehr als 2500 Liter Sauerstoff wegatmen.
Erstaunlich ist, wie kurz die historische Pause nackter imperialer Eroberungspolitik gedauert hat. Sie war nie weg, aber verschleiert, moralisiert und eingedämmt durch die „regelbasierte Weltordnung“. Statt „Her mit dem Förmchen, es ist meins!“ hieß es im großen globalen Buddelkasten: „Du hast kein moralisches Recht auf dieses Förmchen. Lass es fallen. Ich nehme es im Namen der Freiheit in Obhut!“
Inzwischen geht es wieder knallhart offen zu. Neulich fand ich im Internet eine Weltkarte. Darin hatte angeblich Trump einen roten Strich gezogen, und zwar durch den gesamten Atlantik, von der Arktis bis zum Südpolarmeer. Auf der linken Seite steht: „ich“ (mit Nord- und Südamerika und Grönland). Den Rest auf der rechten Seite teilten sich „Putin“ und „Xi“.
Grenzen mit dem Lineal gezogen, ohne Rücksicht auf alles, was dort kreucht und fleucht
Es soll Satire sein, trifft aber genau den Punkt. Denn dieses kolonialistische Hemisphärendenken hat Tradition. Wir sausen Jahrhunderte zurück und stehen wieder bei Isabella und Ferdinand, den „Katholischen Königen“ von Spanien, die schon mal an einer Strichziehung durch den Atlantik beteiligt waren. Es geschah, nachdem Kolumbus 1492 mit seinen Nussschalen in Amerika gelandet war, von dem er bis zu seinem Lebensende glaubte, dass es Indien sei.
Die Seefahrer-Reiche Spanien (Kastilien und León) und Portugal gingen damals daran, die Welt untereinander aufzuteilen. Bereits 1493 sprach der Papst in einer Bulle alle Gebiete westlich einer Linie im Atlantik den spanischen Herrschern zu, also die Gebiete der „Neuen Welt“. 1494 wurde die Linie im Vertrag von Tordesillas noch etwas verschoben. Portugal bekam dadurch noch ein Stück Brasilien ab, das wie ein Bauch über die Linie ragte. Ansonsten interessierte sich der portugiesische König Johann II. vor allem für Afrika und den Seeweg nach Osten.
Als man nach der Weltumsegelung Magellans dann merkte, wie groß die Erdkugel wirklich war, wurde 1529 noch eine zweite Linie durch den Pazifik gezogen, östlich der Molukken. Die Machtbereiche waren nun abgegrenzt. Das ging einige Zeit. Neue Mächte traten auf den Plan, neue Striche prägten die Landschaft. Man muss sich nur mal ein paar der Ländergrenzen in Afrika angucken – einfach mit dem Lineal gezogen, ohne Rücksicht auf alles, was dort kreuchte und fleuchte. Oder auch das Kästchensystem der Bundesstaaten der USA.
Trump knüpft ehrlich und unverschleiert an die Kolonialgeschichte des Westens an
Trumps Politik knüpft also ganz unverschleiert an die „großartige“ Geschichte des Westens an, seinen kolonialen Wesenskern. Manche nennen ihn schon „Donroe“, weil er die Monroe-Doktrin von 1823 wiederbelebt, die die „westliche Hemisphäre“ als reines Tummelfeld der USA definierte.



