Die deutschen Gasspeicher sind für den Rest dieses Winters zwar ausreichend gefüllt, doch die Branche schlägt Alarm: Die infolge des Iran-Kriegs massiv gestiegenen Gaspreise könnten die Wiederbefüllung der Speicher für die Heizperiode 2026/27 erheblich erschweren. Die Initiative Energien Speichern (Ines), in der über 90 Prozent der deutschen Gasspeicherkapazitäten organisiert sind, fordert eine politische Debatte über neue Sicherungsmechanismen – einschließlich einer strategischen Gasreserve.
„Die Versorgung für den restlichen Winter ist gesichert. Die eigentliche Herausforderung liegt jetzt vor uns – bei der Wiederbefüllung der Speicher für den kommenden Winter“, sagte Ines-Geschäftsführer Sebastian Heinermann. Der bestehende gesetzliche und regulatorische Rahmen sichere die Gasversorgung nicht ausreichend ab, weil die Anreize zur Befüllung der Gasspeicher unzureichend seien.
Gaspreise haben sich seit Kriegsbeginn verdoppelt
Der Börsengaspreis am niederländischen Handelsplatz TTF hat sich seit Beginn des Iran-Kriegs zeitweise verdoppelt. In der Spitze wurden knapp 66 Euro pro Megawattstunde (MWh) gezahlt – der höchste Stand seit Januar 2023. Zuletzt lag der Preis bei rund 50 Euro und damit immer noch mehr als 50 Prozent über dem Niveau vor Kriegsbeginn.
Auslöser der Preisexplosion ist die Blockade der Straße von Hormus durch den Iran. Über diese Meerenge werden rund 20 Prozent des weltweiten Handels mit Flüssigerdgas (LNG) abgewickelt. Verschärfend kommt hinzu, dass der katarische Staatskonzern Qatar Energy seine LNG-Produktion vollständig eingestellt hat, nachdem iranische Drohnen die Verflüssigungsanlagen in Ras Laffan und Mesaieed angegriffen hatten. Katar ist nach den USA der weltweit zweitgrößte LNG-Exporteur. Es dürfte mindestens einen Monat dauern, bis die Produktionsmengen wieder das normale Niveau erreichen.
Analysten warnen vor weiteren Preissteigerungen. ING-Analyst Frantisek Taborsky hält einen Anstieg auf 80 bis 100 Euro pro MWh für möglich, sollten die Lieferengpässe länger andauern. Goldman Sachs rechnet bei einem einmonatigen Komplettausfall der Transporte durch die Meerenge mit einem TTF-Preis von 74 Euro und erwartet für April nun rund 55 Euro statt der zuvor prognostizierten 36 Euro.
Fehlende Marktanreize für die Speicherbefüllung
Das zentrale Problem für die Wiederbefüllung der Speicher liegt in einer verkehrten Preisstruktur auf den Gasmärkten: Lieferungen für den kommenden Winter werden derzeit günstiger gehandelt als solche für den Sommer. Private Akteure haben deshalb keinen wirtschaftlichen Anreiz, im Sommer teures Gas einzukaufen und einzulagern, wenn es im Winter theoretisch günstiger direkt geliefert werden könnte. Sollten die Versorgungswege dann jedoch unterbrochen sein, nützen Lieferverträge nichts.
Die deutschen Gasspeicher sind derzeit nur zu rund 20 Prozent gefüllt – im Durchschnitt der Jahre 2017 bis 2021 lag der Füllstand zu diesem Zeitpunkt bei über 40 Prozent. In den Niederlanden sind es sogar nur noch zehn Prozent. Sollten die Entnahmen weiterhin auf dem Niveau des Fünfjahresdurchschnitts liegen, wären dann Einspeisungen von rund 60 Milliarden Kubikmetern nötig – fast 30 Prozent mehr als im Fünfjahresdurchschnitt.
Forderung nach strategischer Gasreserve
Die Speicherbetreiber bringen deshalb den Aufbau einer strategischen Reserve ins Spiel. „Sollte der Staat den Aufbau einer strategischen Reserve als ein Instrument ins Auge fassen, empfehlen wir eine Dimensionierung von rund 78 Terawattstunden“, sagte Heinermann. Damit könnten externe Schocks – etwa ein Ausfall norwegischer Importpipelines – über 90 Tage kompensiert werden.
Simone Tagliapietra, Energieexperte der Denkfabrik Bruegel, sieht die EU-Kommission in der Pflicht: Diese solle eine europaweite Strategie zur Reduzierung der Gasnachfrage und zur stärkeren Koordinierung der Speicherbefüllung erarbeiten. Auch eine ICIS-Analyse deutet auf einen möglichen Gasmangel in Mitteleuropa hin, sollte die Schließung der Straße von Hormus länger andauern.
Bundesnetzagentur: Versorgung stabil, aber Risiken
Die Bundesnetzagentur stuft die aktuelle Versorgungslage als stabil ein. Deutschland beziehe sein LNG derzeit vorwiegend aus den USA, Gas vom Persischen Golf spiele für die direkte Versorgung keine wesentliche Rolle. Allerdings räumt die Behörde ein, dass es Preiseffekte auf den Weltmärkten gebe, die auch in Deutschland spürbar werden könnten – abhängig von der Dauer des Konflikts und den jeweiligen Vertragsbedingungen. Private Haushalte mit langfristigen Verträgen und Preisgarantien seien kurzfristig nicht betroffen.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche betonte in der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“, Deutschland erhalte aus der Region „keine signifikanten Mengen an LNG“ und erwarte daher keine Gasknappheit.
Europas Verwundbarkeit bleibt bestehen
Massimo Di Odoardo, Vizepräsident für Gas- und LNG-Forschung bei Wood Mackenzie, warnte, dass die Unterbrechung der LNG-Lieferungen den Wettbewerb zwischen Asien und Europa um verfügbare Ladungen neu entfachen werde. Da 82 Prozent der katarischen LNG-Exporte nach Asien gehen – vor allem nach China, Indien und Südkorea –, suchen asiatische Abnehmer nun nach Alternativen, was die Preise auch auf dem europäischen Markt nach oben treibt.
Die Situation erinnert an die Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022, als der Gaspreis zeitweise auf über 300 Euro pro MWh stieg. Zwar hat Europa seine Lieferquellen seither diversifiziert, doch der Anteil fossiler Energieträger am deutschen Primärenergieverbrauch liegt nach Berechnungen auf Basis der Energiebilanzen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) mit rund 76,9 Prozent nahezu unverändert auf dem Niveau von 2021. Solange diese grundsätzliche Abhängigkeit bestehe, bleibe Deutschland anfällig für geopolitische Verwerfungen auf den Energiemärkten.

