Berlin

Verkehrsforscher warnen: „Zurückgehende Zivilisierung im Verkehr“

Immer mehr Berliner Verkehrsteilnehmer verstoßen gegen die Regeln und die Behörden greifen konsequent durch. Die Zahl der geahndeten Delikte steigt Jahr für Jahr.

Morgendlicher Berufsverkehr an der Kreuzung Schönhauser Allee, Eberswalder Straße in Prenzlauer Berg.
Morgendlicher Berufsverkehr an der Kreuzung Schönhauser Allee, Eberswalder Straße in Prenzlauer Berg.Jürgen Ritter/imago

Mit knapp vier Millionen Einwohnern ist es wenig überraschend, dass es auf Berlins Straßen mitunter eng wird. Wie aus Daten der Berliner Polizei hervorgeht, wurden im Jahr 2024 rund 4,2 Millionen Anzeigen wegen Verkehrsverstößen registriert, etwa 150.000 mehr als im Vorjahr. Auch für das laufende Jahr rechnet der RBB mit einem weiteren deutlichen Anstieg. Problematisch für den Berliner Senat: Nur 3,8 Millionen dieser Verstöße konnten tatsächlich geahndet werden.

Im ersten Halbjahr 2025 wurden bereits 2,5 Millionen Verkehrsdelikte gemeldet, knapp 60 Prozent davon waren Parkverstöße. Die Behörden verzeichneten 2024 einen Anstieg der Gesamtverstöße um elf Prozent. Hauptursache war laut Polizei die Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung. Noch stärker fiel der Zuwachs bei Rotlicht- und Geschwindigkeitsverstößen aus. Hier stiegen die Zahlen um 16 beziehungsweise 18 Prozent.

Verkehrsforscher sprechen von „Entgleisung der Kulturen“

Verkehrsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin zeigt sich über diese Entwicklung nicht überrascht: „Wir erleben eine zurückgehende Zivilisierung im Verkehr“, so Knie. Er spricht von einer „Entgleisung der Kulturen“. Auch die Berliner Polizei sieht die Entwicklung mit Sorge: „Es ist definitiv mehr geworden an Delikten“, sagt Oberkommissar B. „Das stellen wir bei unseren Kontrollen klar fest.“

Ein besonderes Ärgernis für den Senat sind die nicht geahndeten Verstöße. Laut Berechnungen des RBB hätte die Berliner Bußgeldstelle im Jahr 2024 rund zwölf Millionen Euro mehr einnehmen können, wären alle Delikte verfolgt worden. Zum Vergleich: Mit dieser Summe könnten die Bezüge des Regierenden Bürgermeisters und seiner Senatorinnen und Senatoren mehr als sechs Jahre lang finanziert werden. „Das ist skandalös viel“, sagt Andreas Knie.