Es ist ein deutsches Frühjahrsritual. Irgendwann zwischen April und Mai tritt der Bundesinnenminister vor die Mikrofone, hält ein dickes Heft in die Höhe und verkündet, was die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) angeblich beweist: dass Deutschland sicherer geworden ist. Oder unsicherer. Je nach politischem Bedarf. Wenige Stunden später haben Talkshows, Pressemitteilungen und soziale Netzwerke die Zahlen zerlegt – und meist auch ramponiert.
Dabei ist die PKS ein nüchternes Werkzeug. Die PKS wird seit 1953 veröffentlicht und enthält neben Straftaten, Tatverdächtigen und Aufklärungsergebnissen auch Angaben etwa zu Tatort, Tatzeit, Opfern und Schäden. Genau dort beginnt das Problem.
Was die PKS kann – und was nicht
Die PKS misst nicht die Kriminalität. Sie misst, was die Polizei davon mitbekommt. Das sogenannte Hellfeld. Nicht angezeigte oder unentdeckte Straftaten fallen aus der PKS heraus; spätere Gerichtsentscheidungen verändern die PKS dagegen nicht mehr. Rund 30 Prozent der Tatverdächtigen werden am Ende verurteilt. Der Rest taucht in der PKS trotzdem als „Fall“ auf.
Hinzu kommen strukturelle Verzerrungen, die das BKA selbst offen einräumt: Anzeigeverhalten schwankt, Kontrolldichte verändert sich, Gesetze werden geändert. Wer mehr kontrolliert, findet mehr. Wer weniger kontrolliert, findet weniger. Das berühmte „Lüchow-Dannenberg-Syndrom“ – die statistische Kriminalitätsexplosion in einem niedersächsischen Landkreis nach massiver Polizeiaufstockung wegen Gorleben – ist das Lehrbuchbeispiel dafür, wie eine Statistik Realität nicht abbildet, sondern erzeugt.
Soweit die Theorie. In der politischen Praxis ist die PKS längst etwas anderes: ein Steinbruch, aus dem sich jeder herausschlägt, was er gerade braucht.
Die linke Verkürzung: Wer nicht hinschaut, sieht nichts
Einerseits stehen jene, die sich gegen die Erfassung von Nationalität und Herkunft aussprechen oder zumindest deren Veröffentlichung kritisieren. Das Argument: Solche Daten würden Stigmatisierung befördern, rassistische Narrative verstärken, Menschen pauschal verdächtig machen. Wie das enden kann, haben wir gerade nach einer mutmaßlichen Vergewaltigung in einem Jugendklub in Berlin-Neukölln gesehen. Der Verweis auf den Pressekodex, der Nationalitätsnennungen nur bei begründetem Sachbezug vorsieht, gehört zum Standardrepertoire.
Das ist – in Teilen – nachvollziehbar. Wer die Tatverdächtigenbelastungszahl von „Nichtdeutschen“ unkommentiert neben den Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung legt, rechnet methodisch falsch. Methodisch problematisch ist vorwiegend, dass unter den nicht-deutschen Tatverdächtigen auch nicht gemeldete Gruppen wie Touristen, Pendler oder Stationierungskräfte sein können. Brandenburg musste 2025 seine eigene Statistik nach unten korrigieren, weil genau dieser Fehler unterlaufen war. Die Belastungszahl der nicht-deutschen Brandenburger halbierte sich über Nacht.
Doch wer aus diesem methodischen Problem ableitet, man solle Nationalität am besten gar nicht mehr erfassen, macht es sich zu leicht. Eine Statistik, die Realität bewusst ausblendet, weil das Ergebnis unbequem sein könnte, wird nicht differenzierter – sie wird blind. Und sie überlässt das Feld jenen, die mit Halbwahrheiten arbeiten.
Die rechte Verkürzung: Aus „nicht-deutsch“ wird „muslimisch“
Das Lehrbuchbeispiel dieser zweiten Verkürzung lieferte die AfD-Bundestagsfraktion zur PKS 2025 frei Haus: „Nichtdeutsche Tatverdächtige weisen eine 2,6-fach höhere Kriminalitätsbelastung auf, bei Gewaltkriminalität sogar eine vierfach erhöhte.“ Daraus wird ein Bogen zu „Merkels migrationspolitischer Fehlentscheidung von 2015“ geschlagen.
