Elon Musk nennt ihn inzwischen öffentlich „Scam Altman“, also etwa als „Betrüger“ oder „Abzocker“. Sam Altman kontert auf X mit Spott über Musks gescheiterten Versuch, OpenAI zu kaufen. Was wie ein weiterer Egotrip zweier Tech-Milliardäre wirkt, landet nun vor Gericht – mit möglichen Folgen für die Zukunft der KI-Branche.
Am Dienstag hat in Oakland im US-Bundesstaat Kalifornien ein auf mehrere Wochen angesetzter Prozess zwischen Musk und OpenAI begonnen. Im Kern geht es um die Frage, ob das Unternehmen hinter ChatGPT seine ursprüngliche Mission verraten hat. Musk fordert Milliarden US-Dollar Schadenersatz und einen Umbau der Unternehmensführung. OpenAI weist die Vorwürfe zurück und wirft Musk vor, aus Konkurrenzdenken gegen einen Rivalen vorzugehen.
US-Medien wie die New York Times, Bloomberg und CNN berichten ausführlich über den Prozess. Besonders die BBC zeichnet jedoch nach, wie eng Musk und Altman einst zusammenarbeiteten – und warum ihre Beziehung vollständig zerbrach.
Vom gemeinsamen Projekt zur Feindschaft
Als OpenAI 2015 gegründet wurde, galt das Projekt als Gegenmodell zu den großen Tech-Konzernen. Musk, Altman und weitere Mitgründer wollten Künstliche Intelligenz entwickeln, die „der gesamten Menschheit“ zugutekommen sollte. Die Organisation war zunächst als Non-Profit aufgebaut.
Damals standen beide Männer noch für unterschiedliche Rollen im Silicon Valley. Musk war längst ein globaler Superstar der Techbranche, gefeiert für Tesla und SpaceX. Altman dagegen war vor allem in der Start-up-Szene bekannt. Als Chef des Gründerzentrums Y Combinator galt er als einflussreicher Strippenzieher hinter vielen jungen Technologieunternehmen.
Laut BBC soll Altman Musk die Idee zu OpenAI vorgestellt haben. Beide verband damals die Sorge, dass KI außer Kontrolle geraten könnte. Musk warnte schon früh öffentlich vor den Risiken der Technologie. Bei einem gemeinsamen Auftritt 2015 bezeichnete er KI als die Technologie, die „die Menschheit am stärksten verändern könnte“, zugleich aber als „gefährlich“ und „voller Risiken“. Doch intern verschärften sich bald die Konflikte.
Streit um Macht und Geld
OpenAI argumentiert heute, dass sich die Führung des Unternehmens schon 2017 einig gewesen sei, eine stärker gewinnorientierte Struktur aufzubauen, um die enormen Entwicklungskosten stemmen zu können. Musk habe dabei selbst eine zentrale Rolle gespielt. Nach Darstellung von OpenAI verlangte Musk damals weitreichende Kontrolle über die Firma und wollte Vorstandschef werden. Das hätten die anderen Verantwortlichen abgelehnt, schreibt die BBC.
2018 verließ Musk das Unternehmen. In einer E-Mail schrieb er laut Gerichtsunterlagen: „Leute, ich habe genug.“
Musk behauptet inzwischen, er sei manipuliert worden. Er habe rund 40 Millionen US-Dollar in OpenAI investiert, weil ihm zugesichert worden sei, dass die Organisation gemeinnützig bleibe. Stattdessen habe sich OpenAI schrittweise zu einem Konzern entwickelt, der vor allem Profite maximieren wolle – insbesondere zugunsten des Partners Microsoft. Tatsächlich investierte Microsoft später Milliarden in OpenAI und integrierte die Technologie in zahlreiche eigene Produkte.
ChatGPT verändert alles
Der Bruch eskalierte endgültig mit dem Erfolg von ChatGPT. Als OpenAI den Chatbot Ende 2022 veröffentlichte, begann der weltweite KI-Boom. Innerhalb weniger Monate erreichte ChatGPT laut Unternehmensangaben mehr als 100 Millionen aktive Nutzer pro Monat. Altman wurde schlagartig zum bekanntesten Gesicht der KI-Industrie.
Musk stand plötzlich außen vor. Der Tesla-Chef gründete daraufhin seine eigene KI-Firma xAI. Deren Chatbot Grok konnte bislang allerdings nicht mit ChatGPT oder Googles Gemini mithalten. Genau das spielt im Prozess nun eine zentrale Rolle. Die EU-Kommission hatte im Januar sogar Ermittlungen gegen X eingeleitet. Der Vorwurf: Grok soll sexualisierte KI-Bilder von Kindern und Frauen erstellt haben.
OpenAI argumentiert, Musk wolle mit seiner gegründeten KI-Firma xAI einen direkten Konkurrenten schwächen. Mehrere Rechtsexperten halten diesen Punkt für relevant. Die Richterin Yvonne Gonzalez Rogers deutete bereits im Vorfeld an, dass Musks eigene Geschäftsinteressen eine Rolle spielen könnten. Besonders heikel: Musk versuchte im vergangenen Jahr selbst, OpenAI zu übernehmen. Ein Konsortium um den Unternehmer bot laut US-Medien 97,4 Milliarden US-Dollar für die Vermögenswerte des Unternehmens. OpenAI lehnte ab.
Altman spottete anschließend auf X: „Nein danke, aber wir kaufen Twitter für 9,74 Milliarden US-Dollar, wenn du willst.“ Musk antwortete knapp: „Betrüger.“
Prominente Zeugen und bizarre Details
Im Prozess sollen zahlreiche prominente Figuren aus der Techbranche aussagen. Erwartet werden unter anderem Microsoft-Chef Satya Nadella, die frühere OpenAI-Managerin Mira Murati und Mitgründer Ilya Sutskever. Auch Shivon Zilis, ehemalige OpenAI-Verwaltungsrätin und Mutter von vier Kindern Musks, könnte eine Rolle spielen.
Bereits vor Prozessbeginn tauchten zahlreiche skurrile Details in US-Medien auf. Die Richterin untersagte etwa, Musks angeblichen Konsum von Ketamin vor der Jury zu thematisieren. Zudem sorgte die ungewöhnliche Zusammensetzung von Musks Anwaltsteam für Schlagzeilen: Einer seiner Juristen tritt laut Business Insider in seiner Freizeit als Clown auf, ein anderer produziert Hollywoodfilme.
Warum der Prozess weit über Musk und Altman hinausgeht
Hinter den persönlichen Angriffen steht ein Machtkampf um eine Technologie, die zunehmend Wirtschaft, Militär, Bildung und Arbeitswelt verändert. Im Zentrum des Verfahrens steht die Frage, wem eine mögliche „Artificial General Intelligence“ – also eine KI mit menschenähnlichen oder überlegenen Fähigkeiten – dienen soll: privaten Investoren, einzelnen Konzernen oder der Allgemeinheit.
Die UCLA-Expertin Rose Chan Loui sagte der BBC, ein Sieg Musks könnte einen wichtigen Konkurrenten im Rennen um solche Systeme schwächen. „Wer dieses Rennen gewinnt, wird enorme Macht besitzen“, sagte sie.
Genau deshalb wird der Prozess im Silicon Valley aufmerksam verfolgt. Denn erstmals geht es vor Gericht nicht nur um Geld oder Unternehmensanteile, sondern um die Grundsatzfrage, wer die Kontrolle über die nächste technologische Revolution bekommt.


