Gesundheit

Weltweite Methanol-Vergiftungen: Tausende Tote durch gepanschten Alkohol

Vergifteter Alkohol sorgt weltweit für tausende Todesfälle. Neue Recherchen zeigen, dass Methanol in offizielle Lieferketten gelangt und viele Ausbrüche unentdeckt bleiben.

Eine Bar in Laos. In dem Land wird wie in vielen anderen ärmeren Staaten Alkohol gepanscht, was in der Vergangenheit zu zahlreichen Todesfällen führte.
Eine Bar in Laos. In dem Land wird wie in vielen anderen ärmeren Staaten Alkohol gepanscht, was in der Vergangenheit zu zahlreichen Todesfällen führte.Copyright: xDreamstimexSendbaima

Methanol-vergifteter Alkohol sorgt weltweit für Todesfälle, schwere Hirnschäden und Erblindungen. Recherchen des britischen Guardian zeigen das Ausmaß eines Problems, das sich seit Jahren ausbreitet und nur selten internationale Aufmerksamkeit bekommt.

Ein Beispiel dafür ist der Fall der Britin Simone White, die im November 2024 nach dem Konsum verunreinigter Getränke in einem Hostel im laotischen Vang Vieng starb. Ihre Freundin Bethany Clarke überlebte, schilderte dem Guardian aber den rasenden Verlauf der Vergiftung. Nach etwa fünf kostenlosen Shots, die Clarke als „verwässert“ empfand, setzte am nächsten Tag ein massiver gesundheitlicher Verfall ein. Clarke berichtete von Erbrechen, Ohnmacht und Orientierungslosigkeit. White entwickelte schwere Symptome, ihre Atmung wurde flach, ihr Gehirn schwoll an. Die Ärzte stellten fest, dass es sich um eine Methanol-Vergiftung handelte. White starb, nachdem die lebenserhaltenden Maßnahmen beendet wurden. Insgesamt kamen in Laos sechs Touristinnen und Touristen ums Leben.

Giftiges Methanol wird immer mehr in Alkoholprodukten gefunden

Laut dem Bericht wird Methanol, ein billiger und hochgiftiger Verwandter von Ethanol, zunehmend in Alkoholprodukten gefunden. Das Risiko steigt überall dort, wo Alkohol teuer, schwer zugänglich oder illegal ist. Methanol kann bereits in geringen Mengen tödlich sein. Nach Angaben des internationalen Methanol-Experten Knut Erik Hovda reichten etwa dreißig Milliliter für eine tödliche Vergiftung. Schon zehn Milliliter können irreversible Erblindung auslösen.

Der Guardian zitiert Hovda mit den Worten, die Vergiftungen seien „eine versteckte Krise“. Ein Team des Universitätsklinikums Oslo und von Médecins Sans Frontières dokumentierte inzwischen Verdachtsfälle aus rund achtzig Ländern. Das Datenmaterial umfasst mehr als eintausend bekannte Vorfälle mit über 41.000 Vergifteten und 14.600 Toten. Hovda warnte, dass dies „nur die Spitze des Eisbergs“ sei. Viele Fälle werden nicht erkannt oder nicht gemeldet, insbesondere in Ländern, in denen Alkohol verboten ist oder stigmatisiert wird.

Auch offiziell verkaufter Gin wurde zur Gefahr

Der Bericht zeigt zudem, dass Methanol längst nicht mehr nur in selbst gebrannten Spirituosen auftaucht. In Brasilien wurde Anfang September eine Serie von Vergiftungen mit offiziell abgefüllten Flaschen Gin in Verbindung gebracht. In São Paulo starb der 27-jährige Rafael dos Anjos Martins Silva nach dem Konsum eines solchen Produkts. Seine Mutter schilderte dem Guardian, wie ihr Sohn zunächst erblindete, in ein Koma fiel und nach fünfzig Tagen im Krankenhaus starb. Die Ermittler stellten Methanol in einer der Flaschen fest. Polizei und Staatsanwaltschaft prüfen Verbindungen zu illegalen Alkoholbetrieben, die Methanol aus Tankstellen bezogen haben sollen.

Sechzehn Todesfälle und sechsundvierzig Vergiftungen wurden in Brasilien allein in diesem Jahr bestätigt. Wie das Blatt berichtet, verschärfte eine zeitgleiche Knappheit von medizinischem Ethanol - einem Gegenmittel - die Lage zusätzlich. Eine weitere Möglichkeit der Behandlung ist hochprozentiger Alkohol, der die giftige Umwandlung von Methanol im Körper blockiert. Hovda erklärte im Guardian, dass Vergiftete bei rechtzeitiger Behandlung meist vollständig genesen könnten.

„Nicht überraschend, dass Menschen illegalen Alkohol herstellen“

Die weltweit schlimmsten Ausbrüche treten jedoch oft fernab der öffentlichen Wahrnehmung auf. Nach Informationen einer Datenbank des Universitätsklinikums Oslo und der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen starben in Iran in den vergangenen zwei Jahrzehnten rund zehntausend Menschen durch Methanol-Vergiftungen. In Indien kamen sechstausendfünfhundert Menschen ums Leben, viele von ihnen in ländlichen Gebieten. In der Türkei starben in den vergangenen zwölf Monaten mehr als einhundertsechzig Menschen. Dort treiben strenge Vorschriften, religiöse Tabus und hohe Steuern einen florierenden Schwarzmarkt an. Ein Geschäftsmann sagte dem Guardian: „Unter diesen Bedingungen ist es nicht überraschend, dass Menschen illegalen Alkohol herstellen oder verkaufen.“

In der Türkei kostet eine Flasche Raki umgerechnet rund 32 Euro, während der monatliche Mindestlohn bei rund 530 Euro liegt. Ein Ankaraer Anwohner sagte dem Guardian, man sei „nicht mehr schockiert“, wenn Berichte über Todesfälle aus Restaurants auftauchten. Die Fälle hätten sich inzwischen normalisiert.

Die internationalen Daten zeigen, wie groß das Problem geworden ist. Laut Ärzte ohne Grenzen wurden zwischen 2015 und 2025 in Russland 2661 Todesopfer erfasst. In Indien waren es 2264, in Indonesien 1099, in Iran 1033 und in der Türkei rund 550. Auch Pakistan, Bangladesch, Kambodscha und Malaysia verzeichnen hohe Zahlen.

Fachleute fordern laut Guardian mehr internationale Präventionsarbeit, Warnsysteme sowie eine bessere Vorbereitung der Kliniken. Ein zentraler Punkt sei, dass Vergiftungen mit Methanol zwar schwer zu erkennen, aber vergleichsweise einfach zu behandeln sind. Ohne rechtzeitige Hilfe kann das Gift jedoch in wenigen Tagen zum Tod führen.

Gemeldete Todesfälle (2015–2025) - Quelle The Guardian
  • Russland 2601
  • Indien 2264
  • Indonesien 1099
  • Iran 1033
  • Türkei 550
  • Pakistan 259
  • Bangladesch 222
  • Kambodscha 191
  • Malaysia 109
  • Marokko 99
  • Kenia 74
  • Philippinen 57
  • Vietnam 47
  • Südafrika 34
  • China 30