Energiekrise

Gasspeicher: EU dürfte 90-Prozent-Ziel vor Winter verfehlen

Ohne zusätzliche Lieferquellen hält die EU-Energieagentur das gesetzliche Speicherziel für kaum erreichbar. Die europäischen Gaspreise sind um rund 40 Prozent gestiegen.

Das LNG-Terminal Mukran steht für Europas stärkere Abhängigkeit von Flüssigerdgas.
Das LNG-Terminal Mukran steht für Europas stärkere Abhängigkeit von Flüssigerdgas.Jens Koehler/imago

Die Europäische Union wird ihre Gasspeicher nach Einschätzung der EU-Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (ACER) bis zum kommenden Winter voraussichtlich nicht wie vorgesehen zu 90 Prozent füllen können.

Wie ACER am Donnerstag mitteilte, ist das gesetzliche Ziel angesichts der Folgen des Iran-Krieges und der angespannten Lage auf dem globalen Markt für verflüssigtes Erdgas (LNG) ohne zusätzliche Bezugsquellen kaum erreichbar. Möglich sei dagegen ein Füllstand von 80 Prozent, den die EU-Regeln in schwierigen Marktphasen als Ausnahme zulassen, so ACER. Dieser Wert dürfte allerdings „zu einem Aufpreis“ erkauft werden und bleibe anfällig für Lieferunterbrechungen.

Knappes Angebot auf dem Weltmarkt

Um das 90-Prozent-Ziel zu erreichen, müsste die EU ihre LNG-Importe nach Angaben von ACER gegenüber 2025 um 13 Prozent erhöhen. Die Schließung der Straße von Hormus, durch die normalerweise rund ein Fünftel des weltweiten LNG transportiert wird, sowie iranische Angriffe auf katarische Gasanlagen haben das globale Angebot verknappt. Die Reparatur werde nach katarischen Angaben Jahre dauern.

Europäische Käufer konkurrieren nun stärker mit asiatischen Abnehmern um flexible LNG-Ladungen, was die europäischen Gaspreise nach Angaben von Reuters um rund 40 Prozent verteuert hat.

Die Speicher in der EU sind derzeit nach Daten des europäischen Branchenverbands der Gasinfrastrukturbetreiber Gas Infrastructure Europe zu 31 Prozent gefüllt, dem niedrigsten Wert für diese Jahreszeit seit 2022, als Russland seine Lieferungen drosselte. Aus den Speichern stammt im Winter üblicherweise bis zu einem Drittel des EU-Gasbedarfs. Die hohen Preise schrecken Unternehmen davon ab, Gas zur Einspeicherung zu kaufen, wie Reuters berichtet.

Brüssel mahnt frühe Befüllung an

Die Europäische Kommission hat die Mitgliedstaaten bereits am 23. März aufgefordert, die Befüllung so früh wie möglich zu beginnen. Energiekommissar Dan Jørgensen verwies in einem Schreiben an die Energieminister auf die Flexibilität der EU-Speicherverordnung, die unter bestimmten Bedingungen ein niedrigeres Ziel oder einen längeren Befüllzeitraum erlaubt.

Die Gas-Koordinierungsgruppe, ein Gremium aus Kommission, Mitgliedstaaten und Industrie, bestätigte am 9. April, dass die EU-Infrastruktur ausreiche, um die Speicher bis zum 1. November auf mindestens 80 Prozent zu füllen. Akute Risiken für die Versorgungssicherheit sehe man derzeit nicht. Die Kommission kündigte zudem an, die Bemühungen der Mitgliedstaaten zu koordinieren, um zeitgleiche Käufe und neue Preisspitzen zu vermeiden.