Immer mehr Frauen in Südafrika lernen den Umgang mit Schusswaffen oder trainieren Kampfsport, um sich gegen Gewalt zu schützen. Hintergrund ist die extreme Verbreitung von geschlechtsspezifischer Gewalt im Land, die von der Regierung im vergangenen Jahr sogar als nationale Katastrophe eingestuft wurde.
Auf einem Schießstand in der Kleinstadt Bronkhorstspruit nahe der Hauptstadt Pretoria üben Mädchen und Frauen im Alter von 13 bis 65 Jahren mit 9-Millimeter-Pistolen. Unter Anleitung von Trainerinnen lernen sie neben der sicheren Handhabung von Waffen auch Szenarien zur Selbstverteidigung.
Viele Teilnehmerinnen berichten, dass persönliche Erfahrungen sie zu dem Training bewegt haben. Die 51-jährige Sunette du Toit etwa begann nach einem Überfall auf ihr Haus mit fünf Tätern, bei dem sie gefesselt wurde, mit dem Schießtraining. Sie habe damit ihr Selbstvertrauen zurückgewinnen wollen, sagte sie der Nachrichtenagentur AP.
Neben Waffenunterricht boomen auch Selbstverteidigungskurse. In Johannesburg besuchen Frauen etwa Trainings in der Kampfsportart Jiu-Jitsu. Dort lernen sie unter anderem, sich aus Würgegriffen zu befreien oder Angriffe abzuwehren, um fliehen zu können.
Femizide deutlich über weltweitem Durchschnitt
Die Zahlen zur Gewalt gegen Frauen in Südafrika sind alarmierend. Nach Angaben der UN-Organisation UN Women sind die Femizid-Raten im Land fünf- bis sechsmal höher als im weltweiten Durchschnitt. Studien zufolge hat mehr als ein Drittel der südafrikanischen Frauen über 18 Jahre körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt – häufig durch einen Partner.
Frauenrechtsorganisationen schätzen, dass im Schnitt etwa 15 Frauen täglich durch geschlechtsspezifische Gewalt getötet werden. Gleichzeitig ist die Verurteilungsrate bei Vergewaltigungen sehr niedrig. Laut Amnesty International führten nur rund acht Prozent der gemeldeten Fälle im Jahr 2021 zu einer Verurteilung.

Präsident Cyril Ramaphosa erklärte Gewalt gegen Frauen und Mädchen deshalb offiziell zur nationalen Katastrophe. Aktivisten kritisieren jedoch, dass viele Maßnahmen bislang nicht ausreichend umgesetzt wurden und es an Frauenhäusern sowie an Ressourcen für Polizei und Justiz fehlt.
Während Behörden neue Programme ankündigen, setzen viele Frauen zunehmend auf eigene Schutzmaßnahmen – auch wenn Experten warnen, dass dies das grundlegende Problem der Gewalt nicht löst. „Wir sehen ganz normal aus“, sagte eine Teilnehmerin eines Schießkurses. „Aber wir wollen lernen, uns zu verteidigen.“


