Archäologie

Pestgräber in Basel: Junge Arbeiter aus unteren Schichten starben am häufigsten

DNA-Analysen an Skeletten unter dem Basler Stadtcasino weisen den Pesterreger nach. Die Toten waren im Schnitt 17 Jahre alt und zeigten Spuren harter körperlicher Arbeit.

Blick auf Basel: Unter dem heutigen Stadtcasino entdeckten Archäologen Gräber aus der letzten dokumentierten Pestwelle der Schweiz im 17. Jahrhundert.
Blick auf Basel: Unter dem heutigen Stadtcasino entdeckten Archäologen Gräber aus der letzten dokumentierten Pestwelle der Schweiz im 17. Jahrhundert.Georgios Kefalas/dpa

Skelette aus Gräbern unter dem Basler Stadtcasino, dem Basler Konzerthaus, lassen sich dem letzten dokumentierten Pestausbruch der Schweiz zwischen 1665 und 1670 zuordnen. Das belegt eine am 14. April in der Fachzeitschrift „Antiquity“ veröffentlichte Studie eines Teams um die Archäoanthropologin Laura Rindlisbacher von der Universität Basel. Unter den Toten waren demnach vor allem junge, körperlich belastete Menschen niedriger sozialer Stellung.

Im Kreuzgarten des ehemaligen Barfüsserklosters, des Franziskanerklosters in Basel, das im 17. Jahrhundert als Spital diente, hatten Grabungen der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt über 260 neuzeitliche Gräber freigelegt. In mehreren Gruben lagen bis zu sieben Tote gleichzeitig. Eine DNA-Analyse wies bei mindestens fünf Individuen den Pesterreger Yersinia pestis nach.

Tonpfeife datiert die Gräber

Eine gestempelte Tonpfeife half bei der zeitlichen Einordnung. Der Stempel lässt sich laut der „Antiquity“-Studie dem Mannheimer Pfeifenmacher Reichard West zuordnen, der laut Ratsprotokollen zwischen 1673 und 1675 tätig war. Da Tonpfeifen wegen ihrer Zerbrechlichkeit selten länger als drei Jahre genutzt wurden, grenzt der Fund den Bestattungszeitraum ein.

Das Durchschnittsalter der 15 untersuchten Personen lag bei 17,7 Jahren. Trotz ihres jungen Alters zeigten die Skelette degenerative Veränderungen an Wirbelsäule und Gelenken, Zahnverschleiss durch den Einsatz der Zähne als Werkzeug sowie Schmelzdefekte, die auf Mangelernährung in der Kindheit hindeuten. „Es handelte sich überwiegend um Jugendliche, die bereits körperlich anspruchsvolle Arbeit verrichteten. Das ist ein Indiz für einen niedrigen sozialen Status“, sagte Rindlisbacher laut einer Mitteilung der Universität Basel.

Arbeitsbelastung als Risikofaktor

Die Arbeitsbelastung sei einer der wichtigsten Faktoren für die Verwundbarkeit während einer Epidemie gewesen, erklärte Rindlisbacher. „Wenn jemand arbeiten muss, um zu überleben, kann selbst die Gefahr, sich mit einer tödlichen Krankheit anzustecken, diese Personen nicht von der Arbeit abhalten.“ Die Befunde legen nahe, dass sich Jugendliche aus unteren Schichten, die arbeiten mussten, daher häufiger infizierten und häufiger starben.

Historische Quellen aus dem Basler Staatsarchiv stützen den Befund. Der Stadtarzt Felix Platter hatte für die Pestepidemie von 1610/1611 detaillierte Zahlen hinterlassen: Rund 60 Prozent der Infizierten in den Basler Vorstädten waren unter 20 Jahre alt; ungefähr ebenso hoch war ihr Anteil unter den Toten. Ihre Sterblichkeitsrate lag bei 72 Prozent, die der Erwachsenen bei 54 Prozent.

Die Studie rekonstruierte zudem das Erbgut des Erregers aus einer Bestattung. Der Basler Stamm erwies sich laut Genomanalyse als eng verwandt mit Stämmen aus Pestgräbern in London und Marseille.