Der staatliche katarische Energiekonzern QatarEnergy hat am Dienstag mitgeteilt, dass er bei einigen seiner langfristigen Lieferverträge für Flüssigerdgas Force majeure erklären muss. Der Begriff bedeutet, dass ein Unternehmen vertragliche Pflichten wegen außergewöhnlicher Umstände vorübergehend nicht erfüllen kann. Betroffen sind nach Angaben von Reuters Kunden in Italien, Belgien, Südkorea und China.
Auslöser sind schwere Schäden an den Produktionsanlagen im Industriekomplex Ras Laffan, der weltweit größten LNG-Anlage. Iranische Raketenangriffe haben laut QatarEnergys Vorstandschef Saad al-Kaabi 17 Prozent der katarischen LNG-Exportkapazität zerstört. Der geschätzte jährliche Umsatzausfall beläuft sich auf rund 20 Milliarden US-Dollar. Die Ausfälle könnten drei bis fünf Jahre andauern.
Ras Laffan ist Katars zentrales Industriegebiet für Flüssiggas. Die Anlagen und der Hafen dort gehören zu den wichtigsten Standorten des Landes für Verarbeitung und Export von LNG.
Die Öl- und Gasinfrastruktur der Golfstaaten gilt in regionalen Krisen als besonders verwundbar. Angriffe auf Raffinerien, Gasfelder, Häfen oder Exportanlagen können unmittelbar Folgen für Energiepreise und Lieferketten haben.
Verschärfend kommt die faktische iranische Blockade der Straße von Hormus hinzu. Durch die Meerenge zwischen Iran und Oman läuft regelmäßig ein erheblicher Teil des weltweiten Öl- und Gastransports.
Italien verhandelt über Ersatzlieferungen
Besonders konkret sind die Folgen für Italien. Der Energieversorger Edison, eine Tochter des französischen Konzerns EDF, bezieht über einen Langfristvertrag mit QatarEnergy jährlich 6,4 Milliarden Kubikmeter Gas. Das entspricht knapp zehn Prozent des italienischen Jahresverbrauchs. QatarEnergy hatte Edison bereits vor dem jetzigen Schritt signalisiert, seine Lieferverpflichtungen für April nicht einhalten zu können.
Italiens Energieminister Gilberto Pichetto Fratin sagte am 20. März bei einer Veranstaltung in Mailand, sein Land führe Gespräche mit den Vereinigten Staaten, Aserbaidschan und Algerien, um die ausfallenden Mengen zu ersetzen. Nach Reuters verwies er dabei auch auf den starken Druck auf die Preise.
Zugleich betonte der Minister, Italien wolle trotz der Engpässe nicht zu russischem Gas zurückkehren. Auch auf EU-Ebene bleibt diese Linie bestehen.
Europa trifft der Ausfall vor allem indirekt
Katar produziert rund 20 Prozent des weltweit gehandelten LNG. Für die EU war das Land 2025 mit einem Anteil von etwa vier Prozent am gesamten Gasbezug und rund neun Prozent an den LNG-Importen ein relevanter, aber nicht dominierender Lieferant. Da asiatische Abnehmer rund 80 Prozent des katarischen LNG beziehen, verschärft sich nach Einschätzung von Reuters der Wettbewerb um verfügbare Mengen auf dem Spotmarkt auch für europäische Käufer.
Kurzfristig sind die Ausweichmöglichkeiten begrenzt. Auch Norwegens staatlicher Produzent Equinor sieht nach Reuters derzeit kaum Spielraum für zusätzliche Lieferungen nach Europa. US-Anlagen arbeiten ebenfalls nahe der Vollauslastung. Die europäischen Großhandelspreise für Gas haben sich seit Beginn des Iran-Kriegs am 28. Februar verdoppelt. Der niederländische Referenzkontrakt erreichte am 19. März mit 74 Euro pro Megawattstunde den höchsten Stand seit Januar 2023, liegt aber weiter deutlich unter den Spitzenwerten der Energiekrise 2022.
EU: Russisches Gas bleibt tabu
Einige EU-Staaten wie Ungarn drängen darauf, die Beschränkungen für russische Energieimporte zu lockern. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete eine Rückkehr zu russischer Energie am 11. März laut Reuters als strategischen Fehler. Russland lieferte 2025 noch rund 13 Prozent des EU-Gases, nachdem der Anteil vor dem Einmarsch in die Ukraine bei mehr als 40 Prozent gelegen hatte. Die EU will russische Gasimporte bis Ende 2027 beenden.


