Heftigste Unruhen seit 1979

Berichte über 2000 Tote: Irans Straßen im Ausnahmezustand – kommt es zum Krieg mit den USA?

Über 2000 Tote bei Iran-Protesten. Trump droht mit Vergeltung, Teheran macht USA verantwortlich. Doch die wahren Pläne bleiben verborgen.

Proteste gegen die Regierung in Teheran gab es auch international wie hier in London.
Proteste gegen die Regierung in Teheran gab es auch international wie hier in London.imago/Photo by Amanda Rose/Avalon

Die Massenproteste im Iran haben nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen mehr als 2000 Todesopfer gefordert. Während US-Präsident Trump mit militärischen Maßnahmen droht, macht Teheran die USA und Israel für die Gewalt verantwortlich und fordert die Vereinten Nationen zum Handeln auf.

Mindestens 2003 Menschen wurden nach Angaben der US-amerikanischen Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists News Agency (HRANA) bei den Protesten im Iran getötet. Darunter befinden sich laut der Organisation 1850 Demonstranten, 135 Regierungsangehörige, neun unbeteiligte Zivilisten sowie neun Kinder. Diese Opferzahlen lassen sich aufgrund der eingeschränkten Informationslage derzeit nicht unabhängig überprüfen.

Zahlen alle aus dem Ausland

Die norwegische Organisation Iran Human Rights bestätigte bislang 734 getötete Protestierende, wobei deren Direktor Mahmood Amiry-Moghaddam gegenüber der Nachrichtenagentur AFP erklärte, die tatsächliche Zahl der Toten liege vermutlich in den Tausenden.

Ein iranischer Regierungsvertreter bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters ebenfalls rund 2000 Tote, machte jedoch „Terroristen“ für die Gewalt verantwortlich.

Trump droht

US-Präsident Donald Trump kündigte auf seiner Plattform Truth Social an, iranische Behörden würden „einen hohen Preis zahlen“, und forderte die Menschen auf, weiter zu protestieren. „Ich habe alle Treffen mit iranischen Vertretern abgesagt, bis das sinnlose Töten von Demonstranten aufhört. Hilfe ist unterwegs“, schrieb Trump unter Verwendung des Kürzels „MIGA“ – Make Iran Great Again. In einem Interview mit dem US-Sender CBS drohte er mit „sehr starken Maßnahmen“, sollte Iran beginnen, Protestierende hinzurichten.

Iran macht USA und Israel verantwortlich

Irans UN-Botschafter Amir-Saeid Iravani wandte sich in einem Brief an UN-Generalsekretär António Guterres und den Präsidenten des UN-Sicherheitsrats. Darin forderte er die Vereinten Nationen auf, alle Formen der Aufstachelung zur Gewalt durch die USA zu verurteilen und Washington sowie Israel aufzufordern, ihre „destabilisierende Politik“ sofort einzustellen.

„Die Vereinigten Staaten und die israelische Regierung tragen die direkte und unbestreitbare rechtliche Verantwortung für den Verlust unschuldiger Menschenleben, insbesondere unter der Jugend“, erklärte Iravani.

Teheran: Haben Dialog gesucht

Außenminister Abbas Araghchi sagte dem Sender Al Jazeera, die Regierung habe zunächst den Dialog mit Demonstranten gesucht, sei jedoch zum Handeln gezwungen worden, nachdem „trainierte Terrorgruppen“ aus dem Ausland die Proteste unterwandert hätten.

Ayatollah Ali Khamenei, der 86-jährige Oberste Führer des Landes, erklärte bei staatlich organisierten Kundgebungen, man habe „die Pläne ausländischer Feinde neutralisiert, die von inländischen Söldnern ausgeführt werden sollten“.

Massive Ausbreitung der Unruhen

Die Proteste begannen am 29. Dezember 2025, als Händler in Teheran gegen den dramatischen Verfall der iranischen Währung Rial auf die Straße gingen. Bereits am nächsten Tag schlossen sich Studenten der Universitäten an.

Die Unruhen breiteten sich auf 180 Städte in allen 31 Provinzen aus und entwickelten sich zu einer der schwersten Herausforderungen für das klerikale Establishment seit der Islamischen Revolution von 1979.

