Immer mehr Menschen verlassen Neuseeland. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Auswanderer deutlich gestiegen – inzwischen betrifft der Trend nicht mehr nur junge Menschen, sondern zunehmend auch Berufstätige mittleren Alters. Selbst die frühere Premierministerin Jacinda Ardern hat das Land inzwischen verlassen.
Arderns Büro bestätigte vergangene Woche, dass die 45-Jährige mit ihrer Familie nach Sydney gezogen ist. Zuvor war sie in den wohlhabenden nördlichen Strandvororten der australischen Metropole auf Wohnungssuche gesehen worden. Die ehemalige Regierungschefin wird damit zu einem prominenten Beispiel für einen Trend, der Neuseeland zunehmend beschäftigt.
Nach Angaben von Demografen hat sich die Zahl der Auswanderer im Alter zwischen 30 und 50 Jahren innerhalb von vier Jahren mehr als verdoppelt – von rund 18.000 auf etwa 43.000. Insgesamt verließen im Jahr bis November 2025 rund 122.000 Menschen das Land. Das ist mehr als in früheren Auswanderungswellen,berichtet CNN.
„Das ist ein ungewöhnlicher Trend“
Traditionell verließen dem CNN-Bericht vor allem junge Neuseeländer ihre Heimat für einige Jahre, um im Ausland zu arbeiten und zu reisen – eine Erfahrung, die im Land als „Big OE“, also „Overseas Experience“, bekannt ist. Heute entscheiden sich jedoch immer häufiger Menschen mit Familie und etablierten Karrieren für einen dauerhaften Umzug.
„Das ist ein ungewöhnlicher Trend“, sagte der Ökonom Brad Olsen vom Wirtschaftsforschungsinstitut Infometrics gegenüber CNN. „Normalerweise sieht man eine Abwanderung von Menschen über 40 nur in wirklich schwierigen wirtschaftlichen Zeiten.“
Neuseeland ist zu teuer
Zu den wichtigsten Gründen zählen steigende Lebenshaltungskosten, eine schwächelnde Wirtschaft und ein schwieriger Arbeitsmarkt. Neuseeland steckt seit zwei Jahren in einer Phase schwachen Wachstums. Gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit zuletzt auf den höchsten Stand seit fast einem Jahrzehnt gestiegen.
Auch der Immobilienmarkt habe sich deutlich abgekühlt. In Städten wie Auckland und Wellington sind die Preise nach dem Boom während der Pandemie stark gefallen – in der Hauptstadt Wellington um fast 30 Prozent seit Anfang 2022.
Viele Neuseeländer ziehen nach Australien
Viele Auswanderer zieht es nach Australien. Rund 60 Prozent der Neuseeländer, die das Land verlassen, gehen nach CNN-Informationen dorthin. In Australien leben inzwischen etwa 670.000 neuseeländische Staatsbürger – rund 12,5 Prozent der Bevölkerung Neuseelands. Die wirtschaftlichen Unterschiede spielen eine große Rolle. Die Arbeitslosenquote liegt in Australien bei etwa 4,2 Prozent, in Neuseeland bei rund 5,4 Prozent. Gleichzeitig verdienen Vollzeitbeschäftigte in Australien im Durchschnitt deutlich mehr.
„Kiwis ziehen nicht mehr nur für ein paar Jahre ins Ausland“, sagte Mark Berger, Leiter des Umzugsdienstes NZRelo gegenüber CNN. „Viele bauen sich dort ein dauerhaftes neues Leben auf – in der Hoffnung auf mehr Stabilität und bessere Chancen.“
Trotz der wachsenden Abwanderung gewinnt Neuseeland insgesamt weiterhin leicht an Bevölkerung, weil mehr Menschen einwandern als auswandern. Doch Experten warnen, dass besonders der Wegzug gut ausgebildeter Menschen im mittleren Alter langfristig zum Problem werden könnte. „Diese Gruppe ist entscheidend für die Wirtschaft“, sagte Soziologe Paul Spoonley von der Massey University. „Wenn sie dauerhaft geht, verliert das Land Erfahrung, Wissen und Produktivität.“


