Ahmed Al-Scharaa, auch bekannt als Abu Mohammed al-Dscholani, der Anführer der Übergangsregierung in Syrien, hat sich erstmals öffentlich zu einem möglichen politischen Zeitplan für das Land geäußert. In einem Interview, das er dem saudischen Staatssender Al Arabya gab, stellte al-Scharaa Wahlen in vier Jahren in Aussicht. Der Anführer der Gruppe Hajat Tahrir al-Scham (HTS), die den Sturz von Machthaber Baschar al-Assad in Syrien angeführt hatte, nannte als Grund für den Termin, dass zunächst ein umfassender Zensus durchgeführt werden müsse.
Die Ausarbeitung einer neuen Verfassung könne bis zu drei Jahre dauern, sagte Sharaa zudem laut schriftlichen Auszügen aus dem Interview mit Al Arabiya, das später am Sonntag ausgestrahlt werden sollte. Weiter kündigte er an, dass es etwa ein Jahr dauern würde, bis die Syrer „drastische Veränderungen“ sehen würden.
Nachdem al-Scharaas Islamistengruppe HTS im Nordwesten Syriens jahrelang autoritär regiert hatte, gibt es Zweifel, ob eine freie und faire Wahl in Syrien stattfinden könnte. Während westliche Politiker das Ende der Herrschaft der Assad-Familie in Syrien weitgehend begrüßten, bleibt es unklar, ob die Gruppe eine strenge islamische Herrschaft durchsetzen oder sich in Richtung Demokratie bewegen wird.
HTS ging aus der Al-Nusra-Front hervor, einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Al-Scharaa distanzierte sich jedoch von Al-Kaida und der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) und kündigte an, die HTS offiziell auflösen zu wollen.
Syrien nach Jahren des Bürgerkriegs stark zersplittert
In dem Interview verteidigte sich al-Scharaa auch gegen die Kritik, wonach die Übergangsregierung einheitlich mit Unterstützern seiner Gruppe Hajat Tahrir al-Scham besetzt worden sei. Das arabische Land ist nach mehr als zehn Jahren Bürgerkrieg zersplittert und konfessionell stark gespalten. Die Einheitlichkeit der Ernennungen sei seiner Ansicht nach notwendig, um die Stabilität in dieser „kritischen Phase“ zu gewährleisten. „Die gegenwärtigen Ernennungen waren für diese Zeit unerlässlich und zielten nicht darauf ab, irgendjemanden auszuschließen“, sagte er. Die Idee einer Machtaufteilung zwischen verschiedenen Gruppen könne seiner Meinung nach den Übergangsprozess zum Scheitern bringen.
In Bezug auf Proteste bekräftigte al-Scharaa indes das Recht jedes Bürgers, seine Meinung friedlich zu äußern, solange die öffentlichen Einrichtungen unversehrt bleiben.

