Über Jahre hinweg schickte China regelmäßig Militärflugzeuge in Richtung Taiwan – eine Demonstration von Stärke, die in Taipeh und Washington Alarm auslöste. Nun ist diese Aktivität plötzlich stark zurückgegangen. Seit zwei Wochen registriert Taiwan deutlich weniger chinesische Militärflüge in der Nähe der Insel.
Nach Angaben des taiwanischen Verteidigungsministeriums wurden zwischen dem 27. Februar und dem 5. März überhaupt keine chinesischen Flugzeuge in der Luftverteidigungszone der Insel erfasst. Auch in den Tagen danach blieb die Aktivität ungewöhnlich gering. In den vergangenen zwei Wochen registrierte Taiwan insgesamt nur sieben chinesische Militärflugzeuge. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 92.
Analysten rätseln über die Gründe. „Es gibt viele Theorien, und gerade das Unwissen über Chinas Absichten ist beunruhigend“, sagte der frühere US-Verteidigungsbeamte Drew Thompson der Nachrichtenagentur AP. „Wenn Informationen fehlen, entsteht Unsicherheit – und Unsicherheit erhöht das Risiko.“
Rätsel um Chinas Militäraktivität
Der Rückgang fällt zeitlich mit der jährlichen Sitzung des chinesischen Volkskongresses zusammen. Während wichtiger politischer Ereignisse oder Feiertage reduziert das Militär seine Aktivitäten in der Region gelegentlich. Beobachter halten jedoch auch andere Erklärungen für möglich. K. Tristan Tang vom National Bureau of Asian Research vermutet laut AP, dass Chinas Militär derzeit neue Formen gemeinsamer Übungen zwischen Luftwaffe, Marine und möglicherweise auch Bodentruppen erprobt. Solche Trainings könnten bewusst weiter entfernt von Taiwan stattfinden, um ausländische Beobachtung zu erschweren.
Auch politische Gründe werden diskutiert. US-Präsident Donald Trump will Ende März zu Gesprächen nach China reisen. Ein hochrangiger taiwanischer Sicherheitsbeamter sagte der Nachrichtenagentur Reuters, Peking wolle vor einem erwarteten Treffen zwischen Trump und Staatschef Xi Jinping den Eindruck von Friedfertigkeit vermitteln.
Andere Experten verweisen dagegen auf interne Entwicklungen im chinesischen Militär. Su Tzu-yun vom taiwanischen Verteidigungsforschungsinstitut hält laut Reuters Chinas laufende Antikorruptionskampagne in den Streitkräften für den wahrscheinlicheren Grund, da Umstrukturierungen in der Kommandokette die Einsatzbereitschaft beeinträchtigen könnten. Taiwanische Sicherheitskreise warnen jedoch, der Rückgang dürfe nicht als Entspannung missverstanden werden.
Taiwan bleibt wachsam
In Taipeh reagiert man dennoch vorsichtig. Verteidigungsminister Wellington Koo warnte davor, den Rückgang der Flugbewegungen als Entspannung zu interpretieren. Chinas Marine sei weiterhin in den Gewässern rund um Taiwan aktiv. „Wir können uns nicht auf ein einzelnes Signal wie das Ausbleiben von Flugzeugen verlassen“, sagte Koo. Taiwans Streitkräfte würden die Bewegungen der chinesischen Armee weiterhin genau beobachten.
China betrachtet Taiwan als Teil seines Staatsgebiets und droht seit Jahren mit einer möglichen militärischen „Wiedervereinigung“. Die demokratisch regierte Insel mit rund 23 Millionen Einwohnern weist diese Ansprüche zurück.
Die Spannungen um Taiwan gehören zu den heikelsten Konfliktlinien zwischen China und den USA. Peking betrachtet die demokratisch regierte Insel als Teil seines Staatsgebiets und schließt eine militärische „Wiedervereinigung“ langfristig nicht aus. Die USA dagegen unterstützen Taiwan politisch und militärisch und warnen China vor einem Versuch, den Status der Insel mit Gewalt zu verändern. Vor diesem Hintergrund beobachten Militärs und Analysten jede Veränderung der chinesischen Aktivitäten rund um Taiwan besonders genau.


