Auslandsaufenthalte

„Zieht morgen Menschen zwangsweise ein“: Kritik an Wehrdienst-Regel reißt nicht ab

Seit Jahresbeginn gilt: Männer ab 17 müssen sich Auslandsaufenthalte von mehr als drei Monaten von der Bundeswehr genehmigen lassen. Dies sorgt für scharfe Kritik.

Die Regelung zu Auslandsaufenthalten wehrfähiger Männer sorgt für heftige Kritik.
Die Regelung zu Auslandsaufenthalten wehrfähiger Männer sorgt für heftige Kritik.Julian Stratenschulte/dpa

Die Kritik an der Wehrdienst-Regel, der zufolge Männer zwischen 17 und 45 Jahren für längere Auslandsaufenthalte eine Genehmigung der Bundeswehr brauchen, stößt weiterhin auf heftige Kritik.

Die Regelung, die auf das sogenannte Wehrdienst-Modernisierungsgesetz zurückgeht, war zunächst kaum bekannt. Doch seit Tagen ist die Debatte um den Wehrdienst in Deutschland neu aufgeflammt.

Wehrdienst-Gesetz: Grünen-Politiker fordern Aufklärung

Die sicherheitspolitische Sprecherin der Grünen, Sara Nanni, verlangte gegenüber der Welt eine rasche Aufklärung: „Die Bürger haben ein Recht darauf, schnell zu wissen, ob, und falls ja, welche Pflichten zum Melden sie haben.“ Auch der verteidigungspolitische Sprecher der Union, Thomas Erndl, sprach sich für eine pragmatische Umsetzung aus. Solange der Wehrdienst freiwillig sei, solle es keinen echten Genehmigungsprozess geben.

Die Linke-Politikerin Desirée Becker kritisierte das Gesetz als „handwerklich schlecht“. Der AfD-Verteidigungspolitiker Rüdiger Lucassen forderte gegenüber derselben Zeitung eine pragmatische Lösung ohne großen Verwaltungsaufwand und „unnötige Zumutungen an junge Männer“.

Deutlich schärfer fiel die Reaktion der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) aus. Deren politischer Geschäftsführer, Yannick Kiesel, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, die Regelung sei ein Schritt zur Wiedereinführung der Wehrpflicht. „Wer heute Ausreisen genehmigen lässt, zieht morgen Menschen zwangsweise ein“, warnte Kiesel. Die DFG-VK gehe davon aus, dass in den kommenden Jahren eine sogenannte Bedarfswehrpflicht eingeführt werde und der Paragraf dann verstärkt zur Anwendung komme. Die Organisation lasse die Vorschrift juristisch prüfen.

Die Gründerin des BSW, Sahra Wagenknecht, forderte angesichts der Regelung sogar einen Rücktritt von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). „Dass sich Männer Auslandsaufenthalte bei der Bundeswehr genehmigen lassen müssen, erinnert an DDR- und Mauerzeiten, mit Demokratie und freiheitlicher Grundordnung hat das nichts zu tun“, sagte die BSW-Politikerin am Sonntag gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

Bisher galt die Genehmigungspflicht für längere Auslandsaufenthalte ausschließlich im sogenannten Spannungsfall – einer vom Bundestag oder der Nato festgestellten erhöhten Bedrohungslage – sowie im Verteidigungsfall, also bei einem bewaffneten Angriff auf das Bundesgebiet. Da der Wehrdienst nach geltendem Recht ausschließlich auf Freiwilligkeit beruhe, seien Genehmigungen grundsätzlich zu erteilen, so das Ministerium. Eine Ablehnung ist also nicht vorgesehen – die Antragstellung bleibt dennoch verpflichtend. Welche Konsequenzen drohen, wenn ein Mann die Genehmigung vor der Ausreise nicht einholt, ließ das Ministerium offen.