Nahost

Hegseth unter Druck: Wie der US-Verteidigungsminister im Iran-Krieg die Kontrolle verliert

Iran-Krieg soll 25 Milliarden US-Dollar verschlungen haben. Nur 34 Prozent der Amerikaner unterstützen den Kurs. Doch Trump plant bereits neue Schläge.

Beschwichtigen ist nicht seines: US-Verteidigungsminister Hegseth
Beschwichtigen ist nicht seines: US-Verteidigungsminister HegsethAFP

Es war kein Auftritt, es war eine Eruption. Als Pete Hegseth am Mittwoch (Ortszeit) vor dem Streitkräfteausschuss des US-Repräsentantenhauses Platz nahm, wirkte der US-Verteidigungsminister weniger wie der Architekt eines militärischen Triumphs, sondern eher wie ein Mann, dem das Wasser bis zum Hals steht. „Die größte Herausforderung, der größte Gegner, dem wir an diesem Punkt gegenüberstehen, sind die rücksichtslosen, kraftlosen und defätistischen Worte der Kongress-Demokraten und einiger Republikaner“, – so seine Attacke, noch bevor die erste Frage gestellt werden konnte.

Wer so beginnt, hat etwas zu verbergen. Oder zu verlieren.

Die nüchternen Zahlen hinter dem martialischen Ton

Was Hegseths Auftritt so aufschlussreich macht, sind weniger seine Tiraden als die Zahlen, die seine eigenen Beamten präsentieren mussten. Der Krieg hat nach Angaben des amtierenden Pentagon-Comptrollers bislang rund 25 Milliarden US-Dollar gekostet – hauptsächlich aufgrund der tausenden Munitionseinheiten, die für Schläge gegen mehr als 13.000 Ziele in der gemeinsamen US-israelischen Kampagne eingesetzt wurden. Zum Vergleich: Die 25 US-Milliarden US-Dollar entsprechen dem gesamten Jahresbudget der Nasa.

Noch brisanter: Diese Summe ist schwer mit früheren Schätzungen in Einklang zu bringen. Demnach sollen allein die ersten sechs Kriegstage die USA mindestens 11,3 Milliarden US-Dollar gekostet haben. Entweder rechnet das Pentagon kreativ – oder die operative Schlagkraft der USA ist drastisch zurückgegangen.

Hinzu kommen die menschlichen Verluste: Dreizehn US-Soldaten sind im Konflikt gefallen, Hunderte wurden verwundet. Eine inzwischen geheime Liste, die Hegseth nicht gerne zitiert. Nur 34 Prozent der Amerikaner befürworten den Konflikt mit dem Iran – ein Rückgang um 36 bzw. 38 Prozent im Vergleich zu Mitte April bzw. Mitte März, wie eine aktuelle Reuters/Ipsos-Umfrage ergab.

Ein Krieg ohne Plan, ein Plan ohne Ausweg

Die zentrale Schwäche der Trump-Administration legte ausgerechnet ein Demokrat offen. „Wo führt das hin? Was ist der Plan, um unsere Ziele zu erreichen?“, fragte Adam Smith, das ranghöchste demokratische Mitglied des Ausschusses. Eine Antwort blieb Hegseth schuldig.

Stattdessen Pathos: Der Iran-Krieg sei ein „erstaunlicher militärischer Erfolg“ und die Kosten wert, wenn er den Iran daran hindere, eine Atomwaffe zu erlangen. „Meine Generation versteht, wie lange wir im Irak waren, wie lange wir in Afghanistan waren, wie lange wir in Vietnam waren“, argumentierte er – ein Satz, der wie eine freudsche Fehlleistung wirkt. Denn genau diese Parallele wollte er eigentlich vermeiden.

Trump selbst hat sich verheddert: Ursprünglich projektierte er die Operation auf etwa vier oder fünf Wochen, hat den Zeitrahmen aber zu verschiedenen Zeitpunkten im Konflikt verschoben. Die Regierung bat den Kongress vor Beginn der Angriffe Ende Februar nicht um die Autorisierung des Krieges.

Ein verräterisches Detail sind die neuen Militäroptionen

Wer wissen will, wie nervös das Weiße Haus tatsächlich ist, muss auf eine Meldung schauen, die parallel zu Hegseths Auftritt durchsickerte. Demnach soll US-Präsident Donald Trump am Donnerstag ein Briefing über Pläne für eine Reihe von Militärschlägen gegen den Iran erhalten haben – in der Hoffnung, dass dieser an den Verhandlungstisch über sein Atomprogramm zurückkehrt. Die Märkte reagierten prompt: Brent-Rohöl-Futures stiegen um bis zu sieben Prozent.

