Der tödliche Zugriff auf den mexikanischen Kartellchef Nemesio Oseguera Cervantes war auch das Ergebnis enger Geheimdienstkooperation mit den Vereinigten Staaten. Nach übereinstimmenden Medienberichten aus den USA stellten amerikanische Behörden entscheidende Informationen bereit, um den Aufenthaltsort des Mannes zu bestimmen, der als „El Mencho“ bekannt war. Besonders die CIA spielte dabei nach Angaben aus Washington eine zentrale Rolle. Mexikanische Sicherheitskräfte führten die Operation am Sonntag im Bundesstaat Jalisco aus. Stunden später versank ein großer Teil des Landes in Gewalt.
Wie das US-Magazin Politico unter Berufung auf einen ranghohen Geheimdienstmitarbeiter und eine weitere mit dem Vorgang vertraute Person berichtet, unterstützten mehrere US-Behörden die Fahndung. Die CIA sei „instrumental“ an der Lokalisierung Oseguera Cervantes’ beteiligt gewesen, sagte eine der Quellen. Welche Hinweise aus den USA konkret in die Fahndung einflossen, machten weder Washington noch Mexiko öffentlich. Nach Darstellung der Behörden halfen sie jedoch, den Aufenthaltsort zeitlich und räumlich einzugrenzen.
Auch die vom US-Militär geführte „Joint Interagency Task Force-Counter Cartel“, eine Ende vergangenen Jahres gegründete Spezialeinheit mehrerer US-Behörden zur Aufklärung von Kartellnetzwerken, soll laut einem US-Verteidigungsbeamten Informationen zur Razzia beigesteuert haben.
Mexikos Regierung bestätigte eine nachrichtendienstliche Unterstützung aus den USA, betonte jedoch, sie sei lediglich ergänzend gewesen. Bodentruppen aus den Vereinigten Staaten seien nicht beteiligt gewesen, der Zugriff sei vollständig von mexikanischen Kräften geplant und umgesetzt worden.

Die Spur führte ins private Umfeld
Nach Darstellung des mexikanischen Verteidigungsministers Ricardo Trevilla Trejo gelang der entscheidende Durchbruch nicht über Finanzermittlungen oder Drogentransporte, sondern über das private Umfeld des Kartellchefs. Sicherheitskräfte beobachteten demnach einen Mann, der als enger Vertrauter einer Geliebten von „El Mencho“ galt. Über ihn ließ sich der Weg zu einem abgelegenen Anwesen nahe der Ortschaft Tapalpa nachvollziehen.
Als die Frau das Gelände verlassen habe, blieb „El Mencho“ nach Behördenangaben mit seinem Sicherheitsteam zurück. Innerhalb kurzer Zeit planten Spezialeinheiten den Zugriff. Um keinen Verdacht zu erregen, hätten sie überwiegend Bodentruppen und nur begrenzte Luftunterstützung eingesetzt.
Beim Eindringen der Sicherheitskräfte kam es übereinstimmenden Berichten zufolge zu einem Feuergefecht. „El Mencho“ und mehrere Begleiter versuchten zu fliehen und wurden in einem bewaldeten Gebiet gestellt. Der Kartellchef und zwei Leibwächter erlitten schwere Verletzungen und starben während des Transports per Hubschrauber.

Politischer Druck aus Washington
Der Einsatz fällt in eine Phase verschärften Drucks aus Washington. US-Präsident Donald Trump hat die Bekämpfung des Drogenhandels ins Zentrum seiner Außen- und Sicherheitspolitik gerückt und Mexiko wiederholt vorgeworfen, zu wenig gegen die Kartelle zu unternehmen. In den vergangenen Monaten drohte Trump offen mit einem direkten militärischen Eingreifen, sollte Mexiko nicht entschlossener handeln.
Vor diesem Hintergrund werten Beobachter den Zugriff auch als politisches Signal. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum hatte zuletzt betont, ihr Land werde die Sicherheitsstrategie selbst bestimmen, zugleich aber die Zusammenarbeit mit den USA intensivieren. Der Tod von „El Mencho“ dürfte den Druck aus Washington zumindest vorübergehend mindern.
Vergeltung auf Mexikos Straßen
Kaum war der Tod des Kartellchefs bekannt, folgte die Gegenreaktion. Bewaffnete Gruppen errichteten brennende Straßensperren, griffen Sicherheitskräfte an und setzten Fahrzeuge, Geschäfte und öffentliche Einrichtungen in Brand. In mehreren Bundesstaaten kam das öffentliche Leben zeitweise zum Erliegen, Flüge wurden ausgesetzt, Schulen geschlossen.
Nach offiziellen Angaben wurden bei den Unruhen Dutzende mutmaßliche Kartellmitglieder getötet und mehr als 70 Menschen festgenommen. Besonders schwer wog der Tod von mindestens 25 Angehörigen der Nationalgarde. Präsidentin Sheinbaum rief die Bevölkerung zur Ruhe auf und erklärte, der Staat habe die Lage unter Kontrolle. Das Verteidigungsministerium entsendete am Montag zusätzlich 2500 Soldaten nach Westmexiko. Die Regierung teilte mit, dass seit Sonntag insgesamt rund 9500 Soldaten im Einsatz seien.

Ein Symbol – mit ungewisser Wirkung
Oseguera Cervantes alias „El Mencho“ hatte das Cártel de Jalisco Nueva Generación 2009 gegründet und zu einer der mächtigsten kriminellen Organisationen Mexikos aufgebaut. US-Behörden machten das Kartell für einen erheblichen Teil des Schmuggels von Kokain, Heroin und synthetischen Drogen in die Vereinigten Staaten verantwortlich und setzten ein Kopfgeld von 15 Millionen US-Dollar aus.
Sicherheitsexperten bezweifeln jedoch, dass sein Tod das Kartell dauerhaft schwächt. Große Teile der Führung seien weiterhin aktiv, die Organisation arbeite in vielen Regionen dezentral. Kurzfristig drohten vielmehr neue Machtkämpfe und weitere Gewalt.
Der Zugriff auf „El Mencho“ ist damit zugleich Erfolg und Risiko. Er zeigt, wie eng Mexiko und die USA inzwischen kooperieren – und wie schnell ein Schlag gegen die Spitze der Kartelle ein ganzes Land in den Ausnahmezustand stürzen kann.


