Wer seinem Stromanbieter treu bleibt, wird dafür finanziell bestraft – und zwar in erheblichem Ausmaß. Laut einer neuen Studie von Octopus Energy und der RWTH Aachen haben loyale Stromkunden in Deutschland im vergangenen Jahr rund 11 Milliarden Euro mehr bezahlt als nötig. Knapp drei Viertel aller deutschen Haushalte – bis zu 30 Millionen – waren demnach von dieser sogenannten „Treuestrafe" betroffen.
Für die Untersuchung werteten die Wissenschaftler erstmals tausende Preisanpassungsschreiben privater Haushalte aus. Das Ergebnis: Bestandskunden zahlen im Durchschnitt 13 Cent pro Kilowattstunde mehr als Neukunden – ein Aufschlag von rund 47 Prozent. Die Tarife steigen laut der Analyse nach etwa 11 bis 14 Monaten um 19 bis 24 Prozent an.
Die Studienautoren beschreiben das dahinterliegende Geschäftsmodell als „Anlocken und Abzocken": Energieversorger werben Haushalte zunächst mit günstigen Einstiegstarifen, erhöhen die Preise dann aber deutlich. Von den 11 Milliarden Euro Mehrkosten entfallen lediglich 4 Milliarden auf Kunden in der Grundversorgung – der Großteil trifft Verbraucher bei wettbewerblichen Anbietern.
Wechsel spart Hunderte Euro, doch die Preisschere wächst
Die finanziellen Folgen für einzelne Haushalte sind erheblich: Wer bei einem wettbewerblichen Anbieter bleibt, könnte durch einen Tarifwechsel im Schnitt 304 Euro jährlich sparen. In der Grundversorgung liegt das Einsparpotenzial sogar bei 492 Euro pro Jahr. Aktuelle Marktdaten des Vergleichsportals Strom-Report bestätigen die Kluft: Neukunden zahlen derzeit durchschnittlich 25 Cent pro Kilowattstunde, Bestandskunden 31,2 Cent und Grundversorgungskunden sogar 42,8 Cent.
Die Energiekrise hat diese Preisschere massiv vergrößert. Zwischen 2018 und 2021 lag die durchschnittliche Ersparnis bei einem Anbieterwechsel noch bei 121 bis 241 Euro – heute hat sich dieser Betrag nahezu verdreifacht. Eine Rückkehr zum früheren Niveau ist laut der Untersuchung auch drei Jahre nach der Krise nicht absehbar.
„Der deutsche Strommarkt zerfällt immer mehr in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft“
Zudem kritisiert die Studie erhebliche Transparenzdefizite: Während sich Neukundentarife eng an den Großhandelspreisen für Energie orientieren, steigen die Preise für Bestandskunden weitgehend unabhängig davon. In ihren Preisanpassungsschreiben verweisen Anbieter häufig pauschal auf „Beschaffung und Vertrieb" – ohne nachvollziehbaren Bezug zur tatsächlichen Marktlage.
Bastian Gierull, Deutschlandchef von Octopus Energy, kritisiert die Branche scharf: „Der deutsche Strommarkt zerfällt immer mehr in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Während Versorger sich für Neukunden mit negativen Margen unterbieten, werden loyale Kunden ausgenommen." Besonders problematisch sei, dass dies oft genau jene Menschen treffe, die es sich am wenigsten leisten könnten. Die Abzocke habe System und betreffe nicht nur einzelne unseriöse Anbieter, sondern die gesamte Branche.