Lage in Krankenhäusern wie im Krieg

Professor Shahram Kordasti, ein in London ansässiger iranischer Onkologe, berichtete dem BBC-Programm Newsday, eine Nachricht eines Kollegen aus Teheran habe gelautet: „In den meisten Krankenhäusern ist es wie in einem Kriegsgebiet. Uns fehlen Vorräte, uns fehlt Blut.“

Videos aus dem Forensischen Zentrum Kahrizak in Teheran zeigten nach BBC-Zählung mindestens 180 in Leichentücher gehüllte Körper und Leichensäcke.

Mehr als 16.780 Demonstranten wurden laut HRANA festgenommen. Ein 26-jähriger Mann namens Erfan Soltani wurde nach Angaben seiner Familie und der kurdischen Menschenrechtsorganisation Hengaw bereits zum Tode verurteilt – nur zwei Tage nach seiner Festnahme am vergangenen Donnerstag. „Wir haben noch nie erlebt, dass ein Fall so schnell abgewickelt wurde“, sagte Awyar Shekhi von Hengaw der BBC.

Begrenzte militärische Optionen für Washington

Nach Informationen des Politikmagazins Politico verfügt die US-Regierung derzeit über eingeschränkte militärische Optionen gegenüber Iran. Truppen und Schiffe, die dem Präsidenten zuvor zur Verfügung gestanden hätten, seien in die Karibik verlegt worden. Trump könne zwar weiterhin Luftangriffe auf iranische Führungspersönlichkeiten oder Militäreinrichtungen anordnen, seine Möglichkeiten seien jedoch geringer als im Juni, als die USA iranische Nuklearanlagen angriffen.

Gleichzeitig signalisierte Außenminister Araghchi Gesprächsbereitschaft, warnte jedoch, Iran sei auch auf andere Optionen vorbereitet – „falls die USA die militärische Option testen wollen, die sie in der Vergangenheit bereits getestet haben“.

Experten: Regierung kauft nur Zeit

Ali Vaez, Iran-Projektdirektor der International Crisis Group, erklärte gegenüber der New York Times: „Das Regime spürte eine existenzielle Angst und ließ die eiserne Faust niedergehen. Diese Runde ist wohl vorbei.“ Da die Regierung jedoch nur unterdrücken, nicht aber die zugrundeliegenden Ursachen angehen könne, kaufe sie lediglich Zeit bis zur nächsten Konfrontation zwischen Staat und Gesellschaft.

Vali Nasr, Iran-Experte an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies, betonte bei einer Veranstaltung des Quincy Institute: „Die Proteste waren äußerst bedeutsam, und selbst wenn sie abebben, ist die Wut, die sie hervorgebracht haben, nicht verschwunden.“

Westliche NGOs sehen Umsturz

Ellie Geranmayeh vom European Council on Foreign Relations wies darauf hin, dass nach fast 50 Jahren die Islamische Revolution offenbar an ihr Ende gekommen sei. Eine neue Generation habe andere Ziele und weniger Bereitschaft, nach strengen islamischen Gesetzen zu leben, die von der Elite selbst missachtet würden.

Eine nachhaltige Reform erfordere letztlich eine Vereinbarung mit Washington: „Nur ein umfassendes Abkommen mit Washington wird den ständigen Schatten von Krieg und Sanktionen entfernen, unter dem zu viele Generationen von Iranern gelebt haben.“

Internationale Reaktionen

UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk forderte die iranischen Behörden auf, alle Formen von Gewalt und Unterdrückung gegen friedliche Demonstranten sofort einzustellen. Die Bezeichnung von Protestierenden als „Terroristen“ zur Rechtfertigung von Gewalt sei inakzeptabel. Die britische Außenministerin Yvette Cooper bestellte den iranischen Botschafter ein, um gegen das „entsetzliche und brutale Töten iranischer Demonstranten“ zu protestieren.

Das Internet im Iran ist seit mehr als 120 Stunden weitgehend abgeschaltet, wie der Monitor NetBlocks berichtet. Ein Bewohner nahe Teheran mit Zugang über den Satellitendienst Starlink berichtete BBC Persian, es gebe „Kontrollpunkte in jedem Block“, an denen Sicherheitskräfte Autos und Mobiltelefone der Insassen überprüften.