Das ist die eigentliche Botschaft: Die USA haben den Iran nicht in die Knie gezwungen. Im Gegenteil. Die Gespräche zur Lösung des Konflikts, der Tausende getötet und laut Analysten die größte globale Energiekrise der modernen Geschichte provoziert hat, sind festgefahren. Die USA bestehen auf der Diskussion des angeblichen iranischen Atomwaffenprogramms, während der Iran eine gewisse Kontrolle über die Straße sowie Reparationen für Kriegsschäden fordert.

Die deutsche Dimension: Inflation, Energie, Bündnistreue. Was nach Washingtoner Innenpolitik klingt, hat handfeste Folgen für die Bundesrepublik. Die Aussichten auf eine baldige Lösung des Iran-Konflikts oder eine Wiederöffnung der Straße von Hormus bleiben düster – und damit auch die Aussichten auf bezahlbare Energiepreise.

Asien ächzt bereits: Die Asiatische Entwicklungsbank hat ihre Wachstumsprognose für die Region von 5,1 auf 4,7 Prozent gesenkt und ihre Inflationsprojektionen von 3,6 auf 5,2 Prozent erhöht. Millionen, wenn nicht Milliarden Menschen leiden bereits unter erhöhten Treibstoffpreisen sowie höheren Preisen für Grundgüter. Europa steht erst am Anfang dieser Welle.

Pikant für Berlin ist, dass Trump sagt, die USA „prüften die mögliche Reduzierung der Truppen in Deutschland“, da die Spannungen mit Bundeskanzler Friedrich Merz wegen des Iran-Krieges wachsen. Wer in Berlin Trumps Kriegskurs kritisiert, wird sicherheitspolitisch bestraft. Eine Drohkulisse, die Deutschland in eine Zwickmühle bringt: ökonomische Vernunft gegen sicherheitspolitische Abhängigkeit.

Welche Auswege bleiben?

Erstens: der unilaterale Sieg. US-Geheimdienste, die von hochrangigen Regierungsvertretern beauftragt wurden, untersuchen, wie der Iran reagieren würde, wenn Trump einen einseitigen Sieg erklärt. Dies wäre eine Übung zur Gesichtswahrung, die es Trump erlauben würde, vor den Midterms im November einen Erfolg zu verkaufen, ohne reale Konzessionen erreicht zu haben.

Zweitens: die multilaterale Einbindung. US-Außenminister Marco Rubio hat die Schaffung eines „Maritime Freedom Construct“ (MFC) genehmigt, einer gemeinsamen Initiative von Außenministerium und Pentagon.

Diese soll einen kritischen ersten Schritt zur Etablierung einer maritimen Sicherheitsarchitektur für die Zeit nach dem Konflikt darstellen. Frankreich, Großbritannien und andere Länder haben zwar Gespräche über einen Beitrag zu einer solchen Koalition geführt, betonten jedoch, dass sie nur bereit sind zu helfen, die Straße zu öffnen, nachdem die Feindseligkeiten beendet sind. Eine elegante Absage – die Europäer wollen Trumps Karren nicht aus dem Dreck ziehen.

Drittens: Die diplomatische Eskalationsleiter herunter. Der Iran will die Anerkennung seines Rechts auf Urananreicherung für nach eigenen Angaben friedliche, zivile Zwecke. Er besitzt einen Vorrat von etwa 440 Kilogramm Uran, das auf 60 Prozent angereichert ist. Bei weiterer Anreicherung könnte es für mehrere Atomwaffen verwendet werden. Ein Kompromiss wäre denkbar, doch für Trump wäre er nach zwei Monaten Krieg eine politische Bankrotterklärung.

Viertens: die Eskalation. Der gefährlichste Pfad. Und der, auf den Hegseths Auftritt hindeutet.

Das Imperium wankt

Wer Verbündete als „kraftlos und defätistisch“ beschimpft, wer Abgeordnete fragt, für wen sie eigentlich Partei ergreifen, wer kritische Nachfragen zu höheren Benzin- und Lebensmittelpreisen als „Gotcha“-Fragen abtut, argumentiert nicht, sondern flüchtet.

Pete Hegseths Auftritt war kein Beweis von Stärke. Er war das Symptom einer Regierung, die ihren eigenen Krieg nicht mehr im Griff hat: militärisch unentschieden, ökonomisch ruinös, innenpolitisch zur Hypothek geworden. Die Berufung auf „no quarter, no mercy” – einen Befehl, der nach dem Uniform Code of Military Justice und dem Völkerrecht ein Kriegsverbrechen darstellt – zeigt, wie sehr sich diese Administration bereits außerhalb der Leitplanken bewegt, die einst die liberale Weltordnung definierten.

Für Deutschland heißt das: Auf den Schutz Washingtons ist kein Verlass mehr – wohl aber auf seine ökonomischen Erpressungsversuche. Und auf einen Präsidenten, der im Zweifel lieber neue Bomben abwirft, als Fehler zuzugeben. Am Donnerstag wird Trump das Briefing aus dem Centcom erhalten. Was er daraus macht, wird auch in Berlin, München und Hamburg an der Zapfsäule zu spüren sein.