Der Streit um die seit Wochen unterbrochene Druschba-Pipeline erhält neue Brisanz. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters wurde über den südlichen Strang nicht nur russisches, sondern auch ukrainisches Rohöl nach Ungarn und in die Slowakei transportiert.
Vor dem Ausfall der südlichen Druschba-Leitung vor rund einem Monat sei über diese Route auch ukrainisches Rohöl nach Ungarn und in die Slowakei exportiert worden. Das berichten drei mit der Angelegenheit vertraute Branchenquellen der Nachrichtenagentur Reuters. Bislang war öffentlich vor allem vom Transport russischen Öls über diesen Pipeline-Abschnitt die Rede.
Die Lieferungen über den südlichen Strang sind seit dem 27. Januar ausgesetzt. Die ukrainische Regierung führt dies auf einen russischen Angriff auf Pumpanlagen in der Westukraine zurück. Moskau weist diese Darstellung zurück und wirft Kiew vor, die Energieversorgung Europas zu gefährden. Eine unabhängige Bestätigung der jeweiligen Angaben liegt bis heute nicht vor.
Ukraine speiste eigenes Öl ein
Nach Angaben einer der von Reuters zitierten Quellen speiste die Ukraine vor dem Ausfall monatlich rund 40.000 Tonnen Rohöl in die Pipeline ein. Die beiden weiteren Quellen bestätigten Exporte, nannten jedoch keine Mengen. Alle drei wollten wegen der Sensibilität des Themas anonym bleiben.
Reuters zufolge erfolgte die Einspeisung in der westukrainischen Stadt Brody. Von dort verläuft der südliche Druschba-Strang weiter Richtung Mitteleuropa. Über diesen Abschnitt werden nach aktuellen Transitdaten vor allem Ungarn und die Slowakei versorgt. Das ungarische Energieunternehmen MOL bestätigte Reuters, neben russischem auch ukrainisches Rohöl zu beziehen, um die Versorgung zu diversifizieren. Weitere Details nannte das Unternehmen nicht. Die Regierungen in Budapest und Bratislava reagierten zunächst nicht auf Anfragen der Nachrichtenagentur.
Einnahmequelle für Ukraine entfällt
Mit der Unterbrechung der Pipeline verliert die Ukraine nach Einschätzung der Branchenquellen eine Export- und Einnahmequelle. Die Erlöse seien für den Staatshaushalt relevant. Sollte der Lieferstopp länger andauern, könnte Kiew gezwungen sein, die eigene Förderung zu drosseln.
Aktuelle offizielle Produktionszahlen veröffentlicht die Ukraine nicht. Seit Beginn der russischen Invasion vor vier Jahren stuft Kiew Daten zur Ölverarbeitung und zu Exporten als vertraulich ein. Ukrainische Medien berichteten, dass der staatliche Ölkonzern Ukrnafta im Jahr 2024 rund 1,4 Millionen Tonnen Rohöl gefördert habe. Reuters konnte das nicht unabhängig verifizieren.
Bereits zu Beginn des Krieges im Februar 2022 griff Russland gezielt ukrainische Raffinerien an. Nach Branchenangaben war spätestens Mitte 2025 die letzte größere Raffineriekapazität weitgehend zerstört. Seitdem ist die Ukraine darauf angewiesen, ihr gefördertes Rohöl auszuführen, da eine nennenswerte inländische Verarbeitung nicht mehr möglich ist. Der südliche Druschba-Strang sei dafür die einzige verbliebene Exportmöglichkeit gewesen.
Druschba-Pipeline: Politischer Konflikt in der EU
Der Pipeline-Ausfall hat die Spannungen innerhalb der Europäischen Union verschärft. Ungarn und die Slowakei zählen zu den wenigen EU-Staaten, die weiterhin in größerem Umfang russisches Öl beziehen. Beide Regierungen werfen der Ukraine vor, die Unterbrechung bewusst in die Länge zu ziehen. Kiew weist diesen Vorwurf zurück.
Budapest hat zuletzt EU-Maßnahmen gegen Russland blockiert und ein 90 Milliarden Euro schweres EU-Darlehen für die Ukraine verzögert. Zudem stoppte Ungarn zeitweise Diesellieferungen. Die Europäische Kommission hat sich im konkreten Streit um die Ursache des Pipeline-Ausfalls bislang nicht eindeutig positioniert.



