Bericht

Nordkorea: Kim Jong-un baut seine Teenager-Tochter zur Nachfolgerin auf

Südkoreas Geheimdienst spricht von „glaubwürdigen Informationen“. Auftritte der etwa 13-Jährigen bei Militärübungen gelten als gezielte Inszenierung.

Kim Jong-un besucht Mitte März zusammen mit seiner Tochter Kim Ju-ae (2.v.r) einen militärischen Ausbildungsstützpunkt.
Kim Jong-un besucht Mitte März zusammen mit seiner Tochter Kim Ju-ae (2.v.r) einen militärischen Ausbildungsstützpunkt.KCNA/KNS/dpa

Südkoreas Geheimdienst geht davon aus, dass die Tochter von Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un als mögliche Nachfolgerin aufgebaut wird. Die Einschätzung stütze sich auf „glaubwürdige Informationen“ und nicht nur auf Indizien, teilten Abgeordnete nach einer vertraulichen Unterrichtung durch den Geheimdienst NIS mit, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet.

Die Analyse markiert eine Verschärfung früherer Einschätzungen. Bislang war lediglich davon ausgegangen worden, dass Kim Ju-ae möglicherweise auf eine spätere Führungsrolle vorbereitet wird. Nun sehen die südkoreanischen Behörden offenbar konkrete Hinweise auf eine gezielte Nachfolgeplanung.

Nordkorea: Militär als Bühne der Machtdemonstration

Im Zentrum der neuen Bewertung stehen wiederholte öffentliche Auftritte der etwa 13-Jährigen bei militärischen Terminen. Nordkoreas Staatsmedien hatten zuletzt Bilder veröffentlicht, die Kim Ju-ae gemeinsam mit ihrem Vater beim Steuern eines Panzers zeigen.

Zuvor war sie bereits bei Schießübungen mit Gewehr und Pistole zu sehen. Nach Angaben des Geheimdienstes sollen diese Inszenierungen ihre militärische Eignung demonstrieren und zugleich Zweifel an einer weiblichen Nachfolge ausräumen.

Die Auftritte erinnern nach Einschätzung südkoreanischer Abgeordneter an die frühen Jahre Kim Jong-uns, der vor seiner Machtübernahme ebenfalls gezielt bei Militärterminen präsentiert wurde. Solche Bilder dienen in Nordkorea traditionell dazu, Stärke zu zeigen und die Loyalität der Streitkräfte zu sichern.

Kim Jong-un, der zusammen mit seiner Tochter Kim Ju-ae (vorne) mit einem Panzer auf einem militärischen Ausbildungsstützpunkt fährt.
Kim Jong-un, der zusammen mit seiner Tochter Kim Ju-ae (vorne) mit einem Panzer auf einem militärischen Ausbildungsstützpunkt fährt.KCNA/KNS/dpa

Aufbau einer Nachfolge-Erzählung

Der Geheimdienst geht davon aus, dass Kim Ju-ae bereits jetzt eine herausgehobene Stellung innerhalb des Machtapparats einnimmt. Abgeordnete erklärten nach der Unterrichtung, sie werde faktisch wie die zweitwichtigste Person im Staat behandelt.

Ihre zunehmende Präsenz soll demnach helfen, eine Nachfolge-Erzählung aufzubauen und die Bevölkerung schrittweise an eine neue Führungspersönlichkeit zu gewöhnen. Gerade in einem stark auf Personenkult ausgerichteten System wie Nordkorea gilt diese öffentliche Inszenierung als zentraler Bestandteil politischer Macht.

Kim Ju-ae, Tochter von Machthaber Kim Jong-un, beim Schießtraining mit einer Pistole
Kim Ju-ae, Tochter von Machthaber Kim Jong-un, beim Schießtraining mit einer PistoleKCNA/KNS/imago

Experten mahnen zur Vorsicht

Trotz der neuen Einschätzung warnen einige Beobachter vor voreiligen Schlüssen. Der Nordkorea-Analyst Hong Min vom Korea Institute for National Unification erklärte laut Reuters, die bisherigen Auftritte reichten nicht aus, um eine endgültige Entscheidung über die Nachfolge zu belegen.

Anders als Kim Jong-un in der Phase vor seiner Machtübernahme trete seine Tochter bislang nicht eigenständig auf. Sie erscheine stets an der Seite ihres Vaters, nicht als eigenständige politische Figur.

Dynastie wichtiger als Geschlecht

Grundsätzlich gilt eine weibliche Nachfolge in Nordkorea als möglich, auch wenn sie historisch neu wäre. Entscheidend ist weniger das Geschlecht als die Zugehörigkeit zur sogenannten Baekdu-Blutlinie der Kim-Familie.

Als Tochter Kim Jong-uns erfüllt Kim Ju-ae dieses zentrale Kriterium. Beobachter sehen darin einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen möglichen Kandidaten.

Unklar bleibt jedoch die Rolle von Kim Yo-jong, der einflussreichen Schwester des Machthabers. Der südkoreanische Geheimdienst sieht laut Reuters derzeit keine Hinweise darauf, dass sie eigenständig Macht ausübt oder die Entwicklung zugunsten von Kim Ju-ae infrage stellt.