Von dort aus ist es, wie ein Blick in einschlägige Social-Media-Konten zeigt, nur ein Schritt zur „muslimischen Migration“. Die PKS aber sagt nichts über Religion. Sie sagt etwas über Staatsangehörigkeit. Und die kriminologische Forschung zeigt seit Jahrzehnten konstant drei Faktoren, die Kriminalitätsbelastung erklären – Alter, Geschlecht, soziale Lage. Junge Männer in prekären Verhältnissen sind überall auf der Welt überrepräsentiert.
Genau diese Gruppe ist unter Geflüchteten besonders stark vertreten. Wer das ignoriert und stattdessen aus „nicht deutsch“ pauschal „muslimisch“ macht, betreibt keine Sicherheitspolitik, sondern Identitätspolitik mit polizeilichem Datenmaterial.
Wer das ignoriert und stattdessen aus „nicht deutsch“ pauschal „muslimisch“ macht, betreibt keine Sicherheitspolitik, sondern Identitätspolitik mit polizeilichem Datenmaterial.
Hinzu kommt: Bestimmte Delikte – Verstöße gegen das Aufenthaltsrecht – können Deutsche schlicht nicht begehen. Sie fließen aber in die Gesamtbilanz ein. Wer das nicht herausrechnet, vergleicht Äpfel mit Birnen und nennt das Ergebnis Wahrheit.
Schwache Statistik, schwacher Journalismus
Hier liegt der eigentliche Kern des Problems. Die PKS ist eine Ausgangsstatistik der Polizei – mit allen ihr eigenen Schwächen. Das ist kein Skandal, sondern bekannt. Kritisch wird es erst, wenn diese defizitäre Statistik auf eine Berichterstattung trifft, die weder Zeit noch Lust noch Personal hat, Methodik zu erklären. Oder Einzelphänomene, etwa, dass 79 Mordfälle einer einzigen Berliner Mordserie eines Palliativmediziners zugerechnet werden. Wenn „Messerkriminalität“ zur Dauerschlagzeile wird, ohne zu erwähnen, dass diese Kategorie überhaupt erst seit wenigen Jahren konsistent erfasst wird – belastbare Langzeitvergleiche also gar nicht möglich sind.
Eine schwache Statistik plus schwacher Journalismus ergeben nicht Aufklärung, sondern eine Verstärkermaschine für politische Narrative. Beide Seiten profitieren davon: Die einen können „Verharmlosung“ rufen, die anderen „Hetze“. Für eine sachliche Debatte über innere Sicherheit ist diese Mischung Gift.
Die Pointe aus Wien
Wer glaubt, das sei ein deutsches Phänomen, möge nach Österreich blicken. Auch dort wird über „Ausländerkriminalität“ diskutiert, mit ähnlicher Inbrunst und ähnlich groben Vereinfachungen. Nur stehen in den österreichischen Statistiken bei einzelnen Deliktgruppen regelmäßig – Trommelwirbel – die Deutschen mit im Spitzenfeld.
Mal bei Verkehrsdelikten, mal bei bestimmten Eigentumsdelikten. Kein österreichischer Boulevard käme deshalb auf die Idee, „die Deutschen“ zum Sicherheitsproblem zu erklären. Man weiß: Es liegt am Transitverkehr, an Tourismus, an Zweitwohnsitzen, an der schieren Zahl deutscher Staatsbürger, die jährlich die Grenze queren.
Erstaunlich, wie analytisch klar man sein kann, wenn die eigene Gruppe in der Statistik oben steht.
Genau das wäre die Mindestanforderung an eine ehrliche Debatte über die PKS in Deutschland: derselbe nüchterne Blick, der in Österreich auf deutsche Tatverdächtige geworfen wird, auch auf alle anderen Gruppen. Mit Kontext, mit Demografie, mit sozialer Lage, mit Kontrollintensität. Ohne Tabu, aber auch ohne Pauschale.
Die PKS kann das nicht leisten. Sie ist ein Werkzeug, kein Urteil. Wer mehr aus ihr herauslesen will, als sie hergibt, sagt am Ende mehr über sich selbst aus als über die Kriminalität in Deutschland.

